Picasso: Zweite Szene – Teil 4

Szenerie:

Die Zweite tritt auf, nach der Mode der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts gekleidet, untermalt von zeitgenössischer Musik dieser Jahre.

Die Erste: Pablo, was soll das? Im Bannkreis deiner Sphäre werde ich hierher gezwungen, nur um ignoriert, misshandelt, beleidigt zu werden! Dora Maar bin ich, einst deine heiß geliebte Do, die dir bis heute treu geblieben. Diese hier (auf Die Zweite weisend) hast du mir vorgezogen, weil sie fünfzehn Jahre jünger ist als ich und vermutlich über ein dir gemäßeres Temperament verfügt. Bist du deshalb glücklicher? Ich liebe dich noch heute. Aber ich werde an dieser Liebe nicht zugrunde gehen, weil ...
Pablo: Wer bist du? Eine meiner gewesenen, noch – oder schon wieder – Gesponsinnen? Wer bist du, sag es mir. Du musst es meinen einundneunzig Jahren zugute halten.
Die Erste: Bist du verblödet?
Pablo: Ich glaube nicht!
Die Erste: Blöd nicht – oder vielleicht doch?
Pablo: Glauben heißt nichts wissen.
Die Erste: Dann rate doch einmal.
Pablo: Dora Maar? Das kann jede sagen.
Die Erste: Ich bin Dora Maar, verstehst du? Wegen der du diese Blöde , Marie-Therese, die sich vor dir und mir bei jeder nur denkbaren, unmöglichen Gelegenheit nackt auszieht, geschasst und schließlich, endlich jene (auf Die Zweite zeigend) noch Blödere genommen.
Pablo: D’accord! Aber wer bist du? Kann mich nicht erinnern dich jemals schon gesehen zu haben!
Die Erste: Blöd also doch?
Die Zweite: Nicht blöd, nur ein Idiot! Schon seit jeher!
Die Erste: Ich bin Dora Maar, die dich noch immer liebt.
Pablo: Verstehe.
Die Erste: Aber ich werde an dieser Liebe nicht zugrunde gehen, weil ...
Pablo: Weil?
Die Erste: Weil meine Gefühle und Gedanken auf Höheres gerichtet sind. Meine Welt ist eine transzendent-geistige, welche über der Deinigen steht, die eine sinnlich-materialistische ist. Mein Rückerinnern an dich ist überlagert von tiefem Mitleid und Bedauern, das ich für dich empfinde. Ich bedauere, dass es mir nicht gelungen ist, dass mir die Kraft gefehlt hat, dich zu einem besseren, edleren Menschen zu machen; dein Unsterbliches vor dem Bösen zu retten.
Pablo: Was ist das Böse?
Die Erste: Ich habe es dir oftmals begreiflich zu machen versucht; in meinen Gebeten, in persönlichen Gesprächen, Briefen, die ich Dir geschickt.
Pablo: Unbeständigkeit?
Die Erste: Du treibst Abwechslung in der Liebe um deine Kunst in ihrer Vielseitigkeit voll entfalten zu können. Denn nie zeigt sich deine schöpferische Kraft mit solcher Vehemenz wie im Fieber deiner Affären.
Pablo: Ergo unerlässlich für mich; bin eben in erster Linie Künstler.
Die Erste: Mit jedem neuen Liebeserlebnis schreitet dein Schaffen voran, gewinnt neuen Schliff, neue Sprache, neue Ausdrucksformen, die ich exakt mit bestimmten Frauennamen in Beziehung bringe.
Pablo: Nenne sie mir.
Die Erste: Intime Episoden kannst du nicht entbehren, das weiß ich. Aus ihnen schöpfst du die größere Aussagekraft deiner Kunst als jeder andere Maler.
Pablo: Das akzeptiere ich.
Die Erste: Ich bin nicht die Donna Elvira eines Don Giovanni, die sich in den Kopf gesetzt hat, den Verführer, und sei es um den Preis ihres eigenen Untergangs, zu bessern. Ich bin auch nicht die Verführte, Betrogene, Ausgebeutete, als welche sich zum Beispiel Marie-Therese fühlt. Im Gegenteil: Ich habe dich verführt, habe dich ihr weggenommen, wofür sie mich - in deiner Gegenwart – handgreiflich attackierte.
Pablo: Die Wahnsinnige. Soll sie sich umbringen!
Die Erste: Ich weiß, dass du – uneingestandener maßen, auch heute noch – genauso an mir hängst wie ich an dir – trotz deiner einundneunzig Jahre. Woran ist unsere Beziehung gescheitert?
Pablo: Woran?
Die Erste: Ist sie denn gescheitert, obgleich wir schon lang nicht mehr zusammen wohnen? Mein Hochmut hindert mich daran eifersüchtig zu sein wie Marie-Therese oder Olga. Was ich mit dir teilen durfte war einzigartig und ich habe es nie mit dem verglichen was vor mir war oder später. Vielleicht beeindruckt Dich gerade dieser Wesenszug von mir so sehr.
Pablo: Das gebe ich ohne weiteres zu.
Die Erste: Du sagtest mir, auf dem Bild Guernica sei ich die Lichtträgerin; mit der Lampe in der Hand, auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Gemetzel. Aber ich bin auch die Weinende Frau. Du bist in Wahrheit immer von der Furcht besessen, allein gelassen zu werden. Das ist vermutlich der psychologische Hintergrund deines grotesken Ticks, allen deinen Geliebten das Angebot zu machen, dir Kinder zu gebären. Du willst sie damit an dich ketten. Wenn sie aber so dumm sind auf diese Masche einzusteigen, stellst du sie – pervers, aber wahr - auf’s Abstellgleis. Du bist der Mann mit dem absoluten Blick mit dem du alles sehen kannst nur den Tod nicht, der dir unmittelbar bevorsteht. Das spüre ich. Es sind die Augen des Todes, die aus den – weit aufgerissenen, starren – Raubtieraugen dieses, deines letzten, Selbstbildnisses blicken, Pablo.
Szenerie:

An der Wand erscheint die Projektion von Picassos Selbstporträt „Sitzender alter Mann 1970/71“, untermalt von düsterer, aufwühlender Musik.

Die Erste: Mich auf dem Altar deiner Kunst zu opfern war und bin ich allzeit bereit; spiele verrückt wegen dir, lasse mich mit Elektroschocks ertöten.
Pablo: Davon weiß ich nichts! Du flunkerst!
Die Erste: Dennoch werde ich dir ein liebendes Andenken bewahren, denn du hast mich reich beschenkt, obgleich du Kommunist geworden, mir schließlich (auf Die Zweite zeigend) diese hier vorzogst.
Pablo: Hab es nicht verhindern können; drangeschmissen hat sie sich an mich!
Die Erste: Immerhin hast du mir Mènerbes, das Haus der Skorpione, geschenkt und wenn ich die zahlreichen – mir von Dir übereigneten – Bilder und Erstdrucke in Büchern zu Geld machen würde, so wäre ich Multimillionärin. Du hast mich zu Tod verletzt, doch dein Genie befiehlt mir, meinen Schmerz zu überwinden. Ist es nicht mein einziger Ruhm, die Geliebte Picassos gewesen zu sein? Hat nicht die Beziehung zu dir meinem Namen Unsterblichkeit verliehen?
(Die Erste tritt in den Hintergrund und verschwindet.)
Szenerie:

An der Wand erscheint die Projektion der Lithographie „Françoise mit verbundenem Kopf, 1946“; untermalt von dramatisch-aggressiver Musik.

Die Zweite (in den Vordergrund tretend, an das Publikum gewendet): Hier spricht Françoise Gilot, eine der Exfreundinnen des derzeit noch lebenden, total vergreisten, einem senilen Sex verfallenen, dem Kommunismus anhängenden, berüchtigten Pseudo-Künstlers Pablo Picasso. Ich lege keinen Wert darauf, dass mein Name medial durch Konnexion mit dem seinen entwürdigt wird, denn ich befinde mich in einer gesellschaftlichen Position, welche auf derartige Reklame verzichten kann. Die Liaison mit Picasso betrachte ich als eine meiner Jugendsünden, welchen wohl manche junge Frauen aus guter Familie fallweise ausgesetzt sein mögen. Es ist richtig, dass ich einen Sohn und eine Tochter habe, deren Vaterschaft Picasso unzweideutig für sich in Anspruch nehmen darf. Es ist auch richtig, dass ich meine Erlebnisse mit dem Genannten in einem Buch des Titels "Leben mit Picasso" veröffentlicht habe. In einem Prozess, den er diesbezüglich gegen mich geführt hat, ist Picasso, wie übrigens in allen Dingen, die Seriosität für sich in Anspruch nehmen dürfen, der Verlierer. Gewinner ist Picasso, soweit mir bekannt, nur dann, wenn es sich um die Verführung unbedachter oder schutzloser, teilweise sogar minderjähriger, Frauen, die Übervorteilung käuflicher Mädchen, oder die Vermarktung seiner – im übrigen ästhetisch blamablen – sogenannten "Kunsterzeugnisse" handelt. Durch subversive politische Betätigung – er ist unter anderem auch Mitglied der kommunistischen Partei Frankreichs – und sonstige – anrüchige – Transaktionen versteht er es aber, seine – weitgehend pornographischen – "Kunsterzeugnisse" in der internationalen Szene zu phänomenalen Preisen, die realiter in überhaupt keinem Verhältnis zu ihrem ästhetischen Wert stehen, auf den Markt zu werfen. Aus eigener Erfahrung und Kenntnis würde ich Palbo Picasso als einen Hort der Untugend apostrophieren; als Individuum, dem es geziemen sollte, anstatt der krankhaften Sucht, ständig im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen, besser in sich zu kehren und auf seinen  - vermutlich in Kürze bevorstehenden – Tod und das, was danach seiner harrt, Bedacht zu nehmen. Denn, wie es sich zeigt, kennt der – als Künstler wie als Mensch - frappant atypische Picasso in seiner Vergreisung nur mehr drei Malthemen: Extrempornographie, Verhunzung älterer Meister, oder beides zugleich.
Szenerie:

Es erscheinen auf der Wand nach einander die Projektionen nachstehender fünf Gemälde bzw. Zeichnungen. Die letzte Zeichnung bleibt bis zum Abtreten Der Zweiten sichtbar. Hierzu Untermalung mit einer dem jeweiligen Milieu entsprechenden Musik.

Die Zweite: Mit seinen einundneunzig Jahren malt und zeichnet Picasso nach dem obigen Schema wie besessen, unausgesetzt, ohne Unterlass, noch heute. Größter Maler aller Zeiten, so wie Hitler Größter Feldherr aller Zeiten; Ichsucht eines Wahnsinnigen, könnte man es nennen. Weiß sich zu institutionalisieren als produktivster, fantasievollster, unbändigster Künstler aller Zeiten! Der internationale, von üblen Einflüssen aus dem kommunistischen Lager zielgerichtete Picasso-Kult ist eine eindeutig destruktive, zersetzende Abnormität  und sollte unterbunden werden! Picasso-Wahn, Picasso-Sucht, Picasso-Mode sind dekadente Zeiterscheinungen des Verfalls. Wir müssen trachten, unsere Gesellschaft von derartigen degenerativen Einflüssen zu befreien, denn es handelt sich bei ihnen um etwas Abartiges, Verlogenes, das den sozialen Fortschritt durchaus negativ beeinflusst. Picasso sollte als das entlarvt werden was er in Wahrheit ist: Ein Teufel, ein Scheusal, Emittent des Verderbten, sittlich Verkommenen, der Herabwürdigung weiblicher Würde, des Zynismus, der Heuchelei. Das beweisen diese widernatürlichen Auswüchse einer krankhaften Phantasie.
(Sie weist auf die Projektion der Zeichnung „Degas von drei Dirnen erwartet“): Picasso kann nicht ehrlich sein, denn er ist ein durch und durch materialistischer, macht- und besitzgieriger, mit dem Mittel der Täuschung operierender Terrorist! Seine angemaßte Vormachtstellung als Weltkulturpapst sucht er zu behaupten mit von Wirklichkeitsfaktoren weit entfernten Abstraktionen, Skandalisierung seiner Malerzeugnisse durch dramatische Figurenkompressionen, denaturierte Farbigkeit, berüchtigte Inhalte. Welche Absicht verfolgt er damit? Sich an die Spitze der Avantgarde zu katapultieren! Was ist Picasso also? Ein Verführer zur Unkultur. Was ist seine Stärke? Infiltration durch Subversion. Er ist keiner der üblichen Mitläufer an der Spitze dekadenter Bewegungen sondern stellt sich stets - mit genialer Formerfindung - in deren Zenit. Er verlässt sie aber stets dann, wenn sie beginnen schal zu werden; wendet sich neuen, gewinnbringenderen Stilexperimenten zu. Ob in den USA oder der UdSSR, überall wird Picasso als der bedeutendste Maler aller Zeiten gefeiert. Durch welche Methode befestigt er seine Macht? Durch Befragung. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung: Ich habe gesehen, wie er seriöse Frauen und Männer bezirzte gleich einer Sphinx! Womit? Durch sein Schweigen. Seine Verführungskraft ist dann am stärksten wenn er schweigt. Er kann zuhören und andere aussaugen, unersättlich, bis in die Seele hinein. Ist etwa Gott ein Meisterwerk in Gestalt Picassos gelungen, oder war’s der Teufel, der ihn erschaffen? Jedenfalls ist er da, und so lang ihn nicht der Teufel geholt hat, und das wird hoffentlich bald sein, ist er noch existent. Denn, - ich spreche wieder aus Erfahrung – bei diesem Unmenschen ist alles möglich – auch dass er noch zwanzig Jahre lebt. Bei ihm bleibt man nicht im Auge des Zyklons, dem Ort der Ruhe vor den äußeren Stürmen, denn er ist ein Ort der Unruhe, bei dem man jederzeit auf das schlimmste gefasst sein und ihm – wenn möglich – zuvorkommen muss. Größtes Glück ist, von ihm und seiner Kunst verschont zu bleiben.

(Die Zweite tritt ab.)

Pablo: Das war nun Françoise, das letzte meiner Modelle, bevor du, Jacqueline, als „Neue Madame Picasso“ die Herrschaft über mich antratest.
Jacqueline: Das letzte Standardmodell; das mag sein. Aber bei weitem nicht die letzte Liebschaft.
Pablo: Es ist ja auch schon lang her, dass Françoise sich – auf spektakuläre Art ...
Jacqueline: Als Kunstreiterin zur Eröffnung der – dir zu Ehren veranstalteten -
Pablo: Corrida in Vallauris ...
Jacqueline: Von dir verabschiedet hat. Du warst damals so hemmungslos von ihr hingerissen, dass du plötzlich auf alle mir gemachten Versprechungen vergessen und sie statt dessen – neuerlich - mit Heiratsangeboten überhäuft hast.
Pablo: Doch sie ging.
Jacqueline: Endgültig hoffentlich, unwiederbringlich.
Pablo: Das war vor etwa zwanzig Jahren – und jetzt der Abgesang.
Jacqueline: Und Dora?
Pablo: Mit ihr habe ich den Kontakt nie ganz verloren und sie ist mir auch nicht ernstlich gram, wie es scheint.
Jacqueline: Du hast sie ja auch in "Guernica" verewigt.
Pablo: Sie war sehr an Politik interessiert, hat meinen Blick für Zeitereignisse und ihren historischen Hintergrund geschärft. Sie war intensiv in die Konzeption von "Guernica" eingebunden; hat sogar einzelne Teile des Werkes, wie zum Beispiel die Haare des Pferdes, gemalt.
Szenerie:

An der Wand erscheint die Projektion des Bildes „Guernica 1937“, untermalt von aufwühlender kriegerischer- die Bombardierung einer Stadt versinnbildlichenderMusik.

Jacqueline: Du hast es in großer Eile für die Weltausstellung in Paris gemalt. Es ist dein berühmtestes, bekanntestes Werk. Ist es auch dein bedeutendstes? 
Pablo: Manchmal werde ich ergriffen von Sarkasmus, Raserei, Zerstörungswut; dem wilden Verlangen zu verfluchen; nach donnernder Verdammung! Nur um zu sehen was geschieht, wenn ...
Jacqueline: Wenn was?
Pablo: Nimm mein Bild Les Demoiselles d’Avignon. Betrachte es.
Szenerie:

An der Wand erscheint das Gemälde „Les Demoiselles d` Avignon, 1907“, hierzu ertönt eine sinnlich-martialische Musik.

Pablo: Es ist etwas, das den substanziellen Kern meiner Kreativität darstellt; ein Werk, das transzendiert, sich jeder Analyse widersetzt. Kein Medium ist fähig, das System seiner gewaltigen Komposition zu artikulieren. Es ist ein Symbol; eine erschöpfende Projektion des modernen Ideals, das wir sonst nur stückweise erhaschen können. Anders gesehen: Vergleiche es vielleicht mit Beethovens Eroica, einer Symphonie die etwa hundert Jahre zuvor entstanden ist. Was sagst Du zu dieser Metapher? - Auf Wiedersehen all ihr Bilder der Vergangenheit! Das Phänomen der Inspiration, Ausdruck meiner härtesten inneren Kämpfe, wird hier mit solcher Vehemenz evident, dass dem Betrachter nur die Frage bleibt ob er es akzeptiert oder ablehnt. 
Jacqueline: Wo ist das Bild heute?
Pablo: Du weißt es nicht? Das Museum of Modern Art in New York hat es 1937 für nur 28.000 Dollar erworben. Dort mutierte es vom unbekannten Meisterwerk zum weltberühmten Kultbild der Moderne. Heute wäre es unbezahlbar.

(Während Jacqueline und Pablo schweigend in den Anblick des Bildes versunken sind, dringen die Töne  von Instrumenten einer außerhalb des Hauses spielenden Musik in das Zimmer.)

Pablo: Was ist das für Musik?
Jacqueline: Anscheinend durch ein Mikrophon verstärkt.
Pablo: Vielleicht könntest du bitte einmal nachsehen? Wie spät ist es denn? Jacqueline (auf eine Wanduhr blickend): Die Uhr holt aus zum Schlag. Gleich ist’s Neujahr. (Sie geht ab, während die Musik von außen forttönt).