Pablo (beim Fenster hinausspähend, während die Uhr 12 Schläge hören lässt, für sich): Sonderbare Musik. Ganz in der Nähe hier. Zu sehen ist nichts ... Halt, das kenne ich. Ein Walzer von Strauß! Wer mag das sein? Die Leute müssen den Zaun überklettert haben.
(Die Musik bricht ab, statt dessen werden Geräusche, Schritte vor der Tür des Zimmers vernehmbar. Die Tür öffnet sich, Jacqueline kommt und hinter ihr drängen sich noch sieben Menschen, von welchen drei Musikinstrumente tragen, in das Zimmer.)
Pablo (heftig): Hallo! Wer seid ihr, was wollt ihr hier?
Die Vier: Prosit Neujahr, Papa!
Pablo: Paolo, verwegener Autofahrer du, dich kenne ich gerade noch. Wer sind die anderen?
Die Vier (im Chor): Wir sind alle deine Kinder!
Pablo: Ihr überfallt mich hier unangemeldet? Gehört sich denn das? Jacqueline, hast du vielleicht gar davon gewusst?
Jacqueline: Ich bin genauso erschüttert wie Sie, Monsieur. Ich wollte sie abweisen, aber sie haben mich einfach zur Seite geschoben.
Paolo: Nichts für ungut, Papa. Wir haben uns zusammengeredet um dir durch unser Erscheinen am Jahresbeginn eine kleine Freude zu bereiten. Und diese Musikanten hier (er weist auf die drei Musikanten, welche sich vor Pablo verneigen) haben wir auch mitgebracht. Außerdem diese Getränke (er weist auf eine Batterie Sektflaschen hin, welche seine Geschwister auf einen Tisch stellen). Geht selbstverständlich alles auf unsere Kosten.
Pablo: Das wäre ja noch schöner, wenn ihr mich armen alten Mann ausplündern wolltet.
Paolo: Nur eine Bitte hätten wir.
Pablo: Welche?
Paolo: An deinem Begräbnis teilnehmen zu dürfen.
Pablo: An meinem Begräbnis? Ja glaubt Ihr denn, ich liege schon im Sterben?
Paolo: Nein, das nicht. Aber wenn man einmal einundneunzig ist, muss man schon damit rechnen.
Pablo: Schon damit rechnen? Das weiß ich selbst! Seid ihr verrückt geworden? Für das was nach meinem Tod ist bin ich nicht mehr zuständig!
Paolo: Ist man schon. Man kann Verfügung treffen. Ich habe einen vornehmen Mann, einen Grafen, gekannt, der genau verfügt hat, wer an seinem Begräbnis teilnehmen darf und wer nicht.
Pablo: Ich denke gar nicht daran mich von euch drangsalieren und beleidigen zu lassen! Geht mir zum Teufel! (Auf Jacqueline zeigend): Fragt diese da. Sie ist meine Universalerbin. Wenn sie es euch erlaubt, bin ich einverstanden; sonst nicht. (Indem er Jacqueline gleichzeitig mit der Hand ein abweisendes Zeichen gibt): D’accord Jacqueline?
Paolo: O.K., Papa, wie du meinst. Nichts für ungut. Wir wollen aber trotzdem mit dir noch anstoßen und etwas lustig sein.
(Er gibt den Musikanten ein Zeichen, die sogleich beginnen ein Tanzstück aufzuspielen, während Pablos vier Sprösslinge die mitgebrachten Gläser füllen und dem Ehepaar Picasso zuprosten.)
Maya (auf Pablo zutretend): Ich bin Maya, Papa. Deine und Marie-Thereses Tochter. Darf ich dich um einen Tanz bitten?
Pablo (mit ihr tanzend): Wie alt bist du denn nun schon, Maya?
Maya: Siebenunddreißig.
Pablo: Hätte dich kaum wiedererkannt. Als ich dich zuletzt gesehen warst du noch fast ein Baby. Wie geht es dir und deiner Mutter?
Maya: Mir geht es gut; meiner Mutter weniger. Die leidet sehr an Depressionen. Ich fürcht immer, sie tut sich einmal etwas an.
Pablo: Aber, aber. Das sollte sie nicht tun. Sie hat sich doch von mir die Unterstützung erkämpft. - Und die Bilder ...
Maya. Ja, das ist es eben: Wir hätten gern, dass du sie uns signierst.
Pablo (sie von sich stoßend): Geht zum Teufel, habgieriges Gesindel!
Paolo (mit Jacqueline tanzend): Wie ist es nun mit dem Begräbnis, Madame, dürfen wir kommen?
Jacqueline: Wenn Sie nicht sofort aufhören, schreie ich!
Paolo: Keine Ursache, Madame. Ich tue ihnen nichts. Sie haben noch reiflich Zeit zur Überlegung: Mein Vater wird bestimmt hundert Jahre alt.
Paloma (mit Pablo tanzend): Ich bin Paloma, Françoises Tochter. Meine Mutter würde sich freuen, dich einmal wiederzusehen, Papa.
Pablo: D’accord. Das ließe sich sicher machen. Ich hoffe, sie leidet nicht auch unter Depressionen und will sich was antun.
Paloma: Glaube ich nicht. Sie lebt sehr glücklich in den USA mit ihrem zweiten Mann.
Pablo: Das freut mich sehr. Ist er nicht irgend so ein kleiner, unbedeutender Wissenschaftler?
Paloma: Jonas Salk, Entdecker des Kinderlähmungs-Serums.
Pablo: Und du?
Paloma: International bekannte Modedesignerin.
Pablo: Wünsche dir noch weitere Berühmtheit!
Claude (mit Jacqueline tanzend): Madame, ich bewundere das Alterswerk meines Vaters: Maler und Modell!
Jacqueline: Sie meinen den darin geoffenbarten Voyeurismus?
Claude: Nein, die perfekte Jugendfrische, mit der Sie ihm Modell sitzen.
Jacqueline: Haben Sie ein bestimmtes Bild im Auge?
Claude: Sehr wohl, Madame: Ich meine jenes in dem der Affe den Maler ersetzt. Ich finde es charmant.
Jacqueline: Ah! Der Affe versucht sich, in Abwesenheit seines Herrn, im Malen und ich sitze ihm – nur mit einem Hut bekleidet - Modell?
Claude: Genau. Ich führe es Ihnen vor.
Szenerie:
An der Wand erscheint die Projektion der Zeichnung „Der Maler und das Modell, Blatt 16“, während die Musik vorübergehend in einen spaßigen Sketsch überwechselt und alle Anwesenden das Bild amüsiert betrachten.

Jacqueline (mit Claude tanzend): Gut, ich nehme zur Kenntnis, dass ihr mich bezirzen wollt – aber ...
Claude: Aber?
Jacqueline: Ihr seid trotzdem chancenlos mit eueren Wünschen.
Claude: Und wenn sich einige von uns an seinem Grab - nach der Beerdigung - umbringen?
Jacqueline: Picasso ist der Maler, dessen Werke die absoluten Spitzenpreise am Kunstmarkt halten.
Claude: Weil er schon zu Lebzeiten Legende ist.
Jacqueline: Wollt Ihr sie durch eine Selbstmordserie noch weiter in die Höhe treiben? Mir kann's nur recht sein!
Claude: Sie werden doch nicht etwa auf die Idee verfallen, sich selbst auch noch das Leben zu nehmen?
Jacqueline: Damit ...
Claude: Posthum, den Intentionen meines Vaters, Ihres Gemahls, huldigend ...
Jacqueline: Der Verkaufswert seiner Kunsterzeugnisse ...
Claude: Bis ins Absurde kulminiert!
Jacqueline: Warum nicht?
Claude: Unfähig, seiner Magie ...
Jacqueline: Auch nach seinem Tod noch jemals zu entrinnen.
Claude: Es müsste ja nicht sofort sein. Ein kleiner Stop in der Serie wäre vielleicht nur von Vorteil!
(Die Musik setzt kurzzeitig aus und macht einer feierlichen Stille Platz.)
Paolo (mit Pablo in den Vordergrund tretend, zu diesem mit wichtiger Miene): Und jetzt noch etwas Besonderes für dich, Papa! Ich komme auf dem Luftweg direkt aus Wien, wo ich für dich eine Probepackung Viagra besorgt habe. - Adle bitte diese kleine Feier durch die unverzügliche Einnahme einer Pastille dieser Droge, welche die sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau nicht weniger grundlegend revolutionieren wird als seinerzeit die Antibabypille. Du inaugurierst hiermit zugleich eine neue Phase des Sexzeitalters: Den Seniorensex. Wir alle wünschen, dass es dir vergönnt sein möge, dich seiner noch lange Jahre zu erfreuen. Möge er dich zu großen Taten inspirieren: Nicht allein bedeutenden Schöpfungen deiner Kunst, nein, sondern auch – wolle Gott - zur Zeugung möglichst zahlreicher lebendiger menschlicher Hinterlassenschaft. Ich garantiere, dass schon diese eine kleine Pastille - zweckdienlich umgesetzt – geeignet ist, eine Explosion auszulösen, gegen welche die gestrige eueres Autos ein bloßes Kinderspiel war. (Er überreicht Pablo die Packung, der er vorher eine Pastille entnimmt, die er ihm in den Mund steckt.)
(Die Musik setzt wieder ein. Sie nimmt an Tempo und Lautstärke zu, der Tanz wird immer hektischer, die tanzenden Paare wechseln sich ständig ab. Schließlich erlischt das Licht, Gäste und Musiker verlassen das Zimmer. Pablo und Jacqueline tanzen – eng aneinander geschmiegt – allein weiter bis sie sich zuletzt auf einer Couch niederlassen.)
