Meine ganzen Aufzeichnungen aus meinem Leben gingen samt meiner Habe 1945 verloren. Ob ich dieselben so wiederholen kann, weiß ich nicht, denn ich bin 74, vergaß vieles, muss mir allerdings sagen: Lohnt sich’s mein Leben zu schildern? Interessiert das jemanden? Vielleicht hat es für mich den Zweck der besseren Erkenntnis! Die verschiedenen Stammbäume zeichnete mein Sohn, Carl Fanta, schon auf. Ich, Eleonora Fanta geb. Schaller, geboren in Wakowitz, Bezirk Saaz, Böhmen, den 16.2.1873, war die Tochter des Gutsbesitzers August Schaller und der Eleonora Schaller, geb. Schöffl. Ich war das dritte Kind. Mathilde und Josef starben. Josef mit ein paar Wochen, Mathilde mit 12 Jahren, nach furchtbarem Leiden, Nachkrankheit von Scharlach. Meine jüngere Schwester Marie Schebek, geb. Schaller. Mein Vater, ein ernster, wenig zugänglicher Mann, starb nach entsetzlichem Leiden an Darmkrebs (13.VII.1899); meine Mutter, eine sehr gescheite, gute, in gewisser Beziehung lebensfrohe Frau, starb im 88. Lebensjahr (28.XII.1934).
Meine Kindheit war eine sehr ruhige am Land, in dem alten Herrenhaus, einem ehemaligen Kloster; doch hatte ich schon als Kind nervöse Störungen, vertrug manches nicht, z. B. beim Klavierspiel mit Mutter das Abachteln, etc. Mit acht Jahren bekam ich eine Gouvernante – Mathilde lag gelähmt, dem Tod geweiht, und Marie, drei Jahre, kam noch nicht in Betracht mit Lernen. Albertine Wagner, so hieß die Gouvernante, war ein armer Teufel, schwer hysterisch. Dass ich das viel zu spüren bekam, ist sicher. Mutter hatte viel zu tun und konnte sich bei dem schwer kranken Kind wenig kümmern. So war ich ihr ganz überlassen. Bald litt ich unter Minderwertigkeitserscheinungen, Angst vor den Kopfstücken der Erzieherin, Herzklopfen, weinte heimlich viel und lernte wie eine Wahnsinnige. Mathilde starb am 25.2.1882 und Mutter litt selbst viel an Nerven durch ein Jahr. Der Arzt konnte ihr mit Medizinen nicht helfen. Die Zeit und Ruhe des Landes halfen!
Mit 12 Jahren bekam ich eine andere Gouvernante, Anna Hörmann, die vorher in Sobiesak bei Stieber war. Da wurde mit einem Schlag die Sache für mich anders. Anna war lieb und freundlich mit mir, ich konnte mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Nach Jahren, in München, sagte sie mir, wie weit fortgeschritten ich in allen Gegenständen war und wie zutunlich und lenksam ich war. Bald war sie mit dem Stoff für Untergymnasium fertig, natürlich ohne alte Sprachen, dafür Französisch und Klavier; Ersteres schrieb ich fehlerfrei. Es waren schöne vier Jahre. Wir waren bei schönem Wetter fast täglich in Wikletitz, trafen uns dort mit Stieber, die beiden Fräuleins sprachen sich aus und wir Kinder auch. Ich war die Jüngste. Anna Hörmann stand sich auch mit meinen Eltern gut. Abends gab’s vornehmlich Gespräche über Politik. Vater war Absolvent der Akademie Hohenheim, kannte die Schwaben gut, denen Anna angehörte; sie war contra Preußen. Einmal gab’s einen Disput wegen Richard Wagner. Vater behauptete, er sei jüdischer Abstammung. Anna war darob empört. Ich durfte nicht mitsprechen, interessierte mich aber für alles und es blieb viel hängen von jenen Abenden. Anna teilte mir mit, dass sie verlobt sei mit einem Professor Theodor Scherer. Das war nun hochinteressant für mich. Sonst war das Leben in Wakowitz sehr ruhig, ja einförmig. Mir kam das aber gar nicht zum Bewusstsein. Hie und da einmal eine Saaz-Fahrt, Essen bei Hanslik. Wir kannten nur Onkel Fritz, Mutters Bruder und dessen Frau, Tante Rosa, sowie deren Eltern Wocet mit Tochter Adele. Zwei-drei Mal waren wir im Theater; Zigeunerbaron etc. Im Grunde waren mir die herumziehenden Komödianten in Wakowitz lieber. Literatur lernte ich viel und wäre für ein klassisches Stück empfänglicher gewesen, das gab’s aber nicht. Unvergesslich bleiben mir die Ästhetikstunden – nebst Lesen der ästhetischen Briefe Oesers – da lernte ich viel. Es nützte mir viel später in den Museen. Details der Sixtinischen Kapelle waren mir z. B. durch das Lesen dieser ästhetischen Briefe geläufig. Ich war ganz begeistert und träumte nur mehr von dorischen und ionischen Säulen.
Ich hätte so gern weiter gelernt. Dieses Leben hatte aber mit 15 ½ Jahren ein Ende. Anna Hörmann kam nicht mehr wieder und ich saß nun ziemlich desperat da. Meine Schwester Marie kam nach Saaz zu Frau Kreibich, um dort die Schule zu besuchen und ich blieb in Wakowitz, lernte dort selbständig weiter. Besonders betrieb ich Französisch und übte Klavier. Das dauerte so ein Jahr. Dann nahmen meine Eltern meine Schwester heim. Sie war mit der Volksschule fertig und ich sollte sie unterrichten!!! Das war wohl keine gute Idee, denn ich hatte keine Idee von Pädagogik und meine Schwester war schwer lenksam und verwöhnt. Das ging so ein Jahr weiter. Ich besuchte mit Tante Hassmann zwischendurch die Tanzstunden, in welchen sich meistens jüdische Studenten aufhielten, die aber gescheite Burschen waren und mit denen ich mich gut unterhielt. Tante war sehr glücklich, dass alle für mich „schwärmten“. Es war im Allgemeinen nett. Später kam ich wöchentlich einmal nach Saaz zu Tante, in deren Heim ich schöne Zeiten verlebte. Sie war kinderlose Witwe, die viel in Kurorten und auf Reisen lebte; war hoch gebildet, in Bamberg erzogen. Ich profitierte viel bei ihr und sie war sichtlich froh, wenn ich bei ihr war. Oft gedenke ich dieser schönen, ruhigen Zeiten. Dachte damals überhaupt nichts, kannte eben nur einen heiteren Himmel, nicht ahnend, dass so schwere Wolken kommen sollten und der Himmel so verfinstert werden kann. Wie gut, dass man nicht in die Zukunft schauen kann, man versteht das „Bild von Sais“. Viel zu Tante kam die Familie Fanta, Majorswitwe mit drei Töchtern, Anna, Marie und Gusti; gewöhnlich sonntags. Später kam ein Verwandter, Dr. Josef Janka, dazu, der aus Prag kam und sich in Saaz etablierte als Advokat. Er war ein Vetter von Tante. Beider Großmütter waren Schwestern und stammten aus dem Böhmerwald; geb. Stifter, Verwandte von Adalbert Stifter. Da wurde viel von meiner Urgroßmutter Stifter erzählt, die als ganz junges Mädchen mit Schwester nach Postelberg kam zu Besuch. Es war eine Beerdigung in Libeschitz, bei welcher sie meinen Urgroßvater Franz Schöffl kennen lernte. „Liebe auf den ersten Blick“. Sie war sehr hübsch, sehr gebildet. Ihr Vater Direktor bei Schwarzenberg. Sprach perfekt Französisch; in dieser Zeit eine Seltenheit.
Mein Urgroßvater Franz Schöffl war Besitzer in Trnowan, einziger Sohn. Seinen Eltern war die Heirat mit dem feinen Fräulein nicht recht. Er heiratete sie trotzdem. Sie musste nun ganz allein den Haushalt führen, Garten betreuen etc. Sie fand sich herrlich hinein. Nach einem Jahr kam ein Sohn zur Welt, mein Großvater Josef Schöffl. Die Eltern waren ganz versöhnt und übergaben alles dem Sohn und Frau. Mein Großvater blieb der einzige Sohn, dessen Frau schon mit 37 Jahren starb. Die alte Frau musste daher wieder in den großen Haushalt mit den vielen Kindern zurück – keine Kleinigkeit für jemanden, der die Ruhe ersehnte. Meine Großmutter, geb. Gamperle, starb an einem Karfunkel, das man damals noch nicht rechtzeitig zu operieren verstand. Am Dreikönigstag wurde sie begraben. Sie hatte an Silvester alle ihre acht Kinder zu sich kommen lassen, sagte jedem seine Fehler, hielt ihnen eine Lehre und segnete sie. Wie schwer muss ihr zu Mute gewesen sein, da sie ihren Mann als Schürzenjäger kannte. Sie ließ ihre Kinder dann nicht mehr kommen; sie sollten von ihr ein gutes Bild mitnehmen. Mein Großvater war ein sehr gescheiter Mensch, der nicht nur seiner Vaterstadt, sondern dem ganzen Land nützte. Er war Präsident des landwirtschaftlichen Vereines, hatte besondere Versuchsfelder, führte die Drahtanlagen ein, gründete die Saazer Zuckerfabrik – ich sehe ihn heute noch in einem geschlossenen Halbcoupé, zwei Pudel am Rücksitz, täglich zur Zuckerfabrik fahren. Er führte auch die Spargelkultur ein als Erster in Saaz und machte durch Lieferungen an die ersten Hotels in Karlsbad gute Geschäfte. Das war sein prakti- sches, finanzielles Leben. Sein künstlerisches hing sehr an Musik. Er komponierte einiges, das aber nach seinem Tod verloren ging, da keines seiner Kinder besonders musikalisch war. Die englischen Zeitungen schrieben einst in musikalischer Beziehung von ihm. Er hatte Jahre hindurch seine Kammermusik sonntags von 11 bis 1 Uhr mittags. Mitwirkende aus dem Bekanntenkreis, die er mit nicht immer höflichen Worten einpaukte. Auch Sängerinnen wirkten mit, Fräulein Jella Ungar, Baronin Zessner. Nur geladene Gäste hatten Zutritt; aus Bürgerkreisen, Offiziere der Garnison, Gutsbesitzer und Adel der Umgebung. Meine Mutter erzählte oft, dass es den Töchtern des Hauses viel Arbeit gab, da offenes Buffet war, dem fleißig zugesprochen wurde. Nach der Verheiratung seiner letzten Tochter Anna Jenik war es den Kindern nicht mehr möglich zu ihm zu kommen, da er eine ordinäre Person zu sich nahm, die ihn wohl beherrschte, aber nie unterkriegte.
Zur Zeit, von der ich vorher berichtete, waren die Verhältnisse so. Ich verstand das mit 16 Jahren noch nicht, fühlte mich bei Tante sehr wohl. Tante schlug vor, dass ich den Fasching verfrüht mitmachte. Ich tanzte gerne, aber die diversen Courmacher interessierten mich nicht, die mir gemachten Komplimente erstaunten mich! Früher nannte man das einen Blaustrumpf, heute studiert jedes Mädl. Der alte französische Professor Ricard besaß meine ganz Zuneigung; er borgte mir die eau des deux mondes, die ich verschlang. Sommers war ich meist ab August in Karlsbad bei Tante Josefine Schaller, die meine Taufpatin war und die ich sehr liebte. Ich traf dort meistens die Familie Baron Brockdorff, Cousine der Tante mit ihren drei Kindern, Elvira, Fritz und Martha. Mit der drei Jahre älteren Elvira freundete ich mich sehr an. Sie war die einzige wirkliche Schönheit, die ich im Leben sah. Das Schicksal dieser Familie ist ein Kapitel für sich. Ich erlebte herrliche Zeiten in Karlsbad mit Brockdorffs. Wir machten schöne, weite Spaziergänge in der schönen Umgebung, waren täglich bei der Brunnenmusik, wo viele exotische Persönlichkeiten waren, z.B. der Maharadscha von Johore etc., die immer mit der ganzen edelsteinfunkelnden Suite ausrückten. Unsere Kaiserin Elisabeth sah ich auch – aber im Wald, Fächer vor’s Gesicht haltend, Griechisch-Lehrer als Begleiter, der eigentlich Irrenarzt war. Auch in Carlsbad waren es schöne Zeiten. So sorglos – aber auch für andere, nicht nur für die Jugend.
