Karl Fanta I. (1893-1963)

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Brief des Vaters


Mein lieber Sohn!

Du wirst morgen in das neue Gymnasium eintreten und von nun an ferne von Deinen Eltern mehr auf dich selbst angewiesen Deine Studien fortsetzen. Das ist für uns wie für Dich ein wichtiger Augenblick und ich kann Dir gar nicht sagen, wie leid es mir tut, nicht bei Dir sein zu können, um Dir noch zum Abschied meinen Segen geben zu können. Ich kann aber nicht umhin, Dir noch einige Worte zu schreiben, die wohl nur eine Wiederholung dessen sind, was ich Dir oft gesagt habe, die Du Dir aber doch noch einprägen musst.

Vor allem, was das Lernen anbelangt:
1. Lerne nie etwas, ohne auch zu verstehen. Denn du würdest es nur zu leicht vergessen und außerdem hätte es ja keinen Wert. Wenn Du etwas also nicht verstehst, so denke selbst nach und frage so lange, bis Dir der Sinn klar wird.
2. Vor allem aber passe in der Schule selbst auf, denn das ist die halbe Arbeit, weil es Dir niemand so gut erklären kann wie der Herr Professor und weil Du viel lieber Deine Aufgaben machen wirst.
3. Schiebe Deine Lektion nie auf den nächsten Tag, sondern arbeite gleich am Anfang mit und wiederhole stets. Du weißt, dass das ein großer Fehler von dir ist, dass Du das einmal Gelernte leicht in Vergessenheit geraten lässt. Auch wirst Du viel mehr Freude am Spiel mit den Kameraden haben, wenn Du das Gefühl hast, Deine Aufgaben gut gemacht zu haben.
Was nun den Verkehr mit Deinen Kameraden anbelangt, so sehe sie Dir zuerst genau an. Glaube nicht denen, die großsprecherisch sind und sich auf die „verflixten Kerle“ hinaus spielen, sondern schließe Dich an die Braven, Fleißigen. Von diesen wirst Du lernen. Du musst den Ehrheiz haben, unter den Ersten sein zu wollen. Dabei sei ein guter Kamerad und gefühliger Mensch mit jedem, dann wird man Dich gern haben. Nimm einen Scherz gut auf, auch wenn sie Dich ein wenig sekkieren, lache mit, denn wenn Du dich ärgerst, werden sie noch mehr sekkieren. Eine wirkliche Beleidigung, einen Schimpf und Schlag lasse Dir nie gefallen.
Denke immer an Deine Eltern und schreibe uns alles. Du weißt, wie lieb wir Dich haben. Du hast keine besseren Freund in der Welt als uns. Nun Glück auf, mein lieber Karl, sei guten Muts, offen mit jederman, habe Vertrauen zu Deinen Professoren und halte die 10 Gebote, dann kann es nicht fehlen. Mache der Mama den Abschied nicht schwer, so Gott will, werden wir Dich bald besuchen. Nun viele Küsse von Deinem Dich liebenden Vater.

15/9.

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