Karl Fantas Genie-Stücke

Zur Einführung

Stücke schreiben

Es „setzt alle Determinierungen, alle grundlegenden Zwänge und Beschränkungen des ge­sellschaftlichen Daseins außer Kraft“, steht in dem Buch „Die Regeln der Kunst“ des bedeutenden fran­zösischen Kunstphilosophen Pierre Bourdieu über das Schreiben. Bourdieu meint da das Schreiben von Men­schen nicht aus beruflicher Zweckmäßigkeit, aus Ge­schäftsgeist oder Gründen der Buchhaltung und Informationswiedergabe, sondern das andere Schreiben, ein Fantasieren oder Spinnen, wo mit der Sprache als Mittel der Kunst ein Schritt zur Abschaffung dieser Wirklichkeit gesetzt und eine andere Wirklichkeit geschaffen wird. Schreiben ist für den Schreibenden das radikale Hinterfragen des ,Systems‘. Das System lässt nur Mittelmäßigkeit zu und nennt sie Wirk­lichkeit. Der Schreibende aber will die Wirklichkeit abschaffen und setzt an ihre Stelle erdachte Räume, einen erdachten Theaterraum, einen Spielraum. Der Schreibende als Erdenker des Spiels ist mutig, er exponiert sich, er nimmt sich kein Blatt vor den Mund, er lässt hinter die Kulissen blicken. Er ist immer auch ein Anarchist, er setzt Zeichen des Protests. Karl Fanta lässt in seinen Stücken Traum­wirklichkeiten entstehen und zerplatzen wie im Kopf der Figur des Peter Handke-Fans Herr Müller, der glaubt  „Peter  Handke  oder  gar  Milosevic  zu  sein“  in dem Stück „Ein Alptraum“; er lässt seine Figuren Tiraden gegen den heutigen verkommenen österreichischen Staat sprechen so wie die ‚Lustige Person‘, am Ende des Stücks „Der Sandmann“.

Der Autor

Karl Fanta ist persönlich vielleicht kein Anarchist. Vielleicht ist das Schreiben des heute 77-jährig in Wien Lebenden unter anderem Ausdruck des enttäuschten Ordnungs- und Gerechtigkeitsempfin­dens eines braven Bürgers. Er ist Öffentlich-­Bediensteter im Ruhestand und gehört damit einer Menschengruppe an, von der die Gesellschaft strom­linienförmiges Konsumentenverhalten erwartet. Karl Fanta macht dem System, der Wirtschaft, den Dienst­leistern usw. den Gefallen aber nicht, seine Pension für sinnlose Urlaubsreisen, Wareneinkäufe und Vergnügungen auszugeben, sondern er gestattet sich, um mit Thomas Bernhard zu sprechen, im Alter ,eine Erregung‘; er wird grundsätzlich, will es genau wis­sen, schenkt sich und den anderen nichts, schreibt Theaterstücke gegen das Altern, gegen das Vergessen, vielleicht sogar gegen den Tod, und beschenkt die anderen damit, vielleicht nicht bloß seine Generationsgenossen; sich selbst schenkt er ein Stück Unsterblichkeit. 1931 in Graz geboren, im aktiven Beruf Ingenieur, Beamter, hat er seinen Aufbruch und seinen Aufstand erst in dem Alter begonnen,  in dem sich andere zur Ruhe setzen: ein Studium der Geschichte an der Universität Wien, abgeschlossen mit einer militärhistorischen Dissertation, also einem zweiten Doktorat nach dem der Technik, dann: Studium der Theaterwissenschaften, um sich die Kunst des Schreibens für das Theater anzueignen.

Drei Genies

Karl Fanta hat erst mit fast siebzig Jahren zu schreiben begonnen und er hat in den letzten Jahren mehr als ein Dutzend Theaterstücke geschrie­ben. Es sind Variationen des stets selben Themas: das Genie und seine Grenzen. Außerhalb der drei Stücke, die hier in Druck gegeben werden, sind zum Beispiel Franz Grillparzer, Cosima Wagner, Bert Brecht, Inge­borg Bachmann oder Romy Schneider geniale Men­schen, deren Scheitern, an ihrer Zeit, an sich selbst, dramatisch gestaltet ist. Wie ein roter Faden ziehen sich durch das gesamte Oeuvre von Karl Fanta Bilder der Grenzerfahrung, welcher Künstler und Künstlerinnen aus­gesetzt sind, es sind die existenziellen Erfahrungen, die mit dem Menschen zu tun haben, nicht mit dem Werk, mit erotischer Besessenheit, Geltungssucht und Empfindlichkeit, mit Krankheit, Alter, Tod. Die voll­ständige Bedeutung jedes einzelnen Stücks offenbart erst der gesamte Zyklus, darum wäre es wohl im Interesse der Leserschaft, eines Tages alle Genie-Stücke zu veröffentlichen.

Stücke schreiben

Für diesen Band sind drei Genies ausgewählt: Pablo Picasso, die Ikone der avant­gardistischen Malerei des 20. Jahrhunderts, in seinen dramatischen letzten Lebenstagen, im Blick zurück auf seine Frauen, die zugleich seine Modelle waren, bis zu dem abrupten Tod, den er in der Vereinigung mit der letzten Geliebten erleidet, aus Vergeltung für die mit Sinnlichkeit ausgefüllten Machtansprüche. Peter Handke, der gealterte Popstar der avant­gardistischen österreichischen Literatur, findet sich in einem Alptraum wieder, vor einem imaginären Tribu­nal, das ihn aller nur möglichen Verbrechen zeiht, für seine Parteinahmen in den Kriegen des ehemaligen Jugoslawiens, für seine angemaßten Rollen im Literaturbetrieb, für sein allzu viriles und unbeherrschtes Verhalten gegen Frauen. Bei Coppelius angekommen, der aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann entlehnten Figur eines völlig hybriden selbst ernann­ten Erfinder-,Genies‘, das nach Weltherrschaft strebt, besteht im Kopf der Leser wohl längst Klarheit: Ge­nies, zumindest in ihrer männlichen Variante, sind nicht sympathisch. Gemeinsam sind ihnen: Selbst­gerechtigkeit und Selbstanklage bis zum Zusam­menbruch; Machtgier, Selbstüberschätzung bis zum Größenwahn; Herrenreitertum, Potenz-, Omnipotenz- ­und Impotenz-Fantasien; sexuelle Verfügbarkeitswün­sehe bis zu dem Punkt, an dem Frauen als bloßes Objekt, als Modell, als Puppe figurieren, bis die Sexu­alität sich VIAGRA-gestärkt als Popanz verselbst­ständigt und die Frauen Gegenwehr entwickeln, widersprechen, sich verweigern, zur Subjektivität er­wachen, aus der Herrschaft ausbrechen und – töten.

Recherche

Die Genie-Stücke sind materialreich; es liegen ihnen sorgfältige historische, biografische und psychologische Recherchen zu Grunde. Aus der inten­siven Auseinandersetzung mit der Biografie und dem Schaffen der in Szene gesetzten Genies ist die Hand­lung der Stücke Picasso und seine Modelle und Ein Alptraum in fast dokumentarischer Qualität gewon­nen. Der Sandmann fußt auf einem noch viel kom­plexeren Quellenstudium, in einem postmodernen Mix von Zeit und Realitätsebenen ist etwa Sigmund Freuds Auseinandersetzung mit E.T.A. Hoffmanns roman­tischer Erzählung Der Sandmann ( 1815) in seiner Schrift Das Unheimliche (1919) ebenso enthalten wie die historische Erfahrung des 20. Jahrhunderts mit dem Größenwahn Hitlers und der Massenvernichtung seitens der Nationalsozialisten und die satirische, ­sarkastische Abrechnung mit wirtschaftspolitischen und Justiz-Skandalen im heutigen Österreich. Daran misst sich modernes Theater: Am epischen Prinzip, das heißt, die Erzählung kann das Darstellen des dramatischen Konflikts ersetzen; am Prinzip der Verfremdung, das heißt, Anachronistisches wird zugelassen, zum Beispiel die Potenzpille VIAGRA schon vor ihrer realen Erfindung; oder Verfremdung der Realität im Traum; oder Rückblenden; am Prinzip der Synästhetisierung, das heißt, das vorgestellte Reden und Handeln der Figuren auf der Bühne verschmilzt mit Bildern, zum Beispiel von Picassos Modellen, oder eingespielten Tönen, Musik.

Sprache

Die anarchische Abschaffung der Realität geschieht durch das Sprechen der Figuren. In den Räu­men, die die Vorstellungskraft des Autors geschaffen hat, findet der erinnernde Monolog und Dialog statt; das Sprechen ist nur in Anklängen realistisch, genauso wie die Handlung nur in Anklängen realistisch und überwiegend verfremdet ist. Manches Mal ist den Figuren eine Umgangssprache zugeordnet, wie sie diese oder ähnliche Menschen wie die dargestellten ,Genies‘ sprechen würden. In Wirklichkeit müsste aber Picasso ja französisch sprechen und Peter Handke seine Antworten vor dem Tribunal ja in englischer Sprache erteilen. In den abgehackten, elliptischen Sätzen manifestiert sich am ehesten die Annäherung an die Sprech­wirklichkeit einer Kunstsprache. Das Wesentliche am Sprechen der Genies in den Stücken von Karl Fanta ist, jen­seits eines Naturalismus, die ,akustische Maske‘, wie Elias Canetti das genannt hat, die jede der Genie-Fi­guren verpasst bekommen hat.

Theater lesen

Die Stücke sind für die Bühne be­stimmt, sie haben Bühnenformat in ihrer Länge und in ihrem Potential an dramatischen Mitteln. Sie eignen sich für kleine Theater, an denen experimentiert wird. Die Buchausgabe mag dabei einen Zweck erfüllen, die drei Dramen an Theater zu vermitteln. Lesern aller­dings stehen die ihnen eigenen Möglichkeiten zu Gebote, die Erzählungen und Fantasien, die Bilder und den Tonfall in sich wiedererstehen zu lassen. Im Spiel verkörpern sich die Figuren, die Genies in ihren Zerr­bildern, es wäre spannend, das zu erleben. Lesen ist Abenteuer im Kopf, sagt man, vielleicht bedeutet Lesen eben Theater im Kopf? Diese klugen einfüh­renden Worte sollen jedenfalls nicht dazu verleiten, vom Lesen abzuhalten oder abzuschrecken. Denn in den einzelnen Szenen ist so viel Skurriles enthalten so viel von dem Abschreckenden des Genialen, so viel an Spott und Komik, dass für Unterhaltung bei der Lektüre gesorgt ist.

Walter Fanta
Frühjahr 2009