Alkestis 93 – Dritte Szene

Szenerie:

Ort: Wohnung von Alkestis in Paris. Mobiliar und Fußboden sind von Schriftstücken übersät. Darüber hinaus zeugt auch das ungeordnete Herumliegen verschiedenster Haushaltsgegenstände und Kleidungsstücke von der Sinnesverwirrung ihrer Eigentümerin.
Zeit: Unbestimmt
Personen: Alkestis, Apollon, Thanatos

Apollon: Du arbeitest, wie man hört, verbissen an einem Todesarten-Projekt. Was soll  dieses Projekt nun alles umfassen? 
Alkestis: Seit Admet mich verlassen hat arbeite ich an einem Romanvorhaben namens Todesarten, dessen Hauptfigur aber schon in viel frühere Zeit zurückreicht.
Apollon: Es nimmt also nicht direkt auf Admet bezug und darauf, dass er Dir den Laufpass gab?
Alkestis: Wie kommst Du auf diese verrückte Idee? Admet kann mir gestohlen bleiben. Meine Arbeit verfolgt höhere Ziele.
Thanatos: Welche? Willst Du damit die Welt verbessern?
Apollon: Eine gigantische Aufgabe. Die Trennung von ihm hat Dich jedenfalls dazu beflügelt.
Alkestis: Nur etwa fünfzig Prozent der bisherigen Entwürfe meiner Todesarten entfallen auf die Zeit nach unserer Trennung.
Thanatos: Welche?
Alkestis: Drei Roman- und einige Erzählentwürfe, auch Poetologisches. Dazu die Substanz aus der Vorgeschichte der Todesarten und natürlich der Animal—Roman, meine Todesarten-Ouvertüre, die schon vor zwei Jahren veröffentlicht wurde.
Apollon: Sonst nichts?
Alkestis: Jede Menge. Vorträge. Erzählungen. Es sind drei Sujets, an denen ich gleichzeitig arbeite. Tag und Nacht.
Thanatos: Wie lang noch?
Alkestis: Weiß ich nicht. Das Todesarten-Projekt ist ein Bergwerk bei dem es um Kopf und Kragen geht. Eine Überlebensfrage für mich. Es brennt mir unter den Nägeln: Nur wenn mir das fachgerechte Erzählen dieser schauderhaften Materie gelingt, kann das Leben für mich weitergehen.
Thanatos: Eine fixe Idee.
Apollon: Du verheimlichst uns etwas. Den Hintergrund Deiner akribischen Erzähl-Manie.
Thanatos: Vielleicht kennst Du ihn selbst nicht.
Apollon: Oder wenn, dann nur schwach. Es hängt wohl mit Deinem eigenen Tod zusammen, der unmittelbar bevorstehen könnte.
Alkestis: Wieso? Ich habe im Moment noch nicht vor zu sterben.
Apollon: Du scheinst auf Deine Einwilligung vergessen zu haben, den Ersatztod für Admet zu erleiden.
Thanatos: Es könnte auch Selbstmord gewesen sein. Ist es nicht gerade das Selbstmord-Motiv, das Dich, seit jeher, ganz besonders fasziniert?
Alkestis: Schon der Held meines ersten Prosa-Projekts aus der Zeit vor zwanzig Jahren dachte über Selbstmord nach.
Apollon: Ein Thema, das bei Dir also Tradition besitzt.
Alkestis: Namen können sich ändern. Die Personen aber bleiben.
Apollon: Gut. Aber was heißt hier Selbstmord?
Thanatos: Ein Deckname.
Alkestis: Das ist richtig: In Wahrheit war es Mord.
Thanatos: Anschuldigungen schleuderst Du. Gegen wen?
Apollon: Deine gigantischen Entwürfe. Warum sind sie in der Mehrzahl bis heute unveröffentlicht?
Thanatos: Du schweigst?
Apollon: Ich werde es Dir sagen: Weil es pseudobiografische, verleumderische Lügen sind.
Thanatos: Du willst mit jemandem abrechnen, der Dein bester Freund, Geliebter, Beschützer ist oder war. Willst Du Dich an ihm rächen?
Apollon: Der Sensationsgier voyeuristischer Schandmäuler Nahrung geben!
Thanatos: Töten.
Alkestis: Wen?
Thanatos: Admet. Deinen Gatten. Wen sonst?
Alkestis: Dessen Opfer ich gewesen, für dessen Lieblosigkeit, Raffgier, Grausamkeit ich den Tod erleiden soll?
Apollon: Freiwillig hast Du Dich dazu bereit erklärt ...
Thanatos: Das Opfer Deines erbärmlichen Lebens wirst Du, selbstlos nicht, doch wohlverdient, auf Dich nehmen müssen um ihm, dem Erhabenen, Würdigen
Apollon: Geistvollen, Schlauen, Mächtigen, den Göttern Ebenbürtigen
Thanatos: Der Götterwelt zutiefst Verhafteten. Weihrauch und Myrrhe verkraftenden, Proserpina in conjunctionaler Liebe Begattenden
Apollon: Selbst Zeus und Hera Überschattenden
Thanatos: Im Bemühen um der Götter Gunst nie Ermattenden
Apollon: Das Tor zur Tugend unausgesetzt Bewachenden
Thanatos: Widersetzliche eilends Entwaffnenden
Apollon: Feministische Untugend despotisch Entmachtenden
Thanatos: Ironisierenden Schein untrüglich Erschaffenden
Apollon: Den Preis Melpomenens listig Erraffenden ... Dich, Verruchte, hämisch Verlachenden
Thanatos: Deinen Abstieg in die Unterwelt achtsam Bewachenden
Apollon: In Hades’ Sackgasse Dich schimpflich Entlassenden
Thanatos: Dir jeden Fluchtweg hermetisch Vermasselnden
Thanatos, Apollon im Chor: Dem vielfachen Ehrendoktor zahlloser Universitäten des In- und Auslandes den ihn längst umstrahlenden Glorienschein des Übermenschlichen damit ohne Grenze zu erhellen. Dich aber, Elende, zu zerschellen, dorthin zu verprellen, wo Du gerechter maßen hingehörst. In den tiefsten Abgrund des Hades!
Alkestis: Körperlich ermordet soll ich nun auch noch werden von Euch? Nachdem Admet, mein ehemaliger Geliebter, mich auf die frivolste Weise literarisch ausgebeutet, ausgeschlachtet, ausgeweidet, zu Wurst verarbeitet hat? Gibt es keine Rettung?
Thanatos: Keine.
Apollon: Es sei denn, Du entleibst Dich selbst.
Alkestis: Ich weigere mich! Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, mich in den Hades zu transportieren als den Selbstmord, so lasst mich doch am Leben!
Apollon: Das ist unmöglich. Admet, der zu Unrecht der Moiren Rache Verfallene hätte sonst sterben müssen. Die Schicksalsgötter waren so gnädig, Dein unwürdiges Ersatzopfer zu akzeptieren. Also musst du sterben. Nur die Todesart ist noch offen, Du hast die Wahl.
Thanatos: Denk’ einmal nach. Du befasst Dich in Deinen Gedanken, Worten und Werken doch schon seit mehr als einem Jahrzehnt mit fast nichts anderem als mit Todesarten.
Alkestis: Mir fällt nichts ein. Ich bin völlig durchgedreht und ausgebrannt. Lasst mich bitte doch am Leben! Ich bin erst siebenundvierzig Jahre alt!
Thanatos: Du hast lang genug gelebt.
Alkestis: Lasst mich doch wenigstens noch mein Testament machen!
Thanatos: Du hast noch keines?
Alkestis: Nein!
Apollon (ihr Papier und Kugelschreiber reichend): So schreibe!
Alkestis (weinerlich): Ich kann nicht: Mir schlottern alle Glieder.
Apollon (zu Thanatos): Schreibe Du für sie. (Zu Alkestis): Diktiere es ihm. Lass Dir aber ja nicht einfallen, auch nur ein Wort über Deinen unmittelbar bevorstehenden Tod verlauten zu lassen. Presto, prestissimo wenn ich bitten darf; wir haben keine Zeit zu verlieren!
Alkestis (diktierend): Lieber Herr Doktor Wächter! Ich schreibe Ihnen in höchster Angst und fliegender Eile, denn ... Ich schreibe Ihnen in höchster Angst, ich möchte noch einige Dinge in Ordnung bringen, sie betreffen ja nicht vieles, nur meine Papiere. Die Zeit ist gekommen, in der ich aus meiner schauderhaften Unordnung in eine Ordnung kommen muss ...
Thanatos: Halt! Nicht so schnell. Wiederhole!
Alkestis (diktierend): Ich schreibe Ihnen in höchster Angst, denn ich möchte Sie fragen, wie man ein Testament macht ...
Apollon (zu Thanatos): Lass die Angst weg. Die ist irrelevant! (Zu Alkestis): Du sollst nur Verfügung treffen über Deine Hinterlassenschaft. Sonst nichts. Erkläre Admet zu Deinem alleinigen Erben. Das genügt. Damit verschaffst Du Dir sowohl einen anständigen Tod als auch ein auskömmliches Dasein in der Unterwelt.
Alkestis (diktierend): Lieber Herr Doktor Wächter! Ich mute Ihnen vielleicht zuviel zu, aber ich schreibe Ihnen in höchster Angst und fliegender Eile. Können Sie mir, Sie, ein Jurist von so großen Kenntnissen im Recht, vielleicht verraten, wie ... Verschiedener Umstände wegen bin ich gezwungen, ein Testament zu machen ... Stimme von Admet: Fluchtweg-Träume?
Alkestis: Deine Geschmacklosigkeit kennt, wie üblich, keine Grenzen.
Admet: Immerhin hast Du mir ja mein Tagebuch geklaut, hast es heimlich gelesen und verbrannt. Für mich war es selbstverständlich als unwiederbringlich wertvolles Dokument gedacht zur literarischen Ausschlachtung Deiner - ach so komplexen – Persönlichkeit. Ist diese kriminelle Vorgangsweise deinerseits nun eigentlich geschmackvoll, anständig oder gar ...
(Sie stopfen ihr das Medikament in den Mund, den sie ihr zuhalten.)
Alkestis (sich heftig wehrend): Hilfe! Mörder!!!
Apollon: Wir müssen noch etwas warten, bis das Mittel wirkt.
Thanatos (die am Boden liegende, sich noch immer wehrende Alkestis festhaltend): Was nun?
Apollon (sich eine Zigarette anzündend): Es ist die dreifache Dosis. Das müsste reichen.
Alkestis (um sich schlagend, wimmernd): Nein! Nein!
Thanatos (mit Alkestis’ Bändigung beschäftigt): Was machen wir, wenn sie eingeschlafen ist?
Apollon: Wir legen sie in die Badewanne und zünden sie dort an. (Auf die brennende Zigarette weisend): Mit dieser Zigarette hier.
Alkestis (leise wimmernd): Hilfe! Mord!
Apollon: Ja, Mord. Aber keiner Deiner infamen, literarischen, sondern echter, perfekter Mord.
Thanatos: Es ist so weit. Fort mit ihr.
(Sie schleifen die leblos daliegende Alkestis in einen Nebenraum, aus dessen geöffneter Tür alsbald ein Feuerschein sichtbar wird und massiver Rauch hervorquillt.)
Apollon (mit Thanatos aus dem Nebenraum hervorkommend, wobei beide maskiert sind): Das müsste reichen sie umzubringen. Den Brand ihrer Klamotten hat sie noch nicht mitgekriegt.
Thanatos: Wacht sie doch noch auf, ist es sicher schon zu spät.
Apollon: Verloren ist sie, selbst wenn sie die Verbrennungen übersteht. Der Medikamentenentzug gibt ihr den Rest. Dafür ist gesorgt.
Thanatos: Jetzt aber weg!
Apollon: Die Papiere! Wir haben es Admet versprochen! (Sie raffen hastig einen Teil der herumliegenden Schriften zusammen, stopfen ihn in Säcke und gehen damit eilends über den Vordergrund der Bühne ab.)
(Pause.)
Alkestis (kommt, in Flammen und Rauch gehüllt, aus dem Nebenraum hervor und torkelt zum Telefon. Sie wählt mit schmerzverzerrtem Gesicht, in rasender Angst und fliegender Hast eine Nummer, wobei sie sich mehrfach verwählt, und schreit schließlich in den Hörer): Hilfe! Mörder! Feuer! (Sie bricht daraufhin besinnungslos zusammen.)