Alkestis 93 – Vierte Szene

Szenerie:

Personen: Admet, Charon, (etwas später) Alkestis.

Ort: Hades. See mit Fährbooten, welche, von schemenhaften Gestalten bevölkert, hin und her pendeln. Die Ufer des Sees sind ringsumher von Hügelfeldern gesäumt. Jeder Hügel ist durch eine Tafel mit Inschrift gekennzeichnet. Halbdunkel. Über allem breitet sich ein düsteres Wolkenfeld. Admet wandert — schemenhaft, scheinbar ziellos, durch die Hügelfelder. Er begegnet hierbei Charon.

Zeit: Unbestimmt.

Admet: Wer bist Du? 
Charon: Herr dieser Boote und Gewässer. Viel besetzt den einen Weg nur; jenen Sack ansteuernd, des Name Hades ist.
Admet: Charon, der Fährmann?
Charon: So ist es. Und Du? Scheinst mir noch ein Neuling in diesen Regionen.
Admet: Von Thanatos herbefördert erst vor wenig Stunden. Doch sag an: Was bedeuten diese Hügelfelder hier mit den Inschriften?
Charon: Du befindest Dich auf dem Friedhof der ermordeten Töchter.

(Sie wandern gemeinsam durch die Felder, Admet in tiefes Grübeln versunken.)

Admet (quasi zu sich selbst sprechend): Alkestis. Gehört sie nicht auch zu den Ermordeten?
Charon: Du sinnst über etwas nach. Hast Du ein Problem, das in Bezug zu ihrer Tötung steht?
Admet: Wessen?
Charon: Alkestis meine ich. Du stehst vor ihrem Grab. Lies die Inschrift auf der Marmortafel!
Admet (vorlesend): Alkestis. Gewaltsam gestorben, weil sie in eine Sackgasse geriet, aus der es kein Entrinnen gab. Es war nicht nur Mord, sondern perfekter Mord. Anzeigen gegen unbekannte Täter verliefen im Sand. Scheinuntersuchungen der Justiz führten zu keinem Ergebnis. (Zu Charon): Weshalb wurde sie ermordet?
Charon: Lies weiter! Es steht noch mehr dabei.
Admet (vorlesend): So war Alkestis. Schriftsatz zur Rechtfertigung ihrer Tötung:
Vom Standpunkt der Sittlichen Ordnung war ihre gewaltsame Tötung deshalb unzweifelhaft gerechtfertigt, weil sie sich unerhörter Tiraden gegen eben diese Ordnung schuldig gemacht hat. Sie hat zum Beispiel behauptet, dass die allermeisten Menschen nicht sterben, sondern ermordet werden. Subtil ermordet, zu Tode gekränkt von anderen, die die Hölle sind. Die Männer, hochrangige Wissenschaftler, wie Autoren, wurden von ihr pauschal verdächtigt, sich gegen die von ihr propagierten Anstandsregeln der Diskretion fortgesetzt zu versündigen. Die – von ihr verurteilte - versteckte Auswertung ganz persönlicher Eigentümlichkeiten von Menschen durch andere für wissenschaftliche oder literarische Zwecke bedachte Alkestis – in dem ihr eigenen Jargon – mit aus dem Fleischhauergewerbe entlehnten Ausdrücken wie Ausweiden und Ausschlachten. Als Beweis für die Uferlosigkeit ihrer gemeingefährlichen, paranoiden Weltverbesserungs-Aktivitäten möge das nachstehende, wörtliche Zitat aus ihrer Hinterlassenschaft dienen: Von solchen Morden sehe ich die Welt angefüllt, die feine, lächelnde, bürgerliche. Und weil alle Wahrnehmungen davon geprägt und mitbestimmt sind, drängt es mich, alles was ich schreibe, als Teil eines Riesen-Zyklus Todesarten zu organisieren. Mit solchen kriminellen Slogans ist es ihr zuletzt gelungen, Horror-Produktionen wie Animal und den Fall Ranza als Kultbücher der feministischen Literaturwissenschaft zu installieren und war sie im Begriff, zum Zentrum der Aufmerksamkeit, Diskussionsgegenstand, ja Inbegriff für die Kriminalpoetik eines Todesarten-Zyklus zu avancieren. Die Einstellung des Mannes einer Frau gegenüber sei, wie sie immer wieder beteuerte, krankhaft und obendrein ganz einzigartig krankhaft, so dass man die Männer gar nie von ihren Krankheiten werde befreien können. Dass es einige gute Liebhaber gibt sei eine Legende. Man könne höchstens von solchen Männern sprechen mit denen es völlig hoffnungslos und einigen, mit denen es nicht ganz so hoffnungslos ist. Mit diesen grotesken Anschuldigungen, welche in der Weltliteratur einzigartig dastehen, hat sie sich in jene Ausweglosigkeit einer Sackgasse begeben, welche keinen Fluchtweg offen lässt. Da ihre Beseitigung aufgrund der derzeitigen Rechtslage nicht anders zu bewerkstelligen war, musste hierzu der illegale Weg der Gewalt beschritten werden. Die Gesellschaft möge dieses Vorgehen durch Verzicht auf eine gerichtliche Verfolgung jener, welche die Exekution in edelmütiger Selbstlosigkeit auf sich genommen haben, honorieren.

(Pause.)

Charon: Ihre Seele schwebt soeben um Dich. Das spüre ich.
Admet: Mit meinen Gedanken weile ich sehr oft, fast täglich, bei ihr; obgleich wir uns schon lang, lang nicht gesehen haben.
Charon: Soll ich sie Dir sichtbar machen? Es steht in meiner Macht.
Admet: Sei es denn, rufe sie!

(Charon gibt ein Zeichen mit der Hand. Alkestis erscheint, in schemenhafter Gestalt.)

Admet: Alkestis! Welch ein unverhofftes Zusammentreffen! Wo haben wir uns zuletzt gesehen? Es war in einem Pariser Café.
Alkestis: Als meine Ermordung bereits beschlossene Sache war. Apoll und Thanatos, die Henker, standen schon im Hintergrund bereit. Ich bin euch in die Falle gegangen.
Admet: Nicht meines Zutuns bedurfte es. Du hast die ganze Männerwelt, die Mafia ...
Alkestis: Die organisierte männliche ...
Admet: Du hast sie gegen Dich aufgebracht mit Deinem blödsinnigen Geschreibsel von den Todesarten. War das denn nötig?
Alkestis: Treulos verlassen hast Du mich, die Dir stets getreu gewesen.
Admet: Immer musstest Du Dein Eigenleben führen. Ließest mich daran nicht teilhaben.
Alkestis: Mit sinnloser Eifersucht hast Du mich verfolgt, meine Briefe gelesen, Telefongespräche mitgehört.
Admet: Du hast immer glänzen müssen, hast Deine Freiheit gebraucht. Deine Freunde durften nicht zugleich die meinen sein.
Alkestis: Dafür hast Du mich zu Deinem Opfer deklassiert. Kein Sterbenswort habe ich je darüber fallen lassen. Du hast es bis heute nicht begriffen, wirst es nie begreifen, was Du mir damals, wie auch heute, alles angetan, was Du aus unserer Gemeinsamkeit hast werden lassen. Für mich totale Dekomposition; Zwangsjacke, Die gestohlenen Jahre. Unwissentlicher Vater warst Du, Mitautor meiner Todesarten. Den Ersatztod für Dich zu sterben um Dich der Mafia für eine Zeit noch zu erhalten war für mich kein Opfer mehr. Es war Erlösung, Erleichterung darüber, endlich diesem Unmenschlichen, Grauenvollen, dem ständigen Ausgeweidet– Ausgeschlachtet- Werden zu entrinnen. Denn Du bist nicht Admet, der – wenn auch hinterhältig-feige - König von Pherai des antiken Mythos. Nein, Du bist Wadenbein, der heuchlerische Pseudotaube, der nichts anderes zu tun weiß als seiner Violetta ständig nachzuspionieren, sie zu bespitzeln, damit sie ihn – unwissentlich und ungewollt – mit Material versorge für sein langweiliges, unästhetisches literarisches Gekotze.
Admet: Dieser Roman ist nur eines meiner zahllosen literarischen Meisterwerke, auf die ich mit Recht stolz sein kann. Mitgeholfen hat er, jenen weltweiten Ruhm zu begründen, dessen ich mich als international berühmter Schriftsteller, auch posthum noch, erfreuen darf. Es ist ein geistvolles, scharfsinniges, witziges Werk; aber noch viel mehr: Es ist vor allem ein Schlag gegen Deine verächtliche Herabwürdigung alles Männlichen. Einen Mann vor Dir in seiner Kotze liegen zu sehen ist für Dich das höchste aller Lustgefühle. Es ist die Rache-Phantasie der vom Schriftsteller-Geliebten Dorek sich ausgebeutet fühlenden Anni. Das bist Du. Bezahlte Gangster bringen ihn gefesselt zu ihr. Er ist ihr ausgeliefert und zittert um sein Leben. Lies das laut und deutlich vor! Sagt sie zu ihm, denn sie weiß, dass er sich weigern wird. Die Gangster schlagen ihm mit der Faust ins Gesicht und sie steht eiskalt daneben; denn sie will nur, dass er vorliest was sie für Ausbeutung ihres Privatlebens hält und was er daher niemals hätte schreiben dürfen.
Alkestis: Dein wahrhaft kümmerlicher Kommentar zu meiner Anni demaskiert Dich abermals als Vertreter jener abartigen, großspurig-geschwätzigen Spezies des Männlichen, die in ihrer hemmungslos-perversen Gier, eine normal empfindende Frau wie mich psychisch zu zerstören um damit zu Geld und Ansehen zu gelangen, jede Art von Diskretion mit Füßen tritt. Den Schutz persönlicher Geheimnisse, für jeden Menschen mit einiger Herzensbildung eine Selbstverständlichkeit, ignorierst Du konsequent, unfähig jeder tieferen Empfindung. Bist Du es überhaupt noch wert, Mensch genannt zu werden?
Admet: Deine vorgebliche Hoheit offenbart sich bei genauerem Hinsehen eher als moralische Niedrigkeit. Ich zitiere einen Deiner Texte, der von einer Frau handelt, die davon träumt, nackt von vier uniformierten Männern vergewaltigt zu werden: Rosemarie war friedlich und stumm und seufzte und tat, was man von ihr wollte [...] es war eine einfache, demütige Sache, und sie fühlte sich gar nicht schlecht dabei. Einer Deiner – vermutlich zahlreichen – ehrlich?
Alkestis: Unehrlich ist es von Dir, hinter meinem Rücken Aufzeichnungen über mich zu machen, die Du mir nicht zeigst. Merkmal einer feigen, typisch männlichen Idiotie. Mir wäre so etwas nie eingefallen. Wenn ich wirklich so eifersüchtig gewesen wäre, über Dich Aufzeichnungen zu machen, denn einen anderen Grund hierfür hätte es für mich nicht geben können, dann hätte ich sie Dir fairer Weise gezeigt. Aber Du gehörst eben zu jenen psychisch gestörten Machtmenschen von Hitler’scher Prägung. Seine Nichte Geli Raubal hat ja keine andere Wahl gehabt als sich wegen der sexuellen Emanationen dieses inzestiösen Sadisten umzubringen.
Admet: Moment mal. Ich bin weder Hitler noch hatte ich sexuelle Emanationen.
Alkestis: No comment.
Admet: Wie sieht es nun mit der sogenannten Wohlanständigkeit einer ehrbaren Frau aus? Ich zitiere ein weiteres Textbeispiel von Alkestis: Ich, zum Beispiel, war sehr unzufrieden, weil ich nie vergewaltigt worden bin. Ist das vielleicht sogar autobiografisch, als eine weitere Fluchtweg-Phantasie, zu verstehen?
Alkestis: No comment.
Admet: Das ist also ein tabuisiertes Thema?
Alkestis: No comment!
Charon (zu Admet): Ich muss Dich bitten, das Thema zu wechseln. Auch unter Verstorbenen darf ein Mann niemals einer Dame zu nahe treten.
Admet (zu Charon): Das liegt mir auch vollkommen fern. (Zu Alkestis): Meiner Ansicht nach gibt es zwischen uns keinen vernünftigen Grund mehr, einander Feind zu sein. Unser zufälliges Zusammentreffen in der Unterwelt ändert nichts daran, dass wir beide nicht mehr am Leben sind. Infolge Deiner großzügigen – in die Tradition der antiken Mythologie zurückreichenden – Bereitschaft, unbeschadet Deiner selbstgewählten Rolle einer Antagonistin zur etablierten Literaturmafia, stellvertretend den Opfertod für mich zu erleiden, durfte ich Dich, trotz meines beträchtlich höheren Alters, um fast zwei Jahrzehnte überleben ..
Alkestis: Sobald Du nur den Mund aufmachst, lügst Du wie gedruckt! In Wahrheit hast Du mich nicht nur schnöde verlassen, sondern auch an der Anstiftung zu meiner hinterhältigen und grausamen Ermordung mitgewirkt, nachdem ich schon zuvor auf raffinierteste Tour literarisch ausgeweidet worden bin. So perfekt war dieser Mord, dass es keine Mörder gibt, die man zur Verantwortung ziehen könnte. Denn juristisch war es Unfalltod oder Selbstmord. Eine Aufklärung dieses größten Ritualverbrechens in der abendländischen Gesellschaft wird es nie geben. Du selbst, einer der Drahtzieher, bist natürlich – wie immer - außer Obligo!
Admet: Lüge! Freiwillig bist Du an meiner statt gestorben, wie es im antiken Mythos vorgezeichnet ist. Herakles hatte den Auftrag, Dich dem Thanatos zu entreißen und mir wieder zuzuführen. Pflichtvergessener Schurke der!
Alkestis: Irrtum! Seiner posthumen Rettungsaktion verdanke ich meinen dichterischen Ruhm, der den Deinen haushoch überstrahlt!
Admet: Irrtum! Mein Dichtwerk stellt, abgesehen von seinem beträchtlichen quantitativen Vorrang, das Deinige auch hinsichtlich des ästhetischen Gehalts weit in den Schatten; zumal es kalkulierbar, transparent ist, was bei Deinen irritierenden, verschleiernden Pseudotexten durchaus nicht zutrifft. Als Lyrik sind sie gerade noch tragbar, insoweit Böhmen am Meer liegt. Aber die Prosa kannst Du vergessen; von A bis Z. Und das schleunig!
Alkestis: Infame Lüge! Herakles, mein Talisman, hat mich gerettet! Er war es, der mir und meinem Werk den Fluchtweg aus jener Sackgasse gewiesen, in der Du mich durch Deine Mafiagötter hast ermorden lassen. Er steht symbolisch für gerechtes, wahres Empfinden in der Kunst. Für ein Publikum, das meine Diskretion in der Offenlegung zutiefst menschlicher Gefüge achtet, Deine, vom Ungeist des Gegenwartsbezugs diktierte, gekünstelte Gesellschaftliche Wirklichkeit verwirft. Er hat mich nicht nur aus der Versenkung hervorgeholt, in die mich Deine destruktiven Agitationen zu stürzen drohten. Nein, zum Idol, zum Mythos einer neuen Zeit erhoben hat er mich, der für Wahrheit bürgt, während Dein erbärmliches Ganovengeschreibsel als Abschaum sich entpuppt. Millionen Frauen und Männer in aller Welt beten mich an. Eine geheimnisumwitterte intellektuelle Kraft bin ich. Die charismatische Persönlichkeit von heute. Sie offeriert höchstes ästhetisches Niveau hinter dem Deine Afterproduktionen sich verstecken können. Der ideelle Wert meines literarischen Werks, dessen Deutung Legionen hochrangiger WissenschaftlerInnen in zunehmendem Maß beschäftigt, ist kometenhaft im Steigen begriffen. Deine Wadenbeins und ähnliches Blendwerk haben sich demgegenüber endlich selbst als Schimäre entlarvt!
Admet: Ich protestiere gegen diese Verunglimpfungen! Hilfe! Eine Irre attackiert mich! Wer solche ungereimten Schmähungen ausstößt, der muss von Sinnen sein!
Charon (zwischen Alkestis und Admet tretend): Ich verbiete jedes weitere Wort! Das gilt für beide Seiten. Es ist nicht erlaubt, dass Verstorbene in dieser Art miteinander reden. Erst am Tag des jüngsten Gerichts wird das Urteil über euere Konflikte gefällt.

(Die Szene verdunkelt sich, sodass die agierenden Personen kaum noch wahrnehmbar sind. Am Horizont breitet sich zugleich ein magisches, fahles Licht aus. Plötzlich erhebt sich ein sausendes Geräusch, gefolgt von unterirdischem Grollen und Stößen, die ein Erdbeben der Stärke 8 [Richterskala] assoziieren. Schließlich verschwindet alles Wahrnehmbare auf der Szene in Finsternis.)

Vorhang