Der Träumer (sich im Bett unruhig herumwälzend, im Halbschlaf): Die Todeszelle. Sie haben mich in die Todeszelle gebracht. Entkommen nicht mehr möglich.
(Von außerhalb werden Geräusche hörbar. Eine Türe wird aufgesperrt und geöffnet. Schritte, die sich nähern; durch eine Öffnung dringt Licht in das Zimmer.)
Der Träumer (halblaut, für sich): Sie kommen mich zu holen; zur Hinrichtung; mein letzter Gang; ohne jede Tröstung. Was habe ich denn begangen?
(Eine Tür öffnet sich, eine Frau erscheint, die das Licht im Zimmer anmacht.)
Frau Schöller: Guten Morgen, Herr Müller! Haben Sie gut geschlafen?
Der Träumer (sie mit irrem Blick anstarrend): Sie kommen um mich abzuholen zum elektrischen Stuhl. Oh Gott! Ich sage es noch einmal: Ich bin unschuldig. Ich bin nicht Peter Handke! Den habe ich überhaupt nie gekannt: Es ist eine Verwechslung. Ein Irrtum! Sagen Sie das bitte dem Vorsitzenden und seinem Tribunal! Ich bitte Sie!
Frau Schöller: Aber Herr Müller! Wie kommen Sie denn auf die Idee! Ich bin Frau Schöller, Ihre Betreuerin. Sie feiern heute Ihren neunzigsten Geburtstag und ich bin so früh gekommen um Sie zur Feier zurecht zu machen! Also: Zunächst einmal: Alles Gute zum Geburtstag!
Der Träumer: Sie sind meine Betreuerin? Bringen mich nicht zum elektrischen Stuhl?
Frau Schöller: Sie müssen einen Alptraum gehabt haben. Beruhigen Sie sich jetzt einmal.
(Von draußen werden Stimmen, Schritte und Geräusche hörbar.)
Der Träumer: Das Exekutionskommando: Sie stellen die Hinrichtungsapparatur auf.
Frau Schöller: Beruhigen Sie sich jetzt endlich, Herr Müller! Das ist die Musik, die Ihnen ein Geburtstagsständchen aufspielt.
Der Träumer: Das Peter Handke-Verurteilungstribunal ...
Frau Schöller: Sie werden doch nicht heut’ in der Nacht wieder von dem Peter Handke gelesen haben? Das hat Ihnen der Arzt doch streng verboten!
Der Träumer: Wenn ich heute meinen Neunziger feiere, dann muss ich vor dem Handke- Fan-Club reden. Bin doch sein Ehrenpräsident!
Frau Schöller: Das mit der ledigen Tochter von ihm wollens aufs Tapet bringen?
Der Träumer: Pater semper incertus sagt der Lateiner.
Frau Schöller: Ja, aber nicht mehr im Zeitalter der Genanalyse ... Das is’ jetzt a’ berühmte Künstlerin!
Der Träumer: Ledige Kinder sind doch heute was Alltägliches. Heiraten is’ abgesagt.
Frau Schöller: Aber nicht in Slowenien oder Serbien und schon gar nicht bei den Muslimen. Die glauben noch an Gott!
Der Träumer: Vielleicht will sie’s gar nicht so genau wissen wer ihr Erzeuger ist.
Frau Schöller: Das also wollen Sie aufrühren? Da kann ich Sie nur warnen!
Der Träumer: Gott behüte. Werde mich hüten dieses heikle Thema anzuschneiden. Aber irgend etwas muss ich ja doch sagen, wenn der Handke-Club hier aufkreuzt.
Frau Schöller: Dann sagen S’ halt, dass Sie nicht mehr up to date sind. Sind ja auch schon neunzig Jahr alt.
Der Träumer: Wir leben heute im Zeitalter der Hundertjährigen.
Frau Schöller: Nehmen Sie sich den Johannes Heesters als Beispiel. Der ist bisher mit seinen hundertvier Jahren noch nicht einmal in Pension gegangen!
Der Träumer: Der arbeitet noch immer?
Frau Schöller: Na und ob!
Der Träumer: Künstler müsst man eben sein!
Frau Schöller: Vielleicht auch nur Lebenskünstler.
Der Träumer: Aber produktiv auf jeden Fall!
Frau Schöller: Das sind Sie doch ohnedies, Herr Müller. Schreiben doch, obwohl Sie es nicht sollten, am laufenden Band Theaterstücke! Nicht zuletzt auch über Ihr heimliches Idol, den Peter Handke. Wie weit sind Sie denn schon damit?
Der Träumer: Gestern Abend bin ich bei der letzten Szene angelangt.
Frau Schöller: Die mit dem Tod des Protagonisten endet?
Der Träumer: Das ist das Problem. Er lebt ja und soll noch lang leben. Ich halte ihm die Treue.
Frau Schöller: Jetzt versteh ich Ihren Alptraum: Es ist die Problematik, jemand in dramatischer Form darzustellen, der noch am Leben ist.
Der Träumer: Aber es könnte einer geträumt haben, dass man ihm dessen Rolle aufgezwungen hat.
Frau Schöller: Wer ist oder besser war dieser Träumer wider Willen? Sie selbst etwa gar?
Der Träumer: Zum Beispiel.
Frau Schöller: Bravo, Herr Müller! Sie haben die Lösung gefunden. Ich hoffe, Sie spielen uns das Stück vor so bald es fertig ist. Motivieren Sie doch Ihren Handke-Fan-Club dazu! Der kann das sicher organisieren.
(Frau Schöller hilft dem Träumer beim Ankleiden während von außerhalb des Zimmers eine flotte Blasmusik ertönt.)