Szenerie:
Personen: Wie in der vierten Szene.
Ort: Wie in der vierten Szene.
Zeit: Am Tag nach der vierten Szene.
Der Vorsitzende (an den Träumer gewendet): Bestreiten Sie weiterhin, Peter Handke zu sein oder haben Sie Ihre Selbstdarstellung mittlerweile revidiert?
Der Träumer: Ich bestreite es.
Der Vorsitzende: Ich setze demnach das gestern unterbrochene Verhör des Beschuldigten fort, der trotz erdrückender Beweise bestreitet, Peter Handke zu sein, jedoch offen lassen will, eventuell mit Florjan Lipuš identisch zu sein.
Die Beisitzerin: Beiden ist gemeinsam, dass sie Internatszöglinge des katholischen Priesterseminars Tanzenberg waren und sich von dort her kennen.
Der Vorsitzende: Ich wende mich an den Beschuldigten: Können Sie das bestätigen?
Der Träumer: Ich kann es nicht bestätigen, halte es jedoch für möglich.
Der Vorsitzende: Was heißt hier möglich? Eher ja oder nein?
Der Träumer: Dazu will ich mich nicht äußern.
Der Vorsitzende: O. K. Dann erzählen Sie uns wenigstens einmal aus Ihrer oder Florjan Lipuš’ Sicht, was Sie dort erlebt haben könnten.
Der Träumer: Meines Wissens hat Lipuš dort das Gymnasium absolviert.
Der Vorsitzende: Und dann?
Der Träumer: Soweit mir bekannt trat er dann in das Klagenfurter Priesterseminar ein.
Der Vorsitzende: Um katholischer Priester zu werden?
Der Träumer: Er wurde es aber nicht, denn er war im Grund gar nicht katholisch.
Der Vorsitzende: Sondern?
Der Träumer: Er hatte furchtbare Kindheitserlebnisse.
Der Vorsitzende: Welche?
Der Träumer: Als er sechs Jahre alt war wurde seine Mutter von den Nazis in ein KZ gebracht und dort ermordet. Er wuchs bei einer siechen Großmutter auf und begann erst mit neun Jahren die Volksschule zu besuchen.
Der Vorsitzende: Und dieser Mensch hat gedichtet?
Der Träumer: Ich möchte ihn als den exemplarischen Epiker der Kärntner Slowenen bezeichnen.
Der Vorsitzende: Worauf gründet sich denn dieser angebliche Ruf?
Der Träumer: In erster Linie auf sein in slowenischer Sprache verfasstes Werk Der Zögling Tjaž, wie es auf Deutsch genannt wird.
Der Vorsitzende: Erzählen Sie weiter.
Der Träumer: Die Abrechnung mit Internat und Katholizismus steht im Mittelpunkt dieses Werks. Tjaž lehnt sich auf, wird von Schule und Heim verwiesen, findet sich in fremder Freiheit nicht zurecht und begeht Selbstmord.
Der Vorsitzende: War es nicht bei Handke ähnlich?
Der Träumer: Nicht so ganz, soweit mir bekannt.
Der Vorsitzende: Sondern?
Der Träumer: Er wurde, glaube ich, auch des Heims verwiesen.
Der Vorsitzende: Weshalb?
Der Träumer: Vielleicht deshalb, weil man pornographische Bilder bei ihm fand.
Der Vorsitzende: So? Er ist also pervers?
Der Träumer: Ist es pervers, wenn man nackte Frauen betrachtet?
Der Vorsitzende: O. K. Kommen wir zurück auf Florjan Lipuš’ Zögling Tjaž. Sie haben das Werk, wenn Sie Lipus sind, verfasst, oder, wenn Sie Handke sind, vom Slowenischen ins Deutsche übersetzt.
Der Träumer: So ist es.
Der Ankläger (ihm einen Text vorhaltend): Dann übersetzen Sie mir doch gleich einmal diesen slowenischen Text in das Deutsche.
Der Träumer (nach Stottern einiger Worte): Das ist ein wissenschaftlicher Text, den zu interpretieren ich leider nicht in der Lage bin.
Der Ankläger: Das ist ein Textteil aus Ihrem Zögling Tjaž. Sie können dieses Werk weder verfasst noch von der Originalsprache in das Deutsche übersetzt haben, da Sie der slowenischen Sprache offensichtlich kaum mächtig sind. Wir werden Ihnen vorspielen, was gewesen sein könnte.
