Cosima – Vierte Szene

Szenerie:

Ort: Berlin, Grunewald.

Zeit: Herbst 1863.

Personen: Cosima. Richard.

Sie befinden sich auf einem Spaziergang in urwüchsigem Waldgelände; im Vordergrund ein entwurzelter Baum.
Einstimm-Musik: Vorspiel zum 2. Aufzug von Tristan und Isolde

Richard (auf dem Baumstamm): Lass uns von unserer Wanderung ein wenig ausruhen; hier auf diesem Stamm, den wohl der Sturmwind entwurzelte. 
Cosima (sich zu ihm setzend): Woran denkst Du? Mir wird ganz merkwürdig in dieser düsteren Einsamkeit. Reichenhall kommt mir in Erinnerung vor zwei Jahren; die weiten Spaziergänge, die wir beide durch die Wälder dieser herrlichen Landschaft unternahmen. Anderer, freundlicherer Charakter der Natur als hier. Frische Erdbeeren haben, augenscheinlich aus innerer Unruhe heraus.
Richard: Überhaupt, sich durchzusetzen. Alles neu tapeziert natürlich: Grünes Teezimmer mit Violettsamtstreifen, Goldleisten. Dennoch kein Erfolg. Wiener bezeichnen Tristan, mein persönlichstes, stärkstes künstlerisches Bekenntnis, als wirklichkeitsfernstes, irrationalstes Werk. Nach mehr als sechzig Proben aus Programm der Hofoper wegen Unaufführbarkeit gestrichen. Umgeben bin ich dort von Nichtswissern, Nichtskönnern, Ignoranten, geistigen Kleinrentnern, unfähig erhabene Größe meiner Kunst auch nur annähernd zu begreifen.
Cosima: Finanzielle Auswirkungen dieser Katastrophe?
Richard: Wechselschulden zur Deckung älterer Wechsel in Wucherer-Judenhände gefallen, von Gläubigern bedrängt, bedroht; Freunde raten aus Wien zu flüchten, da sonst Gefängnis. Unvermeidlich, da alle Bemühungen Geld aufzutreiben erfolglos; Wesendonck Bitte um Hilfe rundweg abgeschlagen.
Cosima: Richard, um Gottes willen! Du wirst es doch mit dieser selbstsüchtigen Kokotte und ihrem eifersüchtigen Ehegemahl nicht noch einmal versuchen? Spuckt sie Dir denn noch immer im Kopf herum? Ich flehe Dich an! Begriffsstützig Du? Fühlst nicht Inbrunst meiner Liebe zu Dir?
Richard: Cosima! Einzige Zuflucht, einziger Mensch der mich versteht, dem ich vertraue.
Cosima: Und Minna? Was ist mit ihr?
Richard: Gnadenlos. Bei schlechter Gesundheit, pumpt mich ständig an. Will als Frau Wagner Bewunderung, Geltung als Mitschöpferin meiner Werke.
Cosima: Scheidung?
Richard: Sie würde niemals einwilligen. Schmach gerichtlicher Scheidung, empörende Verhandlungen, von mir verabscheut. Kann ihr nichts vorwerfen, außer mich geheiratet zu haben. Mein Verhängnis: Sie hängt wie ein Kloß an meinem Bein!
Cosima: Du kannst mir voll vertrauen, denn ich besitze Verantwortungsbewusstsein; fühle mich schon jetzt für Dich verantwortlich.
Richard: Uns trennt ein Altersunterschied von vierundzwanzig Jahren.
Cosima: Spielt für mich absolut keine Rolle, weil meine Liebe zu Dir so groß ist, dass sie alle Stadien einer möglichen Gemeinsamkeit, in guten wie in schlechten Zeiten, überdauern wird. Meine Naturbestimmung ist, von allem zu lassen, nichts zu wollen, nur eine Aufgabe zu haben: Dir das Leben zu erleichtern.
Richard: Und Hans, Dein Ehegemahl? Hält sich heute im Konzertsaal auf, wo er dirigiert.
Cosima: Misshandelt mich. Bin schwer enttäuscht. Sein Interesse an unseren beiden Kindern null. Freudlose Gleichgültigkeit, die er an den Tag legt, stumpft mich ab. Einzige Reaktion von ihm als Blandine zur Welt kam: Jetzt bin ich Vater von zwei Töchtern. Fehlt nur noch die dritte und ich bin König Lear. Werde mich in Zukunft verweigern; will keine Kinder mehr von ihm. Zu Deinem Genius blickt er auf; wäre – in vollstem Ernst – wohl geneigt, Dein Stiefelputzer zu werden.
Richard (mit leuchtendem Blick vor ihr niederkniend): Cosima! Einzige Geliebte Du! Lang hab’ ich’s nicht begreifen wollen, aber nun ist’s sonnenklar: Niemand, keine Frau außer Dir ist es würdig, mir auf ewig anzugehören. Nichts kann uns jetzt mehr trennen. (In Tränen ausbrechend): Ich kann nicht anders. Dein für immer. Cosima-Richard, immerdar!
(Pause. Sie werfen sich, hemmungslos schluchzend, in die Arme.)
Richard: Komm Geliebte. Unweit harrt die Kutsche, uns zu Deinem Haus zu bringen. Den erhabenen Bund der edelsten Wesen germanisch–deutschen Blutes lasse uns noch heute rituell durch die Weihe der körperlichen Liebe besiegeln.
(Beide ab.)