Gott schütze Österreich – Fünfte Szene

Szenerie:

Ort: Wien, Galgenhof (schmaler dreieckiger Winkel im Hof des Gefangenenhauses) im Bereich des Landesgerichts für Strafsachen. Der Hof ist an 2 Seiten durch hohe Mauern begrenzt und an der dritten, offenen Seite durch eine Kette von Militär (mit Stahlhelm und Gewehr, Bajonett jeweils aufgepflanzt) abgesperrt. In der Mitte des Galgenhofes steht ein Galgen, bestehend aus 3 hölzernen Pfeilern, die mit Querhölzern verbunden sind. An jedem Querholz befindet sich ein Haken. Im Hintergrund links eine Tür mit der Aufschrift „Totenkammer“ in großen Lettern.

Zeit: 31. Juli 1934, 16 Uhr
Personen: Vorsitzender. 1. Beisitzer. 2. Beisitzer. Gefängnisdirektor. Scharfrichter. 2 Scharfrichter-Gehilfen. Polizeibeamte. Militär. Später: Holzweber. Arzt. Pfarrer.

Vorsitzender (in Begleitung der Beisitzer auftretend, hierbei den Militärkordon durchschreitend, zum Gefängnisdirektor): Sind die Vorbereitungen getroffen, können wir beginnen? 
Gefängnisdirektor: Ich habe erst vor drei Stunden Order erhalten, dass heute zwei Exekutionen fällig. Wann muss hergerichtet sein?
Vorsitzender: Sofort. In einer halben Stunde längstens ist der Strafvollzug zu beenden; das ist die Vorschrift. 
Gefängnisdirektor: Es war nicht leicht, in dieser kurzen Zeit so  perfekte Bereitstellung zuwege zu bringen, dass einwandfreie Funktion garantiert. 
Vorsitzender: Wo liegt das Problem? Was war bereitzustellen? 
Gefängnisdirektor: Alles. Wir haben erst Sträflinge mobilisieren müssen, welche die Löcher gegraben haben, damit der Galgen hat aufgestellt werden können. Diffizile Arbeit. Die Pfosten  müssen exakt so tief hineingetrieben sein, dass sie, genau nach Vorschrift, zweieinhalb Meter herausstehen. (Er unterbricht sich.) Hier fehlt noch was. Die Stufen. (Zu den Scharfrichter-Gehilfen gewendet): Wie wollt’s ihr denn den Strick befestigen am Galgen da oben, wenn keine Stufen da sind? (Die beiden Gehilfen gehen eilends ab.) 
Vorsitzender (sich umsehend und auf die Fenster im Hintergrund, oberhalb der Tür zur Totenkammer deutend): Was ist da oben, hinter diesen Fenstern? 
Gefängnisdirektor: Das Gefangenenhaus. 
Vorsitzender: Sollte man nicht die Fenster besser schließen? 
Gefängnisdirektor: Zu schwül heut; man kann’s den Gefangenen nicht gut zumuten. (Als der Vorsitzende eine bedenkliche Geste macht): Keine Gefahr. Sind vergittert; außerdem würde,  selbst wenn nicht, keiner den tiefen Sprung in den Hof wagen.
(Die Scharfrichter-Gehilfen kommen mit Holzstufen, die sie unter den Galgen hinstellen.)
Vorsitzender (zu einem Polizeibeamten): Ersten Delinquenten vorführen. 
Polizeibeamter: Welchen bitte? 
Vorsitzender: Holzweber.

(Polizeibeamter ab. Gesprächspause. Zwei Polizeibeamte mit Holzweber in ihrer Mitte, dahinter ein Arzt und ein Pfarrer, treten auf. Sie durchschreiten den Militärkordon und nehmen in der Nähe des Galgens, dem Vorsitzenden gegenüber, Aufstellung.)

Vorsitzender: Holzweber, ich habe Ihnen die Eröffnung zu machen, dass Ihr Ansuchen an den Herrn Bundespräsidenten um Begnadigung keine positive Erledigung gefunden hat. Es ist daher dem Buchstaben des Gesetzes gemäß zu verfahren.
Gefängnisdirektor (auf ein Zeichen des Vorsitzenden, an den Scharfrichter und die Gehilfen gewendet): Hinrichten!

(Die Scharfrichter-Gehilfen stürzen sich auf dieses Kommando hin auf Holzweber, fesseln seine Hände mit einem dünnen schwarzen Seil auf dem Rücken und ziehen über den Rücken durch die Arme einen Riemen, so dass er diese nicht mehr bewegen kann.)

Vorsitzender (an den Scharfrichter gewendet): Herr Nachrichter,  walten Sie Ihres Amtes! 

(Der Scharfrichter erklettert die Holzstufen unterhalb des Galgen-Hackens und wirft Holzweber die Schlinge eines fingerdicken Seils über den Kopf, während dieser von den Gehilfen an den Beinen emporgehoben wird.)

Holzweber (die Schlinge des Seils um seinen Hals spürend, mit lauter Stimme): Es lebe das deutsche Volk! Heil Hitler!
(Aus den Fenstern des Gefangenenhauses ertönen laute Rufe, wirr durcheinander.)
Stimmen: Rache! Nieder mit der Regierung! Heil Hitler! Heil! Heil!
Holzweber (laut rufend): Heil Hitler! Heil! Heil! 
Vorsitzender (heftig): Macht Schluss mit diesem Verbrecher; schnell!
Der Scharfrichter (zieht eilends die Schlinge um Holzwebers Hals zusammen, hängt das Ende an einen Hacken des Galgens und ruft): Los! 
(Hierauf zerren die Gehilfen Holzwebers Schultern herunter. Während dieses Vorganges ertönt aus den Fenstern des Gefangenenhauses fortlaufendes Geschrei.) 
Stimmen: Rache! Nieder mit der Regierung! Nieder mit den Verrätern am deutschen Volk! Heil Hitler! Heil! Heil! 
Vorsitzender: Was sind das für Leute? Wer schreit da oben? 
Gefängnisdirektor: Inhaftierte Nazis. 
Vorsitzender (zum Gefängnisdirektor): Sofort Ruhe wieder herstellen da oben! Täter ausforschen und in Dunkelhaft nehmen! Fenster schließen! Planetta erst zur Exekution bringen wenn diese Sauerei abgestellt! Darf sich nicht noch einmal ereignen!
(Gefängnisdirektor stramm salutierend ab.)