Franz Grillparzer – Dritte Szene

Szenerie:

Ort: Rotes Zimmer in der Wohnung der drei Schwestern Fröhlich im vierten Stock des Hauses Spiegelgasse 21, Wien, erster Bezirk. Das Zimmer ist als Speisesalon eingerichtet, die Sitzmöbel sind rot überzogen.

Zeit: 18. Januar 1871 am Nachmittag.
Personen: Kathie, Susanne, deren Stimme zunächst durch die offene Tür in das Vorzimmer zu hören ist. Etwas später: Ebner, Grillparzer.

Kathie (am Tisch stehend, mit dem Ordnen von Kaffeegeschirr beschäftigt, laut): Der Besuch wird gleich da sein; Susanne, bitten S’ doch gleich den Herrn Hofrat herüber!
Susanne (von draußen): Der Herr Hofrat sind nicht in seinem Zimmer.
Kathie: Wo ist er denn?
Susanne (von draußen): Weggegangen.
Kathie: Wo denn hin?
Susanne (von draußen): Weiß ich nicht. Ist plötzlich aus seinem Zimmer heraus, bei mir vorbei, hat die Türe offen stehen gelassen, hinaus und die Stiege hinunter; in Mantel, mit Stock und Hut, ganz aufgeregt. Zu mir hat er nichts gesagt.
Kathie (erregt): Das gibt’s doch nicht. Das haben wir ihm ja streng verboten, seit er voriges Jahr die Stiege hinunter gestürzt ist!
Susanne (von draußen): Ich hab ihn net hindern können. Er hat getan als wär ich Luft. Vorher hab ich ihn in seinem Zimmer laut reden g’hört.
Kathie: Mit wem hat er denn g’red’t und was?
Susanne (von draußen): Weiß nicht recht; vielleicht mit sich selber; monologisiert. Hab sonst niemanden gesehen. Zuletzt irgend was vom Andreas Hofer. Es ist Zeit, es muß was g’scheh’n, oder so ähnlich. Ich hab net so genau hing’hört.
Kathie: Um Gottes willen! Wir müssen die Polizei alarmieren. Wann is’ er denn weg?
Susanne (von draußen): Vor drei Stunden etwa. Warten’s noch mit der Polizei. Der kommt schon wieder. Er hat gar net krank ausg’sehen. Aber es sitzt ihm was im Gmüat.
Kathie: Was denn?
Susanne (von draußen): Waas i net. Vielleicht hängt’s mit Ihna zusammen, Fräulein. I hab so a Vermutung.
Kathie: Mit mir?
(Die Türglocke schrillt.)
Susanne (von draußen): Das wird die Frau Baronin sein. I’ geh öffnen. (Türöffnungsgeräusche werden hörbar.)
Susanne (von draußen): Küß die Hand, Frau Baronin, entschuldigen, Frau Gräfin. Ja, Herr Hofrat! Gott sei Dank, Fräulein Kathie haben sich schon solche Sorgen gemacht um Sie!

(Marie von Ebner-Eschenbach, Grillparzer und Susanne treten auf.)

Kathie (den beiden Ersteren die Hand reichend): Meine Verehrung, Gräfin, wie freue ich mich, Sie wieder einmal hier begrüßen zu dürfen; und mein lieber Grillparzer. Das dürfen Sie mir aber nicht wieder antun; ohne Begleitung über die Stiege, diese 88 Stufen hinunter. Sie wissen doch, wie gefährlich das ist.
Grillparzer (sich den Mantel ausziehend, wobei ihm Susanne behilflich ist, während Kathie Ebner aus dem Mantel hilft): Ja, ja, ich weiß schon. Bin halt wieder einmal schlimm g’wesen. Aber es hat sein müssen. Etwas lang Versäumtes nachzuholen.
(Susanne geht mit den Winterkleidern ab.)
Kathie (zu Ebner und Grillparzer): Bitte nehmen S’ doch Platz. (Zu Ebner): Gräfin, ich darf Ihnen gleich, wie üblich, den Kaffee einschenken. Frisch aufgegossen (einschenkend) und jetzt kommen Sie d’ran, Herr Hofrat.
Ebner (Kaffee trinkend): Das tut gut, an so einem kalten Tag wie heut. Ihr Kaffee ist aber auch der Beste, den ich je getrunken hab, Fräulein Kathie.
Kathie: Hier ist auch der Guglhupf, den ich heute, mit Susanne zusammen, extra für Sie gebacken hab. (Sie reicht Ebner und Grillparzer Guglhupf.)
Ebner: Ihr berühmter Guglhupf. Das Feinste vom Feinen. Wie ein Gedicht des Herrn Hofrat Grillparzer. Das passt z’sammen.
Kathie: Das glauben Sie, Gräfin. Der Unterschied ist aber doch sehr groß.
Ebner: Inwiefern?
Kathie: Mein Guglhupf ist eine ganz profane Angelegenheit; aber g’schmackig, wie es der Herr Hofrat halt zu schätzen weiß; mich selbst inbegriffen. Aber nur bis zu einem ganz bestimmten Punkt. Was d’rüber hinausgeht, das ist höhere Intuition; eben sein Dichtwerk. Davon sind mein Guglhupf und ich immer noch sehr weit entfernt!
Ebner: Was die höhere Intuition angeht geb ich Ihnen vollkommen Recht, Fräulein Kathie: Da ist Herr Hofrat Grillparzer unschlagbar; einzigartig. Meine Verehrung für ihn und sein Werk ist grenzenlos, obwohl ich mir nicht anmaßen darf auch nur einen Bruchteil davon verstanden, oder gar zu Gesicht bekommen zu haben. Auf Ihre Gesammelten Werke, Herr Hofrat, hat die Welt bisher noch immer vergeblich gewartet.
Grillparzer: Darauf wird sie wohl auch weiterhin noch warten müssen. Bis nach meinem Tod jedenfalls.
Ebner: Hat nicht der Laube schon mehrfach drauf gedrängt, dass Sie Ihr gesamtes Werk herausgeben?
Grillparzer: Das hat er. Ich kann ihm gute Meinung mir gegenüber nicht absprechen.
Ebner: Hat er nicht im Burgtheater sogar eine Art Grillparzer-Renaissance inszeniert?
Grillparzer (zerstreut): Hat er, ja. Aber gegen meinen Willen. Hat mir damit fast die Aversion von Hebbel oktroyiert.
Kathie: Und was ist mit den letzten Dramenwerken, die in der versperrten Lade schlummern und den zahllosen Epigrammen, die ich immer zusammensamml und getreulich aufbewahr’?
Grillparzer: Die sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt; geschweige denn die Nachwelt. Spätestens nach meinem Tod werden sie vernichtet.
Ebner (die Hände über den Kopf zusammenschlagend): Aber das ist ja Verbrechen an der Menschheit! Diese Gedankenvielfalt! Herr Hofrat, für mich sind Sie, ich sag’s Ihnen ganz offen, Zukunftsdenker; der größte unserer Zeit. Ihre Werke sind, soweit mir zugänglich, Offenbarung!
Kathie: Sie können beruhigt sein, Gräfin. Ich geb die Epigramme, und alles was sonst noch anfällt, nicht aus der Hand. Beim Kaffee, beim Essen, bei jeder Gelegenheit, kritzelt er auf Zettel und Papier, wie es grad zur Hand, seine Einfälle und Gedanken hin und lasst’s einfach liegen. Ich heb alles auf.
Grillparzer (ihr mit dem Finger drohend): Dass Du’s ja niemand zeigst. Sind krause, wirre Gedankensplitter; was mir halt so alles einfällt.
Ebner: Aber eine Quintessenz von dem, was Sie da so alles bewegt, werden S’ mir jetzt doch erzählen müssen, lieber Herr Hofrat! Darum kommen S’ nicht herum.
Kathie (da Grillparzer schweigt): In erster Linie sind’s halt die Frauen, die ihm im Kopf rumgehen. Das Ewig-Weibliche, wie’s so schön nach Goethe heißt. Er ist Visionär und schreibt dem weiblichen Geschlecht sozusagen übernatürliche Fähigkeiten zu. Unverbesserlicher Schönheitsfanatiker obendrein.
Grillparzer (einwerfend): Euphorist.
Kathie: In der Gedankenwelt seiner seligen Frau Mutter versponnen, von der er sich, glaub ich, nie ganz hat lösen können ... Die Liebe zur Musik. Das hat uns zusammeng’führt und bis heute vereint. Als wirklich Einziges vielleicht. Bis vor Kurzem haben wir noch regelmäßig vierhändig miteinander g’spielt.
Ebner: Jetzt nicht mehr?
Kathie: Er weigert sich.
Ebner: Wieso denn, Herr Hofrat? Sie sind doch so ein blendender Pianist, fast schon Virtuos. Mit einem Riesen-Repertoire; Noten und auswendig. Wie oft haben Sie uns schon vorgespielt!
Grillparzer: Kann nicht mehr. Finger zu steif. Geht nicht mehr.
Ebner: Wie schade. Vielleicht heute nicht. Sie haben sich heute steife Finger geholt weil Sie zu lang in der Kälte herumgelaufen sind. (Zu Kathie gewendet): Ich bin dem Herrn Hofrat draußen begegnet, wie er g’rad aus der Stefanskirche herausgekommen ist; hab gar nicht gewusst, dass er auf einmal so fromm geworden.
Kathie (Kaffee nachschenkend): Der und fromm? Vielleicht hat er eine mit besonders hübscher Larve hineingehen g’sehen und ist ihr nachg’stiegen.
Grillparzer: Provokation! Sie unterstellen mir etwas, was ich nie getan.
Kathie: Zur Verrichtung einer Andacht werden Sie nicht hingegangen sein.
Grillparzer (Kaffee trinkend): Wissen Sie das so genau? In meinem Alter kommt man auf die ausgefallensten Ideen.
Ebner: Welche?
Grillparzer: Etwas was Sie sich nie hätten träumen lassen, Gräfin.
Ebner: Machen Sie’s nicht so spannend, Herr Hofrat.
Grillparzer: Denken Sie einmal scharf nach. Was könnte jemanden, der sonst nie in eine Kirche geht, veranlassen, gerade das zu tun; kurz nach seinem achtzigsten Geburtstag?
Kathie (Kaffee trinkend): Ich hab’ es schon gesagt; hinter einem Weibsbild ist er her. Ich kenne meine Pappenheimer.
Ebner: Stimmt’s?
Grillparzer: Sie haben’s getroffen. Bin hinter einer her.
Ebner: Ich bin sprachlos. Sie scheuen sich nicht, das auch noch zuzugeben? Fräulein Kathie!
Kathie: Grillparzer, im Lauf unserer jahrzehntelangen Bekanntschaft hab ich mich schon auf viel Unerwartetes einstellen müssen. Aber etwas mehr Geschmack hätt’ ich Ihnen doch zugetraut.
Ebner (Kaffee trinkend): Schlechter Scherz, Herr Hofrat? Wie können Sie so etwas tun; wo Sie doch bei den drei Fröhlich-Damen nicht nur wohnen, sondern auch noch liebevollst, man könnte sagen, rund um die Uhr, betreut werden?
Kathie: Ich nehm’s gelassen; kann nur sagen: Alter schützt vor Torheit nicht; oder vielmehr: Die Phantasie eines Greises darf sich’s herausnehmen ins Grenzenlose zu schweifen. Physisches Unvermögen verstärkt libidinöse Gier und wenn dann noch dichterisches Genie dazukommt, dann zerplatzt der innere Schweinehund vor impertinenter Wollust.
(Es entsteht eine etwas peinliche Pause.)
Ebner: Exquisite Erscheinung?
Grillparzer (sich die Finger küssend): Schönstes Exemplar gediegenster Mamsell, das ich je gekannt.
Ebner: Welche Absichten verfolgen Sie mit ihr? Darf man’s wissen?
Grillparzer: Durchaus ernsthafte.
Kathie: Das wagen Sie so ungeniert zu sagen?
Grillparzer: Warum nicht? Die Aufrichtigkeit meiner Verehrung für Sie, liebe Kathie, wird durch die Ernsthaftigkeit meiner Absichten hinsichtlich der in Rede stehenden Dame in keiner Weise gemindert. Im Gegenteil. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich unsere wechselseitige Beziehung durch meine Verehelichung mit jener Dame nicht verschlechtern, sondern nur verbessern wird.
Kathie (konsterniert): Sie ziehen von uns weg zu dieser Person?
Grillparzer: Keineswegs.
Kathie: Wie stellen Sie sich das vor? Soll sie bei uns wohnen?
Grillparzer: Allerdings.
Kathie: Unmöglich!
Ebner (gleichzeitig): Absurd!
Grillparzer: Ich glaube, wir sollten das Thema wechseln. Nehmen Sie’s nicht tragisch, meine Damen. Die Problemlösung wird sich viel einfacher gestalten als es im Moment den Anschein hat. Das garantiere ich Ihnen, liebe Kathie.
Kathie: Allein die Platzfrage. Auch meine Schwestern müssen zustimmen.
Grillparzer: Das werden sie. Bin mir ganz sicher. Platz vollkommen ausreichend.
Kathie: In Ihren beiden angeräumten Zimmern?
Grillparzer: Schreibtisch und Klavier gebe ich weg; wird nicht mehr gebraucht. Bibliothek ausgeräumt.
Kathie: Wohin die Bücher?
Grillparzer: In den Keller.
Kathie: Ihre bisher unantastbaren Heiligtümer wollen Sie in den Keller schaffen?
Ebner: Den Lope de Vega auch?
Grillparzer: Bin entschlossen.
Ebner (für sich): Sonderbar abnorme Art von Liebe muss das sein zu dieser Person.
Kathie: Die Dramen und Fragmente in der versperrten Schreibtischlade...
Grillparzer: Die behalt ich vorderhand noch. Nach meinem Tod werden sie entsorgt. Mit mir zusammen.
Ebner: Entsorgt? Der Laube nimmt sie mit Handkuss und führt sie wohl auch auf.
Grillparzer: Sie sind noch jung, Gräfin. Ahnen nicht, zu welchen Folgerungen so was führt.
Ebner: Angst vor Zensur und Publikum?
Grillparzer: Verspür keine Lust mehr, mich mit Publikums-Jury auseinander zu setzen. Eifersucht, Konkurrenzneid, Unverständnis. Ehrlicher Name durch den Dreck gezogen. Polemiken wegen Anspielungen auf Zustände in Staat und Gesellschaft. Erdichtung versteckter Angriffe gegen Herrschende hinter jedem Wort.
Ebner: Fehler der Überbewertung von Publikumsreaktionen, Herr Hofrat.
Grillparzer: Gräfin, ich weiß was ich tu. Werden mit mir zusammen, verschlossen und versiegelt in den Sarg gelegt, fest an mich gebunden, damit’s mir keiner rauben kann.
Ebner (zu Kathie): Können wir’s verhindern?
Kathie: Aber wie? Er hat’s ins Testament hineingeschrieben.
Ebner: Das muss er ändern!
Grillparzer: Ich denke nicht daran!
Ebner (zu Kathie): Dann werden wir eben Sorge tragen müssen, dass das Testament vernichtet wird, wenn der Zeitpunkt da ist.
Grillparzer: Wissen Sie denn nicht, dass das strafbar ist, meine Damen? Darauf steht Gefängnis, wenn so was aufkommt.
Kathie: Wir lassen ihn entmündigen!
Grillparzer: Sparen Sie sich die Müh, Kathie. Ich werde das alles noch einmal überdenken.
Kathie: Die Heirat mit dieser dubiosen Person?
Grillparzer: Die bleibt. Wegen der war ich heut ja in der Stefanskirche.
Ebner: Ich glaub, Sie treiben mit uns Schabernack, Herr Hofrat. Was haben S’ denn nun wirklich dort getan?
Grillparzer (wie in Gedanken verloren): Seht Ihr, so halten wir’s in unserm Schloss. – So dringt die Zeit, die wildverworrene, neue, durch hundert Wachen bis zu uns heran, und zwingt zu schauen uns ihr gräulich Antlitz. - So lass ich’s meinen Kaiser Rudolf, den Zweiten mein ich, sprechen zu Erzherzog Ferdinand. Wie oft hat man mir schon unterstellen wollen, dass ich mich in den männlichen Rollen meiner Stücke selbst porträtier. Ganz konträr, einander widersprechend; Ottokar, Bancban, Rustan, Primislaus, der Alte im Hradschin. In dem hab ich’s versucht, den alten Grillparzer ein wenig zu pointieren ... Die Zeit, die Zeit! Denn diese junge Frau, die Kathie mein ich – für mich ist sie auch heute noch ein Kind, und zwar ein unschuldiges – sie ist doch nur ihre Schülerin. Aber noch mehr, viel mehr! Prophetin. In den Prophezeiungen der Libussa spricht sie es aus. Ich hab’s Ihnen vorgelesen, Gräfin, als Sie da waren, das letzte Mal. Kathie ist meine Libussa! Die einzige von allen meinen Frauengestalten, die ihrer Sendung nicht untreu wird. Alle anderen, im Bösen oder Guten – bis zuletzt ihrer Liebe verhaftet oder durch sie verdammt.
Ebner: Keine schlechte Idee. Eines Goethe würdig oder mehr sogar. Aber keine Antwort drauf, was ich Sie vorhin gefragt. Was war in der Kirche los? Ich hab Sie doch mit eigenen Augen dort herausgehen gesehen.
Grillparzer: Es hängt mit Libussa zusammen und mit Kathie. Sie ist meine Libussa. Mein ureigenstes, vollendetstes Werk. Hab sie mir zur höchsten moralischen Instanz erkoren.
Kathie: Grillparzer, Ihre Wahnvorstellungen sind mir bekannt. Neu ist nur, dass Sie mich als Modell für Ihre Dichtung missbrauchen.
Ebner: Sind Sie doch stolz darauf, das Genie eines Grillparzer zu solchem Gedankenflug erheben zu können.
Kathie: Die Realität sieht anders aus. Sie haben mir, als ich mit Ihnen seinerzeit verlobt, Hochzeitstermin bereits fixiert gewesen, strikt verboten, Schauspielerin zu werden, obwohl mein Talent von der Schröder, Direktorin von Schauspielschule, anerkannt.
Ebner: Warum?
Kathie: Weil er überzeugt ist, dass Schauspielerinnen samt und sonders amoralisch, impertinent, frivol sind und verhindern wollte, dass seine Zukünftige einer solchen Spezies zugehörig ist.
Ebner: Passen solche Vorstellungen in Ihr tolerantes Frauenbild, Herr Hofrat?
Kathie (da Grillparzer schweigt): Tolerant? Dass ich nicht lache! Besessen von fixer Idee; Idealbild, das nicht existent! Demut, Güte, Unschuld, Treue; natürlich Schönheit in erster Linie; Grundvoraussetzungen dafür, dass man den Vorzug genießen darf, von einem Herrn Grillparzer auch nur in die engere Wahl gezogen zu werden. Damit ist für mich die Sache aber noch nicht abgetan. Jetzt auf einmal kommt es auf. Prophetin soll ich sein; träumend das Universum begreifen, Grenzen zwischen bewusst und unbewusst schwebend überschreiten; vielleicht noch Kupplerin in Ihren Heiratsangelegenheiten; höchste moralische Instanz zugleich. Das ist meine Sendung. Jetzt weiß ich’s endlich. Völlig irreal. Man muss sich an den Kopf greifen. Dazu gehört natürlich, dass mir, willenloser Sklavin, Rolle unberührter, fortdauernd unberührbarer, asexueller Heiligen aufgezwungen. Meine Wünsche und Neigungen uninteressant. Darum haben Sie sich ja nie gekümmert; in Wahrheit Aschenputtel! Wollen mir zum Dank nun den Heiligenschein anhängen. Nein Danke sag ich, Grillparzer; den können Sie sich behalten! Bin jetzt auch dagegen, dichterisches Machwerk in Umlauf zu bringen, das meine Person herabwürdigt zur Schimäre. Nehmen Sie’s mit sich in die Gruft, Herr Hofrat!
Ebner: Ich bitt Sie, Fräulein Kathie! Das können Sie uns doch nicht antun! Libussa ist poetische Meisterleistung; voll erhabenster Gedanken! Assoziativer Bezugspunkt eines Genies zu sein ist für Sie doch eine Ehre! Hab ich’s richtig charakterisiert?
Grillparzer: Sie haben Recht, Gräfin; oder vielmehr haben Sie beide Recht. Bin Träumender; Schläfer. Traumerlebnis Lebensinhalt. So empfinde ich’s. Dichtung Einziges Reales. Dort ist Leben Wahrheit. O Primislaus, so lass ich meine Seherin sagen bevor sie stirbt, war das Dein letzter Kuss? Seit ich nimmer dichten kann komm ich mir als Schatten vor; nicht mehr Mensch.
Ebner: Sie stellen die Menschen dar, wie Sie es sehen wollen; als Schein. Wie sind sie aber wirklich?
Grillparzer: Was ist schon wirklich?
Ebner: Schwache Männer, starke Frauen; Androgynie?
Grillparzer: Ich seh’s nun einmal so. Vielleicht steckt sogar etwas Psychologie dahinter.
Ebner: Zukunftsvision?
Grillparzer: Wer weiß ? Hab’ mich bemüht, die Frauen in ihrer Gesamtheit realer darzustellen als irgend ein anderer Dichter vor mir. Schematisierte Frauen gibt’s nicht bei mir. Wie ich sie darstell, sind sie aus dem Leben gegriffen.
Ebner: Keine Idealisierung wie bei Schiller?
Grillparzer: Wäre gegen meine Logik. Muss aber auch Goethe kritisieren. Nach meinen Begriffen hat auch er zu sehr idealisiert; ganz speziell bei Frauen; ungeachtet aller gedanklichen Tiefe..
Kathie: Kann nicht bestätigen, dass Ihr Frauenbild von Schematisierung frei. Im Gegenteil. In Wahrheit Zwangsneurose: Alles Weibliche hat sich unterzuordnen. Tugendhaft, enthaltsam, lenksam, hilfsbereit sei die Frau. Jede, die sich nicht einfügt in dieses Schema, ist Unperson - oder Zauberin.
Grillparzer: Stimmt nicht! Dagegen muss ich protestieren! Bin emanzipatorischen Bestrebungen immer positiv gegenüber gestanden; aber auch verinnerlichtem Frauenideal à la Rousseau. Habe das unter anderem in meiner Komödie "Weh dem der lügt" deutlich gemacht.
Kathie: Ja, in der Komödie; nicht aber in der Realität. Das ist ein Unterschied! Jenny Lind, schwedische Nachtigall. Hängt in Ihrem Zimmer. Undinenhaft übernatürliches Wesen. Clara Schumann, erst 16 Jahre alt, von Ihnen schon als Wunder verehrt. Zaubert Töne aus Flut hervor. Dass solche Wunder hart arbeiten müssen ist Herrn Hofrat nicht begreiflich.
Grillparzer (zerstreut): Die Schröder zum Beispiel ...
Kathie: Die wird von ihm zum Mann umgemodelt, weil sie so ein rigoroser Charakter ist ... Und Ihre Zukünftige jetzt? Was ist denn das für Eine? Auch so Eine, so ein Wundertier? Oder gar ein Monster? .
Grillparzer (verwirrt): Weder noch. Normaler Mensch ... Aber – die müssten S’ doch ohnedies kennen.
Kathie: So? Die soll ich kennen? Wie heißt sie, wie schaut sie aus?
Grillparzer (zu Ebner): Gräfin, sagen Sie’s ihr; Sie kennen sie doch auch.
Ebner: Ich sie kennen? Nicht dass ich wüsste. Wo hält sie sich denn auf?
Grillparzer: Hier!
Kathie (unter den Tisch blickend): Wo?
Ebner: Sie wollen uns verkohlen!
Grillparzer: Weh dem der lügt!
Kathie: Wo also?
Grillparzer: Irgendwo in der Wohnung. Suchen S’!
Kathie (die Glocke läutend): Susanne!
Susanne (in der Tür erscheinend): Bitte sehr?
Kathie: Irgendwo in der Wohnung soll eine Frau versteckt sein.
Susanne: Bei uns sicher nicht. Davon müsste ich wissen. Was d’rüben beim Herrn Hofrat, ist mir nicht geläufig.
Ebner: Vielleicht hat er sie bei sich versteckt?
Kathie: Das möchte ich mir jetzt aber doch einmal genauer ansehen. Kommen S’ mit, Grillparzer?
Grillparzer: Ich geh nicht mit. (Er gibt ihr einen Schlüsselbund.) Hier haben S’ meine Schlüssel. Schränke, Laden, alles können S’ visitieren. (Kathie ab.)

Ebner (zu Susanne): Bringen S’ uns bitte noch Kaffee; die Kanne ist schon leer.
Susanne: Zu Befehl, Frau Gräfin (mit der Kaffeekanne ab).
Grillparzer (ans Fenster tretend und hinaussehend): Da unten steckt ein Wagen im Schnee. Pferde anscheinend ohne Winterstollen. Rutschen hoffnungslos. Kutscher bemüht sich vergeblich ... Jetzt ist eins gestürzt!
Ebner (zu Grillparzer tretend): Grillparzer, Filou Sie! Ist’s die Kathie, hinter der Sie her sind? So plötzlich?
Grillparzer (weiterhin beim Fenster hinaussehend): Wer sonst?
Ebner: Dann schau’n S’ dazu. Aber es wird nicht einfach sein. Falsche Taktik!
Grillparzer: Keine Chance ihr beizukommen?
Ebner: So wie Sie es angeh’n kaum. Jagd- oder Kriegsschul müssten S’ machen und dort lernen wie man sich anpirscht an Gegner, den man zur Strecke bringen will. So wie Sie’s praktizieren ist’s kontraproduktiv; Sie verscheuchen ja Ihr Wild!
Grillparzer: Haare auf den Zähnen; zu harte Nuss für mich.
Ebner: Dürfen sich nicht wundern abzublitzen bei einer, die Sie jahrzehntelang mit Missachtung gestraft. Jetzt setzen S’ Ihrer boshaftigen Torheit noch die Krone auf: Tun als muteten Sie ihr ungeniert Einquartierung fragwürdiger Rivalin zu. Zuviel an Unverfrorenheit; selbst für das lammfrommste Gemüt!
Grillparzer (kläglich): Aber ist nicht sie’s und niemand sonst, die ich zu meiner Frau machen will?
Ebner: Ja, jetzt auf einmal. Gehn S’ mir mit Ihrer Heimlichtuerei! Sagen S’ es ihr doch direkt! Oder sind Sie etwa zu stolz dazu?
Grillparzer: Trau mich nicht.
Ebner: Hasenfuß Sie, Herr Hofrat!
Grillparzer: Helfen S’ mir?
(Pause.)
Ebner: Gut, ich helfe Ihnen. Haben mir schließlich auch geholfen; bei Korrektur von Stücken; Erlernen des Fundaments dramaturgischer Kunst ... Hab da so eine Idee. Weiß aber nicht ob’s was hilft. Garantieren kann ich nicht! (Zu Susanne, die mit einer Kaffeekanne kommt): Stellen Sie’s bitte hin; das andere mach ich schon. (Susanne mit Knicks ab.)

Kathie (hereinkommend und ein Manuskript in der Hand schwenkend): Alles durchsucht, keine Spur von diesem Weibsbild. Aber was anderes ist mir in die Hände gefallen: Ein Manuskript. Geheime lebensgeschichtliche Aufzeichnungen des Herrn Grillparzer! Konfessiones! Untaten, die der dichterische Schwerenöter einst verbrochen! Affäre mit der Daffinger. Blindlings hätt’ er sie geheiratet, mich verstoßen, wenn ihm seine Angebetete nicht noch kurz davor einen Schuhspitz mit Rausschmiss verpasst ... Brief über mich an meine Schwester. Arrogant und despektierlich gar kein Ausdruck! Gerechte Strafe für den Herrn? Von Rechts wegen geschunden und kastriert auf alle Fälle. Heiratsschwindler! Westentaschencasanova! Sadomasochist! Erbärmlicher Streber nach Lorbeerkränzen und Märtyrerkronen! Weh dem der lügt, sagen Sie zu mir? Weh Ihnen, Grillparzer, sag’ ich!
Grillparzer (bei ihren Worten sichtlich zusammenzuckend, weiterhin krampfhaft beim Fenster hinausstarrend): Ich bitt Sie, vergessen S’ die Vergangenheit; lassen S’ uns an die Zukunft denken.
Kathie: Zukunft? Wie stell’n Sie sich die Zukunft vor mit Ihrer Zukünftigen? Und vergessen? Das was Sie breittreten in dem Geschreibsel da, das ist der reinste Psychothriller! Ich hätt’s schon halb vergessen g’habt. Aber Sie selber rühren’s immer wieder auf. (Zu Ebner gewendet): Gräfin, lassen S’ sich nicht anfechten. Wir wollen von etwas anderem reden. (Zu Grillparzer ans Fenster tretend und gleichfalls hinaussehend): Na so was. Da liegen zwei Pferde im Schnee und kommen nimmer hoch.
Grillparzer (mit gepresster Stimme): Ja, so kann’s zugehen, wenn zwei in eine hoffnungslos verfahrene Situation geraten.
Kathie: Gott sei Dank, jetzt kommen Leute zu Hilfe.
Ebner (Kaffee in eine Tasse gießend und eine Kapsel hineinwerfend, die sie ihrer Handtasche entnimmt): Für Herrn Hofrat. Zucker, wie viel?
Kathie (zum Tisch eilend und die Kanne ergreifend): Lassen S’ nur, Gräfin, das mach ich jetzt schon.
Ebner (in einer Tasse umrührend): Herrn Hofrat hab ich schon bedient. Es ist mir eine ganz besondere Ehre. (Zu dem noch immer am Fenster stehenden Grillparzer gewendet): Kommen Sie, Herr Hofrat. Stärken Sie sich mit einer Tasse guten Kaffee.
Grillparzer (Kaffee trinkend): Ein besonders guter Kaffee. Noch besser als der frühere. Weil Sie ihn mir eing’schenkt haben, Gräfin.
Kathie (am Tisch sitzend und die beiden etwas unsicher anblickend): Bei so einem grauslichen Wetter wie heute ist ein guter Kaffee aber wirklich noch das einzig Gute ... Wo sind wir denn jetzt eigentlich stecken geblieben in der Unterhaltung?
Ebner: Bei den Ideen, würde ich sagen. Herr Hofrat, haben Sie vielleicht eine Idee?
Grillparzer: Ideen mehr als genug; aber keine, die zum Ziel führt.
Ebner: Halten S’ sich an Goethe.
Grillparzer: Der legt seine Ideen dem Mephisto in den Mund. Zum Beispiel wenn er ihn sagen lasst: Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, das nicht die Vorwelt schon gedacht?
Ebner: Außer in den Naturwissenschaften.
Grillparzer: Richtig! Da ist das Feld unbegrenzt.
Ebner: Deswegen hat er sich auf seine alten Tage auch noch damit herumgeschlagen.
Grillparzer: Das ist der Punkt. Es war sein Fehler. Ich hätt ihm g’sagt: Goethe, bleib bei Deinem Leisten.
Ebner: Wieso?
Grillparzer: Es hat ihn abgestumpft gegen feinere Empfindungen. Der alte Goethe war ein Schwein. Hat sich nicht gescheut, gefallene Mädchen zu Heldinnen, Heiligen zu machen. Bei mir gibts das nicht. Hingabe ist in meinen Dramen Tod: Hero, Medea, Sappho, alle die dem Taumel des irdischen Glücks verfallen, werden grausam bestraft.
Ebner: Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, die gefallenen Frauen so schlecht zu behandeln? Ist es nicht menschlich, Versuchungen, Verführungen zum Opfer zu fallen? Darf in Ihren Augen eine Frau nicht Mensch sein?
Grillparzer: Mensch sein darf sie, genau so wie ich selbst einer bin. Wenn sie sich aber verführen lässt, folgt ihr die Strafe auf dem Fuß. Das ist bei mir nicht anders. Etliches von dem, was ich geschrieben hab, ist selbst erlebt. Assoziativ natürlich. Das goldene Vließ hab ich Charlotte gewidmet. Sie hat mir sehr dabei geholfen. Ohne ihre Unterstützung hätt ich diese monströse Dichtung nicht geschafft. Die Medea hab ich erst fertig stellen können als der erste Rausch der Leidenschaft zu ihr vorbei.
Kathie: Wie das?
Grillparzer: Spezielle Art von Gefühlsprojektion. Spiegelung eigener Gefühlsverwandlung in Jason, dessen Gefühlswelt im Mittelteil für Medea lodernd aufflammt, um im letzten Teil – genau so abrupt – zu erkalten.
Kathie: Von der also waren Sie bezirzt zu dieser Zeit! War sie’s, von der Sie inspiriert worden sind zur Gestalt dieser Zauberin? Ähnlichkeit der zwei in Ihren Augen?
Grillparzer: Das nun gerade nicht; obgleich gewisse charakterliche Analogien vorhanden. Parallelität auch in bedenkenloser Hingabe und Selbstzerstörung. Vielschichtigkeit meiner Medea frappant: Amazone, gehorsame Tochter, Magierin, unterwürfige Ehefrau, Racheengel. In keines meiner anderen Werke hab’ ich mich so leidenschaftlich, bis zur völligen Erschöpfung, hineingearbeitet.
Kathie: Perversion! Wie kann man sich als normal empfindender Mensch hineinarbeiten in eine Fülle von Verbrechen: Verführung makelloser Jungfrau, wenn auch Magierin; Untreue; Kindestötung. Abrechnung mit dem Verräter am Ende ist das Einzige was gerecht!
Ebner (zu Grillparzer): Haben Sie sich nie von einer Frau verführen lassen?
Grillparzer: Und ob! Das steht aber in einem anderen Kapitel.
Ebner: Frauen und Männer sind bei Ihnen verschiedene Kategorien Mensch?
Grillparzer: Keineswegs. Frauen sind aber anders; handeln mehr nach dem Gefühl und sind deshalb größeren Gefahren ausgesetzt. Wenn sie Charakter haben, sind sie nicht nur ehrlicher sondern auch couragierter als Männer ... Nur Frauen von starkem Charakter provozieren mein Interesse.
Kathie: Außerdem müssen sie schön sein.
Grillparzer: Drei solche, von denen eine hier sitzt, habe ich in Unglück gestürzt indem ich ihre Hoffnungen betrog. Zwei davon sind tot.
Ebner: Sie weichen mir aus. Ich spreche nicht von den durch Sie in Unglück gestürzten Frauen sondern von Ihnen selbst und jenen, die Sie verführt haben.
Grillparzer: Die Wahrheit zu sagen, es waren zwei, die es vermocht haben, mich zu verführen. Beide waren keine reinen Jungfrauen mehr. Die eine hat mich zum ersten Mal in meinem Leben die Ekstase der Vereinigung mit dem weiblichen Körper genießen gelehrt, und das in höchster Vollendung. Sie hat nur zu teuer dafür bezahlt; denn nicht ungestraft verführt man einen Jüngling, der ein Dichter ist wie ich. Grillparzer verführen heißt eine Ikone, einen flammenden Eisberg zum Schmelzen bringen. Indem sie mich verführt hat ist sie gleichzeitig mein Opfer geworden. Mir, meinen Grillen, Launen, Widersprüchen verfallen.
Ebner: Sie sprechen nur die halbe Wahrheit, Herr Hofrat! Welche kluge Frau verfällt schon einem Mann, selbst wenn er ein dichterisches Genie ist? Viel eher möchte sie ihn abrichten wie ein Schoßhündchen. Andere Gründe muss es geben, die Sie verschweigen. Ist sie nicht etwa an einer Konkurrentin gescheitert?
Grillparzer: Sie verstehen es, Gräfin, einen alten Mann sukzessive in die Enge zu treiben.
Kathie: Grillparzer! Hab ich Sie! Sie wollen mir doch nicht unterstellen, dass ich die arme Charlotte auf dem Gewissen habe?
Ebner: Mein lieber Herr Hofrat. Mir fällt’s wie Schuppen von den Augen. Immer mehr kommt mir zum Bewusstsein, was für ein Unhold Sie gewesen sein müssen in Ihren jungen Jahren. Sie haben meine Frage noch immer nicht beantwortet. Womit wurden Sie dafür bestraft, dass Sie sich, als jungfräulich-männliches Genie von diesem venushaften weiblichen Körper in die Freuden der irdischen Liebe einweihen ließen? Etwa damit, dass Sie sich nun plötzlich Ihrer Schuld erinnern, dieses göttergleiche Geschöpf, nachdem es sich Ihrer beklagenswert gehemmten muttersöhnchenhaften Impotenz erbarmt hatte, sadistisch grausam zu Tod gefoltert zu haben?
Grillparzer: Spielball dunkler Kräfte bin ich geworden; gestraft genug damit.
Ebner: Ringen mit dem Genius schon von Jugend auf: Wäre fruchtlos ohne katalytische Wirkung erotischer Beziehungen.
Kathie: Legendäre Liebesaffären eines Genies! Was steckt dahinter? Beispiellose Gemütskälte. Widert jeden an, der’s über sich ergehen lassen muss. Langweilig obendrein .... Neuerdings wieder einmal auf Freiersfüßen. Gleichzeitig mich zur Prophetin, höchsten moralischen Instanz, stilisiert; Prinzip des Ewig-Weiblichen, das alle verruchten Mannsbilder hinanzieht; größer als Goethes Gretchen sogar; jungfräulicher, kindlicher, unschuldiger, reiner, ehrlicher und - vor allem - couragierter ... Weigert sich aber hartnäckig, Identität des ominösen Frauenzimmers zu lüften, das er unbekannten Ortes versteckt hält und jetzt – auf seine alten Tag’ – stantepede zu ehelichen sich anschickt; dabei – dem Vernehmen nach - mir persönlich bekannt.
Ebner (zu Grillparzer): Sie machen mich jetzt wirklich neugierig. Rücken S’ endlich einmal mit dem Arkanum heraus, was es mit dieser kuriosen Fee auf sich hat, lieber Herr Hofrat!
Grillparzer (diese Aufforderung scheinbar überhörend): Ich werde von Ihnen total missverstanden, meine Damen. Grundsätzlich halte ich fest: Diejenige, die mich verführt, ist in meinen Augen, so ästhetisch ihr Anblick auch ist und welche Zwecke sie damit verfolgt, ob gute oder schlechte, als verwerflich, verächtlich anzusehen und ihre Strafe ist daher, sosehr ich persönlich ihr Unglück beklage, - objektiv gesehen – eine gerechte. Was mich anbetrifft, so habe ich nie eine von mir provozierte Neigung betrogen. Nie habe ich mich einem weiblichen Wesen genähert, das sich an mich nicht vorher aus eigenem Antrieb d’rangeschmissen hätt. Nie hab ich den Schmerz anderer durch eigenes Wohlbefinden erkauft. Wenn ich andere gequält, dann mich wenigsten in gleichem Maß, wenn auch auf andere Art.
Kathie (sich immer mehr in Eifer redend): Irrtum, Grillparzer! Nicht ich bin Ihnen, sondern Sie sind mir nachgelaufen. Es ist wahr, dass Sie zunächst, in raffinierter Täuschung Ihrer Absicht, nicht mir, sondern meinen Schwestern schöne Augen machten. Das Objekt, das es zu erobern galt, war aber ich. Und als Sie mich einmal hatten, ließen Sie mich nicht mehr los. Ihre Eifersucht kennt keine Grenzen. Zwar haben Sie immer betont, Sie wagten nur deshalb nicht mit mir zu brechen um mein Leben zu schonen. Tatsächlich bewachten Sie mich aber wie ein Irrer; aus ganz eigensüchtigen Motiven. Ihre Briefe an mich, wenn Sie einmal nicht in Wien waren, bezeugen das: Nicht im Theater gewesen? Geschaut? Getanzt? Komödie gespielt? Ich werde alles erfahren. Haben Sie nicht in Ihr Tagebuch geschrieben, ich sei durch Liebe und Achtung lenksam bis zur Willenlosigkeit? Denken Sie an die Eifersuchtsszene in Achau, als Sie den Othello spielten, gerade in dem Augenblick, als der Gutsverwalter im Begriff stand um meine Hand anzuhalten! ...
Grillparzer: Ist es nicht etwas unfair, zwei gegen einen?
Ebner: Wie halten Sie’s denn mit den Vorschriften der Moral bei Ihrem exaltierten Liebesleben, Herr Hofrat?
Grillparzer: Gräfin, ich bin Künstler. Das Medium der Kunst gestattet mir, auch jene Seiten der menschlichen Natur zu genießen, die das Moralgesetz mit Recht aus dem normalen Leben verbannt.
Ebner: Hebbel vergleicht Sie, Fräulein Kathie, mit einer nur halb ausgetrunkenen Flasche Champagner, die von Herrn Hofrat Grillparzer - zum Dank - als ein köstliches Kleinod verehrt und respektiert würde.
Kathie: Infame Lüge! Hebbel ist nicht unbedingter Freund, eher Konkurrent Grillparzers. Sinniger Vergleich, aber falsch: Bin nie ausgetrunken worden; auch nicht halb. Nicht einmal entkorkt!
Grillparzer: Beruhigen Sie sich, liebe Kathie. Ich habe mich entschlossen, alles in Ordnung zu bringen.
Kathie: In Ordnung bringen? Wie denn? Erstens haben S’ mich ohnedies ad acta und sich eine andere zum in Ordnung bringen zugelegt und zweitens: Schaun S’ doch in den Spiegel, Grillparzer! Schafft so ein Krauterer wie Sie so was noch? Viel zu spät!
Ebner: Glauben Sie mir, Herr Hofrat, es ist nie zu spät. Vertrauen Sie der modernen Naturwissenschaft. Sie müssen Viagra nehmen, dann kommt alles wieder in beste Ordnung.
Grillparzer: Viagra? Noch nie davon gehört. Was ist das?
Ebner: Ein von Naturwissenschaftlern in England entwickeltes neues Medikament, das wahre Wunder vollbringen soll: Verwandelt Greise in Jünglinge.
Grillparzer: Jungbrunnen? Scharlatanerie!
Ebner: Glauben Sie’s mir! Mein Mann hat’s schon versucht. Verursacht wundervolle Steifigkeit; gefolgt von explosionsartigen Erschütterungen. Ist aber nicht billig.
Grillparzer: Ich bitt Sie Gräfin, verschaffen S’ mir das Medikament. Hab schon vielerlei auf dem Gebiet versucht, alles nichts geholfen. Kosten spielen keine Rolle: Bei mir ist jetzt der Wohlstand ausgebrochen.
Kathie: Wie das?
Grillparzer: Seine Majestät, der Kaiser, hat mir anlässlich meines achtzigsten Geburtstages mit Handschreiben einen außerordentlichen Jahresgehalt von Dreitausend Gulden aus seiner Privatschatulle zuerkannt. Außerdem erweck ich aus der versperrten Lade noch meine drei letzten Stücke, gewaltige Fünfakter, zum Leben. Hab mich überzeugen lassen, Gräfin. Entsorgungsaktion abgesagt. Mit dem Laube gesprochen. Wenn die zur Aufführung kommen, wird’s ein Bombenerfolg. Grillparzers Name, fast schon in Vergessenheit, wird wieder populär wie noch nie. Ein neues Stück will ich auch schreiben. Den Titel hab ich schon.
Ebner: Wie soll’s denn heißen?
Grillparzer: Grillparzer im Pornoladen.
Kathie: Pornoladen? Was ist denn das wieder?
Grillparzer: Auch wieder so was Modernes. Kommt alles von England und Amerika. Aber nichts für Damen. Voraussetzung ist allerdings, dass Du mich heiratest, Kathie. Hab vorhin in der Stefanskirche das Aufgebot bestellt. Für morgen. Unwiderruflich. Jetzt wird’s ernst! Außerdem noch mit dem Preyss gesprochen. Er meint, der Kaiser wird Dir bestimmt die Hofratspension gnadenweis bewilligen. Nach meinem Tod natürlich erst ... So hab ich’s einst niedergeschrieben, vor vielen Jahren und so sei’s noch heute: Man kann keine lebhafte Freundschaft ohne Sinnlichkeit fühlen und eine metaphysische Liebe sündigt vielleicht gröber als eine tierische aus Fleisch und Blut.
Kathie (fassungslos, nach einer Pause): Mit dem halt’st Du hinter’m Berg und frotzelst mich die ganze Zeit? Ich Deine Auserwählte? Lügner Du! Kann man Dir noch trauen?
Grillparzer: Hab nie gelogen. Immer nur von Dir gesprochen. Die andere ist Deine eigene Erfindung. Abbitte müsstest Du mir tun jetzt
Kathie: Abbitte Dir? Doch kein Lügner, Casanova, Heiratsschwindler - am End vielleicht nur Traumichnicht? Hab’s nicht glauben können ... Und was da vorg’spielt von Person, die Du uns in die Wohnung setzt; alles nur Theater? ... Ich soll die sein wegen der Du Dein Klavier vertscheppern, Bücher in den Keller räumen willst? Die Mühe kannst Dir sparen!
Grillparzer: Aber geheiratet wird. Nicht mit einer anderen; sondern Du und ich.
Kathie (ihm den Rücken zukehrend und in Tränen ausbrechend): Nein, das geht jetzt wirklich nicht mehr, Franz, dazu bin ich zu alt geworden. Fast ein halbes Jahrhundert lang hab ich auf dieses Wort von Dir gewartet; aber jetzt? Du hast doch nicht etwa diese teuflische Medizin – wie heißt sie ... Viagra? – verkostet? Hat Dir die Gräfin vorhin was in den Kaffee getan? Was würden die Leut dazu sagen? Wir leben ja nicht im Urwald! Die würden dazu sagen: Mehr als ein Menschenalter lang hat sie sich aufgeopfert und auf ihn gewartet und jetzt, auf ihre alten Tag, wo der Teufel Macht über ihn gewonnen hat mit seiner Medizin, jetzt endlich lasst sie sich auch noch zur Hofratsköchin degradieren. Nein, das ist einfach zu viel. Kinder hab ich kriegen wollen. Das ist ja doch der Sinn jeder Ehe! So eine Gemeinheit! (Sie bricht erneut in lautes Schluchzen aus.) Und entkorken will ich mich auch nicht mehr lassen von Deinem eingefleischten Teufel!
Grillparzer: Und die Hofratspension? Wirst doch nicht so dumm sein und darauf verzichten! Lang leb ich nimmer.
Kathie: Was ich für dich getan hab! Lasst sich das denn bezahlen? Mit Geld nie!
Grillparzer: Wie sonst? Geld willst Du nicht und Sex auch nicht ... Aber den Heiligenschein. Ich kann dazu nur sagen, dass aus Dir der Spiritualismus des Christentums spricht, der unsere Zeit vergiftet. Körper und Geist sind für ihn verschiedene Wesenheiten. Ersterer wird als sündhaft verteufelt, womit der Grundstein zu all den melancholischen Grübeleien und konventionellen Tabus gelegt ist, die unsere Gesellschaft unterjochen; heute mehr als je zuvor. Das Grässlichste daran ist, dass dieser Humbug dazu dient, ein rein theoretisches Bedürfnis, die Rehabilitation des Menschengeschlechts mittels Heiligenschein, zu befriedigen. Wodurch soll dieser gewonnen werden? Durch Austilgung aller bösen Anlagen natürlich, welche die Erbsünde in unser ödes Dasein, unsere Gedanken, Worte und Werke, gebracht hat. Dass der Kern des Christentums aber kein theoretischer, sondern ein praktischer ist, die tätige Liebe am Nächsten nämlich, das wird dabei leider total übersehen. Wann wird mit dieser verlogenen Ideologie endlich Schluss gemacht? Ich sehe nur eine Chance: Ein neues Zeitalter. Es lebe das Sexzeitalter!
Kathie: Komm her! Einen Kuss kriegst Du revolutionärer Spinner. Wie lang ist’s her, dass wir uns nicht mehr geküsst haben?
Grillparzer: Weiß ich’s? Weiß ich’s? Furchtbar ist der Zeiten Macht!
(Sie küssen sich.)
Ebner (während sich die beiden fortdauernd küssen, gedankenverloren): Wie lang soll’s wirken; eine Nacht?

Der Vorhang fällt langsam.