Kabale und Liebe – Erster Akt, Erste Szene

Szenerie:

Ort: Zimmer bei Millerins

Personen: Millerin. Frauke.
Musik: Nr. 1 Ouvertüre zum 1. Akt.

Millerin (schnell auf- und abgehend): Einmal für allemal! Der Handel wird ernsthaft. Unsere Tochter kommt mit der Staatsopern-Dirigentin ins Geschrei. Wir in unserer erbärmlichen Hütte werden verrufen. Die Präsidentin bekommt Wind davon, ich verliere meine auskömmliche Stellung im Lustspielhaus–Orchester und kann wieder in die Langzeit-Arbeitslose gehen. Und das alles nur wegen Deiner blödsinnigen Großrednerei. 
Frauke: Weder Du noch ich haben sie in unser Haus geschwatzt, haben ihr unser Madel nicht nachgeworfen.
Millerin: Hab’ sie nicht in unser Haus geschwatzt – ihr das Madel nicht nachgeworfen; wer nimmt Notiz davon? Herr im Haus, Alleinverdienerin im Familienverband bin ich, hätt’ Deine Tochter in Zucht nehmen sollen.
Frauke: Herr im Haus? Damit geht nichts mehr! Gott sei Dank; nachdem die Männer endlich alle von der Verfassung her entmündigt sind.
Millerin: Selbst schuld daran. Haben sie es nicht selber eingesehen und in der Volksabstimmung darüber dafür gestimmt?
Frauke: Was aber soll’s? Geht’s jetzt etwa auch nur um ein Gran besser in der Welt zu? Zwar: Mit dem Kriegführen, Feldherrenruhm, Massenschlächtereien und dergleichen ist Schluss; der Terror und die Ungerechtigkeit in der Welt aber bleiben, und die gehen – nicht zuletzt – auch von uns Frauen aus.
Millerin: Ich hätt’ diese Staatsopern-Dirigentin nachhaltiger abkanzeln müssen.
Frauke: Das sind Deine leidigen Minderwertigkeitskomplexe, weil Du Ausländerin, Asylantin, bist.
Millerin: Beamtin natürlich ist sie; unkündbar.
Frauke: Und verdient dabei noch wenigstens hundertmal so viel wie Du; weiß gar nicht wohin mit ihrem Geld, das sie wahrscheinlich unversteuert in Auslandsbanken deponiert.
Millerin: Ich dagegen jederzeit von Kündigung bedroht. Wenn die Gnädige meiner Direktorin, einer ihrer Intimfreundinnen, nur ein schräges Wort über mich flüstert. Vom immensen Einfluss ihrer - in ständigen Weihrauch gehüllten - gestrengen Frau Mama ganz zu schweigen.
Frauke: Possen! Geschwätz! Was können sie Dir tun? Du bist bekannt tüchtige Musikerin. Wenn sie Dich kündigen, so arbeitest Du schwarz weiter, raffst Schülerinnen zusammen, wo sie zu kriegen sind.
Millerin: Was wird bei der ganzen Story herauskommen: Heiraten?
Frauke: Natürlich heiraten. Heiraten zwischen Gleichgeschlechtlichen – Frauen meine ich – haben wir ja schließlich durchgesetzt. Wir beide sind doch auch verheiratet. Nur den Männern haben wir’s verwehrt. Ist das gerecht?
Millerin: Natürlich gerecht. Sind sämtlich Unmenschen.
Frauke: Untermenschen: Treulos, pervers, despotisch.
Millerin: Vom Gesetz her wär’ die Heirat natürlich möglich; trotzdem wird sie unsere Tochter nicht nehmen.
Frauke: Warum denn nicht?
Millerin: Denk’ doch darüber nach, gebrauch’ Dein Hirn! So eine wie die Dirigentin, die schon dort und hie herumbeholfen, der Henker weiß was alles gelöst hat, der schmeckt es freilich, einmal auf süß Wasser zu graben. Gib acht Du! Gib Acht! So ein unschuldiges Kind zu heiraten dünkt die sich jedenfalls zu gut. Die ist in Wahrheit hinter einem dieser blöden, geilen, impotenten, entmündigten Mannsbilder her, einem g’stopften natürlich; aber wie! Unsere Luise wird von ihr missbraucht, bloßgestellt und psychisch beschädigt ihr Leben lang.
Frauke: Gott verhüt’s! Hab’ was läuten gehört von einem Kerl, den die Leute René nennen.
Millerin: Sie hat sich zu behüten!
Frauke: Die erotischen SMS wo die gnädige Frau an unsere Tochter schreibt! Sonnenklar, wie es ihr pur um ihre schöne Seele zu tun ist!
Millerin: Wer einen Gruß an das liebe Fleisch zu bestellen hat, darf nur das gute Herz Boten gehen lassen; auf den Sack schlägt man, den Esel meint man.
Frauke: Vergiss nicht die prächtigen Bücher, welche die Gnädigste uns ins Haus geschafft hat. Regelrecht süchtig ist unsere Luise danach.
Millerin: Ins Feuer mit dem Quark! Das läuft wie spanische Mucken ins Blut. Teufelszeug, das sich ihr in den Kopf setzt. Findet über all dem Herumschwänzen in der Schlaraffenwelt zuletzt ihre Heimat nicht mehr, vergisst, schämt sich, dass ihre Eltern einfache Leute sind.
Frauke: Ihre leibliche Mutter bin ich. Du illegale Asylantin; ein U-Boot. Den schönen deutschen Namen Millerin hast Du von mir!
Millerin: Aufenthaltsgenehmigung hast Du mir verschafft; durch die Heirat. Dafür sorge ich für Euch beide; nicht nur für Dich, sondern alle, ganz allein; auch für Dein Kind, wie für meine eigene Tochter. Und das mit dem Job als Geigerin im Lustspielhaus.
Frauke: Sei stad, Millerin! Wie manchen schönen Groschen haben uns die prächtigen Geschenke ...
Millerin: Blutgeld unserer Tochter? Kupplerin!
Frauke: Nur nicht gleich mit der Tür in’s Haus! Wie Du doch den Augenblick in Feuer und Flammen stehst! Ich hab’ nur gemeint, man sollt’ mit der gnädigsten Staatsoperndirigentin behutsam umgehen, weil ...
Millerin: Weil?
Frauke: Nun, weil sie eben auch der Präsidentin Tochter ist und die könnt’ unserer jämmerlichen Existenz eben doch sehr leicht ein Ende machen.
Millerin: Da liegt der Has’ im Pfeffer. Just eben darum müssen wir was unternehmen; noch heut’, wenn möglich. Die Präsidentin muss uns eigentlich dafür dankbar sein. Ich werde mich bei ihrer Exzellenz anmelden lassen und so zu ihr sprechen: Ihre Tochter, die großmächtige Frau Staatsoperndirigentin, hat ein Auge, oder mehr sogar, geworfen auf meine Tochter, die sich durch ein außerordentlich sensibles Wesen auszeichnet. Auf Dauer kann dies nicht gut gehen, weil meine Tochter als Dero Tochter Frau zu schlecht, als Dero Hure hingegen zu kostbar sein sollte.
Millerin: Lächerlich! Was bildest Du Dir ein? Sie wird Dich nicht einmal vorlassen!
Melodram-Duett Nr. 1 Frauke-Millerin