Orpheus – Zweite Szene

Szenerie:

Ort: Berlin, Brechts Dichtfabrik

Zeit: Herbst 1930
Personen: Bertold Brecht, Marieluise Fleißer

Brecht: Weißt Du denn nicht, dass ich verheiratet bin?
Fleißer: Natürlich weiß ich das, Du Tiefseefisch. Zum zweiten Mal.
Brecht: Bist wohl gar deshalb plötzlich weg und zu dem Draws.
Fleißer: Nicht nur, sondern auch. Der Theaterskandal nach Deinen Pionieren.
Brecht: Meinen? Deinen! Du bist die Autorin! Du bist die Verräterin, die nicht für ihre Taten einstehen will. Typisch Frau. Charakter hat nur ein Mann. Ich hab’ das Stück dramaturgisch bearbeitet und meine Regieeinfälle hineingebracht. Weil mir das Beispiel der Dresdner Aufführung gezeigt hat, dass die Handlung zu trivial ist. Eine raffinierte Regie kann aus einem schwachen Stück einen Bombenerfolg machen. Und ob das ein Erfolg war! Die ganze deutsche Presse war wie wild. Sogar der Kerr, mein größter Gegner war voll des Lobs für Dich, die Autorin. Mein Name ist ja nirgends gestanden. Von meiner Regie hat niemand was gewusst. Endlich einmal eine Frau die sich was traut. Die Einfälle hat. Konsequenzen zieht. Einmalige Persönlichkeit. Mehr als vierzig Mal sind die Pioniere gespielt worden. Über Nacht warst Du berühmt.
Fleißer: Berüchtigt, nicht berühmt. Gymnasiasten machen Witze über weibliche Anatomie. Liebesszene zwischen Grabsteinen. Defloration in der wackelnden Gerätekiste. Sexistisches Erfolgsrezept. Wenn so was ein Mann tut zählt er zur Avantgarde. Eine Frau wird gesteinigt.
Brecht: Ja, das ist meine Fleißerin. So ist sie nun einmal. Die Lisbeth und die Heli hätten das geschluckt. Ohne Widerspruch. Und hätten sich gefreut.
Fleißer: Die hast Du entpersönlicht. Für die gibt’s nur mehr ein Argument. Den perfekten oder zumindest versuchten Selbstmord. Ohnmächtigste oder wirksamste der traditionellen Waffen einer Frau.
Brecht: Bei der Heli nicht. Die ist dafür zu praktisch. Sie hat einen harmonischen Charakter. Hält nichts von Avantgardismus und Geschlechterkampf. Weiß was sie will und was ich brauche. Beherrscht die traditionelle Frauen-Rolle. Ist mütterlich und verlässlich. Nimmt nichts zu schwer. Weiß zu organisieren. Ist hochkarätige Schauspielerin und widmet sich ganz meinem Werk.
Fleißer: Du hast sie geheiratet, hast sie Lisbeth, Carola und mir armen Möchtegern-Stückeschreiberin, die schwach in den Knien wurde, die es nur so hinlegte wenn sie an Dich dachte, vorgezogen.
Brecht: Ich habe sie geheiratet, weil es aus wirtschaftlichen Erwä¬gungen unvermeidlich war. Der Boss einer Dichtfabrik kann nicht an alles selber denken. Er muss mit verteilten Rollen arbeiten
Fleißer: Das verstehe ich. Aber muss er da gleich eine dieser Rollen so bevorzugen, dass er sie heiratet? Lisbeth hat sich fast das Leben genommen.
Brecht: Das war ein schwerer Fehler. Der selbstsüchtige Wunsch geliebt zu werden hat mit echter Liebe wenig zu tun. Selbstliebe kann selbstmörderisch sein. Außerdem eine Art Dienstverweigerung.
Fleißer: Sie war verzweifelt. Konnte nicht mehr anders. Was hat sie nicht alles für Dich getan. Selbst Schriftstellerin. Tag und Nacht zu Deiner Verfügung gestanden. Acht Stücke, von Mann ist Mann über Dreigroschenoper, Mahagonny, bis Rundköpfe hast Du nur ihrer aufopfernden, unentgeltlichen Mitarbeit zu verdanken. Niemand weiß wie viel Einfälle in Wahrheit von ihr stammen.
Brecht: Kein Grund, sich umzubringen. Umlernen müssen meine Mitarbeiter; von unpersönlicherem Standpunkt ausgehen; weiter denken. Schöpfungsakt bei mir ist kollektiver Schöpfungsprozess. Magie des Namens Brecht ist einzige Erfolgsgarantie. Niemand in meiner Gruppe ist berechtigt, individuelle Erfinder-Orginalität für sich zu okkupieren.
Fleißer: Und wie beurteilst Du die Frage des geistigen Eigentums?
Brecht: In dieser Causa bin ich eher lax. Angelegenheit von Schrebergärtchen und dergleichen.
Fleißer: Kerr bezeichnet Dreigroschenoper als Plagiat.
Brecht: Das ist purer Neid.
Fleißer: Kollektive Textfabrikation! Ist das überhaupt noch Dichtung?
Brecht: Natürlich Dichtung. Gebot der Stunde ist es, mit anderen guten Köpfen sich zusammenzutun.
Fleißer: Wer sind die guten Köpfe? In erster Linie Frauen. Magnetwirkung, die von Dir ausgeht, missbrauchst Du, um Frauen zu entindividualisieren! Deine Masche: Endloses Herumreiten auf Gedanken vor Miniaturpublikum stets anwesender Elevinnen. Formulierungen, immer aufgeblähter. Hirn gleich einem tintenfischartigen Saugrohr. Ständig Material zufächelnde Fangarme in Gestalt von – Sklavinnenarbeit verrichtenden – dienstbaren Geistern. Sklavinnen, die in Materialnachschub für den Saugrüssel erlahmen, werden in die Wüste geschickt. Das ist die Methode Deiner Dichtfabrik!
Brecht: Mich speziell also nimmst Du ins Visier? Mich, der Dich das Dichten gelehrt? Was wäre aus Dir geworden, wenn ich Dich nicht aus dem Sumpf der sehnsüchtig infantilen Weiblichkeit herausgezogen, an meine großmütige Brust genommen, Dich bekannt, berühmt...
Fleißer: Berüchtigt!
Brecht: Nun ja, wohl gar berüchtigt gemacht hätte?
Fleißer: Was wäre wohl aus mir geworden? Wohlbestallte Gymnasialprofessorin, jedenfalls; vielleicht sogar avantgardistische Schriftstellerin.
Brecht: Ich der Böse. Hab’ Dich um die Existenz gebracht aber anderes noch an Dir verbrochen: Keimling der Theatersprache eingepflanzt; unausrottbaren, gefährlichen Bazillus wenn er einmal Fuß gefasst. Packt Dich immer wieder an.
Fleißer: Schweig, red’ nicht weiter! Nichts Sensibleres hättest Du bei mir berühren können.
Brecht: Überleg Dir die Zusammenarbeit mit mir. Mein Angebot bleibt aufrecht. Sonderstellung genießt Du als Autorin. Wie Du Dich mit Deinem jetzigen Partner arrangierst musst Du selbst wissen. Ich habe ihn Dir nicht aufgeschwatzt. Mein Gesinnungsfreund ist er nicht; das dürfte Dir wohl klar sein.
Fleißer: Draws kann ich jetzt nicht einfach fallen lassen. Rechtsextrem ist er, aber Individualist. Vielleicht schafft er noch den Durchbruch. Bedenken auch wegen Deiner Frauen. Werden sie mich als selbständige Autorin akzeptieren?
Brecht: Wie Du meinst, Fleißerin. Fünf Jahre sind wir uns sehr nahe gestanden und ich habe Dich als Mensch und Schriftstellerin schätzen gelernt. Du willst es also weiter als Einzelkämpferin versuchen. Draws wird Dir keine große Hilfe sein. In Dein Unglück zu rennen kann ich Dich nicht hindern. Bevor alle Stricke reißen, wende Dich an mich. Wenn ich kann, werde ich Dir helfen. Wir gehen in Deutschland schweren Zeiten entgegen. Die braune Flut nimmt immer mehr überhand. Wir müssen auf das Schlimmste gefasst sein.

(Verdunkelungspause)