Szenerie:
Ort: Skovsbostrand bei Svendborg, Dänemark
Zeit: Anfang des Jahres 1938
Personen: Bertold Brecht (40 Jahre alt), Heli (Helene) Weigel (37Jahre alt), Ruth Berlau (31 Jahre alt)
Die Bühne ist durch eine Wand mit Türe zweigeteilt. In einem Raum sitzen sich Weigel und Berlau, mit einer Schachpartie beschäftigt, gegenüber. Brecht tritt im anderen Raum auf.
Brecht (für sich): Muss einmal nachsehen, was die beiden so klammheimlich mit einander treiben. (Er guckt durch das Schlüsselloch der Türe in der Trennwand.) Schachspielen statt arbeiten. Grete würde das nie tun; Einzige, auf die ich mich verlassen kann. (Ab.)
Berlau (nachdem sie einen Zug gesetzt hat): Ich habe es endlich durchgesetzt, dass Die sieben Todsünden der Kleinbürger nun doch übernommen werden. Ins Programm des königlichen Theaters in Kopenhagen. Bert wird sich freuen.
Weigel (nach einem Zug): Mir egal. Mich kotzt das Leben hier schon so an. Lang mach’ ich’s nicht mehr. Ihr könnt mich alle ...
Berlau (nach einem Zug): Schach! Sieh dich vor ... Jedenfalls geht es Dir doch viel besser als der armen Grete, die Robert gerade noch in letzter Minute auf die Schwerkranken-Station im Öresund-Krankenhaus eingewiesen hat, wo sie sich vorkommt wie im Todesbataillon. Ich möchte jedenfalls nicht in ihrer Haut stecken ... Was fehlt denn Dir? Als Berts Ehefrau bist Du finanziell abgesichert. Darfst sogar nach Zürich und Wien fahren, Bankkonten überprüfen, Tantiemen eintreiben, Zusatzoptiken für die Leica beschaffen, Briefe schreiben und weiterleiten. Dass die Last der häuslichen und familiären Pflichten Dir manchmal zum Hals heraushängt kann ich verstehen. Aber was willst Du? Nach landläufigen dänischen Maßstäben seid Ihr wohlhabend; mehrere Euerer dänischen Nachbarn stehen auf Euerer Lohnliste. Rasmussen macht Toilettendienste, Andersens betreuen den Haushalt. Für Exilanten, die Ihr seid, doch eigentlich nicht schlecht. Was fehlt Dir also?
Weigel (mit finsterem Blick auf Berlau): Er ist mir nicht treu!
Berlau: Dass er in der Beziehung dem Begriff Ehe nun einmal eine andere Gewichtung beimisst als nach proletarischen oder sogar bourgeoisen Maßstäben üblich, steht auf einem anderen Tapet. Das war Dir aber von Anfang an bewusst, liebe Heli. Jedenfalls bist Du noch erheblich besser dran als die arme Grete, die mir einmal anvertraute, wie hoffnungslos verzehrend sie ihn liebe.
Weigel: Sie ist die Erste nicht.
Berlau: Und nicht die Einzige. Unheilbar lungenkrank, geschwängert von ihm; Abtreibung legal nur in der Sowjetunion möglich. Male Dir das Elend aus, Heli. Eine Zigeunerin prophezeite ihr, sie werde das dreiunddreißigste Jahr nicht überleben.
Weigel (emphatisch): Nur eines ist heilig; sanktioniert jedes Opfer. Stärker als Band zwischen Individuen; auch zwischen Mutter und Sohn, Mann und Frau. Größte Hoffnung auf Errettung: Dritte Sache benannt. Das Allerheiligste.
Berlau: Wenn sie Benjamin, die Korrespondenz mit ihm, und die – nicht enden wollende - Arbeit nicht hätte, die Bert ihr auferlegt, wäre sie nicht mehr am Leben.
Weigel: Tod für sie Erlösung. Aber es wäre schad. Sie diejenige, die unserer Sache am besten nützt.
Berlau: Bert ist Lebenselixier für sie, die abgelegte Geliebte. Sehnsucht nach ihm das Einzige, was sie noch am Leben hält.
Weigel: Furcht und Elend des Dritten Reiches ohne sie nicht denkbar. Unschätzbare Dienste leistet sie als Informantin, Zulieferantin von Material für unsere Werkstatt. Autodidaktin zwar, jedoch begabt, von einem glänzenden Geschmack in verfeinertsten literarischen Fragen. Bert erkennt ihr Verdienst um unserer Sache willen an, in gleichem Maß, doch umgekehrt, wie er mich missachtet, misshandelt mit unmenschlicher Grausamkeit; Dich, Ruth, als seinen Abgott in die Höhe hebt, weil in seinen Augen Du die Einzige im Moment, die ihn fördert, beflügelt mit den Schwingen von Anmut, Jugend, Kreativität.
Berlau: Eifersüchtig bis zum Exzess ist er.
(Brecht erscheint wieder und guckt durch das Schlüsselloch.)
Berlau: Einmal habe ich ihn doch tatsächlich überrascht, als er, im langen Nachthemd, durch’s Schlüsselloch guckte. Es war die schierste Eifersucht. Er glaubte, mich mit einem anderen Liebhaber ertappen zu können. Seine ständige Eifersucht geht mir nachgerade auf die Nerven. Ichsucht könnte man es nennen; Furcht, verlassen zu werden. Dazu noch chronische Ängstlichkeit. Aus diesem Grund ließ er mich allein als Reporterin nach Spanien fahren in den Bürgerkrieg. Dabei bestand ernstliche Gefahr, dass sein Freund Kolzow, der Lebensgefährte Maria Ostens, mich dort seinem Harem einverleibte. Furcht überwog seine Eifersucht. Bloß ein Gedicht hat er mir geschickt, betitelt: Der, den ich liebe/ hat mir gesagt/ Dass er mich braucht. Das sollte ich mir Tag für Tag aufsagen. Penetrant, doch rührend seine Hilflosigkeit, mit der er zeigt, wie sehr er auf Bedienung angewiesen ist. Traut sich nicht, allein zum Zahnarzt zu gehen; unfähig, für sich selbst etwas zu kochen, einen Ofen zu heizen oder ein Dichtwerk allein fertig zu stellen.
(Brecht ab.)
Weigel (einen Zug setzend): Du scheinst ihn sehr gut zu kennen; besser wohl gar als ich, seine Ehefrau.
Berlau: Gib acht, Du begibst Dich in Gefahr. (Einen Zug setzend): Schach!
Weigel: Wie schaffst Du es nur, mich so in die Enge zu treiben?
Berlau: Wir leben in einer harten Zeit. Glaube an Besitz ist oftmals trügerisch; dann nämlich, wenn man ihn zu behaupten nicht fähig ist. Nimm Lisbeth als Beispiel. Hat sie sich nicht abgemüht, Jahre hindurch, das Rennen um Bert zu gewinnen, wie so viele andere auch, den ersten Preis zu erringen? War nicht sie allein es, der er seinen größten Triumph, die Dreigroschenoper zu verdanken hat, von unzähligen anderen Werken nicht zu reden? Was ist aus ihr geworden? Resignieren hat sie müssen vor Deiner taktischen Überlegenheit. Als Kommunistin unerwünscht im Dritten Reich, exiliert so wie Ihr alle, aber nicht mit Euch Zielpunkt Skandinavien, sondern Amerika, dorthin, wo wir allesamt mit Sicherheit noch landen werden. Immerhin hat sie, als seine letzte Getreue in Berlin, es vorher noch geschafft, Berts alte Wohnung auszuräumen, unersetzliches Manuskriptmaterial sicherzustellen. Förmlich unter den Augen der Nazis. Bert hat sich vor zwei Jahren in New York wieder von ihr betreuen lassen, so wie er jetzt von mir betreut werden möchte, zum Teil sogar auch wird. Aber ich bin vorsichtig; möchte nicht im Hades landen so wie Lisbeth oder Marieluise, die jetzt in Ingolstadt sitzt in unglücklicher Ehe mit einem Ekel von Mann ... Ständig liegt Bert mir in den Ohren, mich von Robert scheiden zu lassen; spottet, ich stütze mich auf meine Ehe wie auf eine Krücke. Eigentlich verachtet er ja uns Frauen tief. Ich werde mich trotzdem scheiden lassen, denn ich liebe Bert paradoxerweise, trotz – oder gerade wegen - seiner Hilflosigkeit, die mich ebenso aufregt wie sein Genie. Bert, der Mensch, hinter der Fassade von Größe ist es, den ich liebe, für den ich die gleiche tödliche Sehnsucht empfinde wie sie Grete und so manche andere empfunden haben mögen.
Weigel: Von mir sprichst Du nicht? Bin ich für Dich nicht existent?
Berlau: Setze Deinen nächsten Zug, dann wollen wir weiterreden.
(Weigel zieht.)
Berlau (ihrerseits ziehend): Schachmatt! Du hast verloren, Heli. Du musst Dich scheiden lassen, damit Bert und ich, die für einander von einer höheren Macht Bestimmten, uns im Ehebund vereinen können.
Weigel: Oh du Teufel, Schlange, Ungeheuer! Niemals wirst Du es erreichen solang ich lebe.
Berlau: Bestie!
Weigel: Miststück! (Sie ergreift Berlau bei den Haaren und stürzt balgend mit ihr zu Boden.)
Brecht (in das Zimmer stürzend und bemüht, die beiden zu trennen): Seid Ihr irrsinnig? Was ist in Euch gefahren? Soeben noch friedlich beim Schach und dann auf einmal wie zwei Furien! Muss ich Euch Benehmen beibringen?
Berlau: Woher weißt du es? Hast wieder Schlüsselloch geguckt, Perversling!
Brecht: Hört zu, ich will Euch Mores lehren: Kritik an mir, wie vorhin, verbiete ich Euch. Was ich spreche oder tue steht außerhalb Eueres Begriffsvermögens. Lehrer der Moral bin ich, Konfuzius vergleichbar. So geschrieben im Me-ti- Buch der Wendungen. Mein Name ist Kin-jeh.
Berlau: Ich Lai-tu, nicht weniger weise als Du.
Brecht (geheimnisvoll): Ich will Euch etwas erzählen: Konfuzianischer Charakter bin ich, großer Weiser, aus seiner Heimat vertrieben von denen, die meine Weisheit nicht verstehen. Abgebildet habe ich mich selbst in den Geschichten von Herrn Keuner. Als man diesen fragt was er tut wenn er einen Menschen liebt, antwortet er: Ich mache einen Entwurf von ihm und sorge, dass er ihm sehr ähnlich wird.
Weigel: Wer? Der Entwurf? Es handelt sich doch wohl um Ruth, in die Du vergafft bist.
Brecht: Nein, nicht der Entwurf; es ist der Mensch. Dieser hat sich dem Entwurf anzupassen. Keuner, das bin ich, hat von allen nur möglichen Tugenden bloß die eine, dass er das Wissen in sich trägt. Moral ist selbst definierte Bedingung im geschlossenen System, gleich einer totalitären Ideologie. Ich bin Euer Führer. Ihr Soldaten der Revolution, die unbeirrt für die Dritte Sache zu kämpfen da sind. Ein Gedicht möge Euere verstockten Gemüter imaginieren:
Wie immer wir auch sprechen
Über das Leben: Es ist ein Salat.
Wir wollen es unterbrechen:
Jetzt nämlich spricht der Soldat.
Ich gebe Euch einen Rat
Lasst Euch nicht mit mir ein!
Ich bin ein Soldat
Da lasst Ihr es also lieber sein.
Weigel: Das Gedicht trägt sehr deutlich Gretes Handschrift, nicht Deine, Plagiator!
Brecht: Schluss mit dem Zank. Jetzt rede ich! Geht wieder an Euere Arbeit. Was ist das oberste Gebot des Kommunismus? Dass wir Entrechtete uns vereinigen, nicht der bürgerlichen Krankheit Eifersucht nachgeben, damit wir mit gesammelter Kraft die Feinde der Arbeiterklasse, die Kapitalisten, bekämpfen.
Berlau: Oberkapitalist! Obereifersüchtling! Vorkämpfer für Arbeiterklasse? Ha, ha, ha!
Brecht: Ich selbst bin als Sohn wohlhabender Leute aufgewachsen, erzogen in den Gewohnheiten des Bedientwerdens. Aber, so habe ich gedichtet, als ich erwachsen war und um mich sah/ Gefielen mir die Leute meiner Klasse nicht/ Nicht das Befehlen und nicht das Bedientwerden/ Und ich verließ meine Klasse und gesellte mich/ Zu den geringen Leuten/ Dich, höre ich da/ Haben sie verjagt mit/ Gutem Grund … An die Arbeit jetzt!
(Alle ab. Verdunkelungspause.)
