Picasso: Erste Szene

Szenerie:

Pablo Picasso (91-jährig). Jacqueline Picasso, seine Frau (46-jährig).

Ort: Auto auf der Fahrt von einem Arzt zu Picassos Villa Notre-Dame-de-Vie in Mougins, Südfrankreich. Die beiden Akteure besteigen ein Auto, starten es an und fahren damit weg.

Zeit. Silvester des Jahres 1972, Nachmittag.
Musik Nr.1: Ouvertüre: Feierlich-tragisch.

Jacqueline (am Steuer des Autos sitzend und chauffierend): Der Befund des Arztes? Lies vor!
Pablo: Verschleppte Grippe. Lunge angegriffen, Gehirn anscheinend noch intakt, Agilität für sein Alter – 91 Jahre – erstaunlich. Untersuchung durch Internisten – wenn möglich stationär – dringend empfohlen.
Jacqueline: Pablo! Du musst sofort in ein Spital!
Pablo: Spinnt dieses Arschloch? Ich denke nicht daran! Diese Ärzte sind alle Mörder, die mich umbringen wollen! Je älter man wird umso mehr muss man sich vor diesen Verbrechern in Acht nehmen!
Jacqueline: Pablo! Sei nicht wahnsinnig: Es geht ums Leben!
Pablo: Ja, um meines, nicht um deines!
Jacqueline: Eben deshalb: Ich will dich retten!
Pablo: Rette dich selbst! Rette mich, indem du mich aus den Klauen dieser Vampire befreist!
Jacqueline: Das sind keine Vampire, sondern Lebensretter!
Pablo: Kurpfuscher, die ihre Existenz darauf gründen, dass sie potente Leute, wie zum Beispiel mich – nach Strich und Faden – erst aussaugen, dann umbringen.
Jacqueline: Pablo! du bist im Irrtum! So geht das nicht!
Pablo: Ruhig Blut, Jacqueline. Fahr’ uns nicht in den Straßengraben. Du bist zu nervös.
Jacqueline: Ist das denn alles was in dem Befund steht?
Pablo (im Befund lesend): Nein, es steht noch mehr drin. Das ist ja wohl die größte Gemeinheit.
Jacqueline: Was?
Pablo: Die Prostata – laut PSA-Befund – involviert.
Jacqueline: Was heißt das?
Pablo: Dass das Gehirn dieses Menschen degeneriert ist.
Jacqueline: Deines?
Pablo: Nein, seines!
Jacqueline: Ehrlich? Pablo! Ich bitte dich! Was ist Prostata?
Pablo: Jacqueline! Ich bitte dich! Was ist Gebärmutter?
Jacqueline: Sei nicht unzüchtig, Pablo!
Pablo: Bin ich nicht. Nur: Man soll die Finger von meiner Prostata lassen. Noch bin ich zeugungsfähig!
Jacqueline: Hoffentlich! Ich jedenfalls bin noch gebärfreudig.
Pablo: Großartig.
Jacqueline: Also machen wir ein Kind.
Pablo: Ja, wenn es nur dieses Viagra schon gäbe.
Jacqueline: Viagra, was ist das?
Pablo: Nun ja, etwas, was altertümlichen Frauen ...
Jacqueline: Oder Männern vielmehr ...
Pablo: Das Kinderempfangen ...
Jacqueline: Oder Zeugen ...
Pablo: Passabel macht.
Jacqueline: Oder erst ermöglicht.
Pablo: Gut. Aber: Konkret gesprochen ...
Jacqueline: Was ist Viagra wirklich?
Pablo: Ein Potenz potenzierendes Phänomen von phänomenaler Effizienz, heißt es.
Jacqueline: Nur ist es eben offensichtlich noch nicht da, sonst hätte ich schon längst ein Kind von dir.
Pablo: Von mir?
Jacqueline: Von wem sonst? Wie du weißt, bevorzuge ich, seit wir verheiratet sind – oder schon vorher - nur dich als Sexpartner.
Jacqueline: Schön: Also bezirze einen gewissen Doktor Struhal in Wien, den Erfinder dieser Wunderdroge, endlich damit herauszurücken.
Jacqueline: Als Ersatz für die – denkbar unproduktive – Prostataamputation, die dein Arzt dir anempfiehlt.
Pablo: Damit bin ich durchaus einverstanden.
Jacqueline: Als Alternative für die ...
Pablo: Von mir verabscheute ...
Jacqueline: Operation ...
Pablo: Gibt es sonst ...
Jacqueline: Nach der Ärzte Meinung – oder deiner ... ...
Pablo: Lebenserwartung maximal drei Monate, dann Begräbnis.
Jacqueline: Wo?
Pablo: Wo glaubst du?
Jacqueline: Doch nicht auf einem Kommunalfriedhof, wo jeder gewöhnliche Proletarier sich zur letzten Ruhe bettet.
Pablo: Wo denkst du hin?
Jacqueline: Denkst du denn wirklich noch immer an Francoise, die dich durch ihren unverhofften Abtritt in hemmungslose Trinkgelage, wechselnde Affären, abenteuerliche Corridas gestürzt hat?
Pablo: Gib Acht! Fahr nicht in den Straßengraben! Noch bin ich nicht lebensmüd’!
Jacqueline: Pablo! Denkst du wirklich immer noch an sie oder an Dora, diese irrationale, trunksüchtige, hemmungslos transzendierende, wahnwitzige Möchtegern-Künstlerin?
Pablo: Nein! Zum Teufel! Denk’ an’s Fahrzeug, fahr nicht in Schlangenlinien! Ich möcht’ begraben werden ...
Jacqueline: Wo?
Pablo: Im Park meines Schlosses Vauvenargues unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Fahr’ vernünftig! Bist du besoffen?
(Sie fährt in den Graben und es gibt einen ohrenbetäubenden Crash. Das Auto überschlägt sich).
Jacqueline (Pablo aus dem Fahrzeug zerrend): Schnell, Pablo, schnell, der Wagen brennt bereits!
(Sie entfernen sich eilig, während das Auto kurz darauf in einer Explosion zerbirst).