Picasso: Zweite Szene – Teil 1

Szenerie:

Personen: Zuerst: Pablo. Jacqueline. Später: Die Erste. Die Zweite. Paolo. Claude. Maya. Paloma. Drei Musikanten.

Ort: Wohnzimmer in der Villa Notre-Dame-de-Vie in Mougins, Südfrankreich.

Zeit: Silvesterabend des Jahres 1972.
Musik: Entreakt.

Pablo (klein, gedrungen, anfangs in einem Lehnstuhl sitzend): Wie spät ists? 
Jacqueline (noch etwas kleiner als Pablo, mit dem Aufdecken von Geschirr beschäftigt auf und ab gehend): Eine Stunde vor Beginn des neuen Jahres.
Pablo: Was wird's uns bringen?
Jacqueline: Was Besseres, hoff ich, als heut.
Pablo: Hoff ich auch. Mir schlottern noch immer die Knie. – Ein Glück, dass wir noch am Leben sind.
Jacqueline: Dein verrücktes Gerede von dem potenten Kinderkriegemittel – wie heißts?
Pablo: Viagra.
Jacqueline: Hat mich ganz konfus gemacht.
Pablo: So? Aber kein Grund das Auto auf den Kopf zu stellen.
Jacqueline: Totalschaden; zahlt die Versicherung. Aber die Operation?
Pablo: Ich brauch keine Operation!
Jacqueline: Pablo! Du hast ohne Operation nicht mehr als drei Monate Lebenschance!
Pablo: Lächerlich! Mit noch weniger.
Jacqueline: Das ist Einbildung. Ich flehe dich an!
Pablo (aufstehend): Schluss jetzt. Ich geh arbeiten.
Jacqueline (ihn zurückhaltend): Jetzt nicht! Es ist schon bald Mitternacht! Wir müssen auf das neue Jahr anstoßen!
Pablo: Gut. Stoßen wir an.
Jacqueline: Zu früh jetzt.
Pablo: Besser als zu spät.
Jacqueline: Für die Operation bestimmt.
Pablo: Ich hab schon gesagt: Ich lasse mich nicht massakrieren von diesen verbrecherischen Ignoranten. (Im Begriff aufzustehen): Gute Nacht!
Jacqueline (ihn wieder zurückhaltend): Du wirst’s doch noch erwarten! Lass uns über was anderes reden!
Pablo: Bitte.
Jacqueline: Von Deinen Kindern, Enkeln lange nichts gesehen.
Pablo: Ich auch nicht.
Jacqueline: Francoise, Dora abgehackt, ad acta?
Pablo: Bis Viagra kommt. Erstere hat mich bekanntlich expediert.
Jacqueline: Wegen mangelndem Viagra?
Pablo: Blödsinn. Sex zu machen bin ich noch im Stande – ohne Applikation.
Jacqueline: Davon habe ich lange nichts gemerkt.
Pablo: Dann wirst Du’s vielleicht heut Nacht noch merken.
Jacqueline: Hoffentlich!
Pablo: Was Francoise betrifft, so ist das eine Tragödie.
Jacqueline: Tragödie? Komödie eher nach meinen Begriffen.
Pablo: Eines meiner letzten Modelle bevor du an die Reihe kamst. Aber auch Sexpartnerin.
Jacqueline: Zwei Kinder habt ihr gemeinsam produziert: Claude und Paloma.
Pablo: Drangeschmissen an mich unter Vortäuschung der Absicht, ihre Malkünste bei mir zu perfektionieren.
Jacqueline: Haben andere auch getan.
Pablo: Ihren malerischen Ambitionen Vorschub zu leisten mit rigorosen Methoden ...
Jacqueline: Bist du so weit gegangen ...
Pablo: Sie mir zur Brust zu nehmen. Selbstlos; nur um von Komplexen sie zu befreien; - zumal ihr Sexappeal sehr zu wünschen übrig lässt.
Jacqueline: Dora, ihre Vorgängerin, dafür in die Wüste geschickt.
Pablo: Das ist doch hoffentlich nicht dein Problem.
Jacqueline: Francoise mit deiner Eifersucht verfolgt als sie ...
Pablo: Meiner überdrüssig ...
Jacqueline: Einen anderen sich erwählte.
Pablo: Sie zurückerobern Ehrenpflicht.
Jacqueline: Sie zur zweifachen Mutter machen detto.
Pablo: Wofür sie mir – ohne Frage – Dank schuldet.
Jacqueline: Nichtsdestoweniger wollte diese Undankbare ...
Pablo: Sich nicht an mich ketten ...
Jacqueline: Weil du mittlerweile Genevieve zum Modell erkoren.
Pablo: Nicht nur sondern auch ...
Jacqueline: Etwa mich?
Pablo: Erinnere dich!
Jacqueline: Ich erinnere mich eueres Prozesses.
Pablo: Prozess? Weswegen?
Jacqueline: Das solltest du besser wissen als ich. Ihrer Memoiren wegen etwa?
Pablo: In denen sie mich verunglimpft, derangiert.
Jacqueline: Davon kann kaum die Rede sein. du hast ja den Prozess verloren!
Pablo: Das war Absicht, Mitleid. Ich kann es nicht ertragen, eine Frau verlieren zu sehen.
Jacqueline: Deine Großmütigkeit kennt keine Grenzen! Hast ihr sogar gratuliert zu ihrem Sieg.
Pablo: Contenance eines Gentleman!
Jacqueline: Wenn's nur dein einziger verlorener Prozess gewesen wär gegen eines deiner ehemaligen Modelle.
Pablo: Anspielung auf den mir von Marie-Therese angehängten?
Jacqueline: In dem du wenig Contenance gezeigt.
Pablo: Unverschämtheit! Es war eine ...
Jacqueline: Forderung auf ...
Pablo: Unterhaltszahlung; wenn ich mich recht besinne.
Jacqueline: Die du urplötzlich eingestellt. – Ohne Angabe von Gründen.
Pablo: Vergesslichkeit.
Jacqueline: Und verurteilt wurdest dieselbe weiterhin zu leisten.
Pablo: Lappalie! Welcher anständige Mensch prozessiert deswegen? Lohnt es sich, darüber noch zu diskutieren?
Jacqueline: Du hast Marie-Therese, deinem Lieblingsmodell, nicht wenige – unsignierte – Bilder zum Geschenk gemacht.
Pablo: Na und?
Jacqueline: So viel mir bekannt befindet sie sich in keiner beneidenswerten Situation. Du behandelst sie wie Luft und hast dich bisher geweigert, die Bilder, deren Verkauf ihr helfen könnte, zu signieren.
Pablo: Ich denke nicht daran!
Jacqueline: Willst du, dass sie sich umbringt?
Pablo: Meinen Ruf durch den Prozess geschädigt. Soll ich sie durch Geschenke dafür belohnen?
Jacqueline: Verschenkst horrende Beträge, viele deiner größten Werke, für humanitäre, politische Zwecke!
Pablo: Das sind zwei verschiedene paar Schuh: Repräsentationspflichten eines Künstlers meines Formats gegenüber der Öffentlichkeit - und die Frage der Unterstützung eines durch meine Großmut – einschließlich Kind - weit über Gebühr beschenkten ehemaligen Modells, das sich in einer Unzahl von Aktgemälden und Porträts von mir verewigt findet; dadurch zu Unsterblichkeit gelangte – unverdientermaßen.
Jacqueline: Du hast ihr Dora vorgezogen, wodurch sie psychische Verletzungen erlitt.
Pablo: Dienste, welche sie mir als Modell geleistet, habe ich in jeder nur denkbaren Weise gewürdigt. Dass mir ihr - wenig geistreicher - Umgang allmählich andere Modelle attraktiver hat erscheinen lassen wird jedem vernünftigen Menschen plausibel sein.
Jacqueline: Du missachtest ihre Opferwilligkeit. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr steht sie dir rund um die Uhr zur Verfügung, wenn du sie nur haben willst.
Pablo: Welcher Teufel reitet dich, sie so akribisch zu verteidigen? Sie hat mich verraten, durch Widersetzlichkeit geärgert. Selbst verunmöglicht, mit mir sich auszusöhnen. Wünsche auch nicht, ihrer nach meinem Tod, im Leichenzug, von oben her noch einmal ansichtig zu werden. Das gleiche gilt für alle anderen seinerzeitigen Modelle und ihren Anhang.
Jacqueline: Vielleicht auch für mich?
Pablo: Das ist Unsinn! Dich habe ich zu meiner Betreuerin erhoben, unser Verhältnis legalisiert. Im Park von Vauvenargues, auf dem Weg zu meiner letzten Ruhestätte, will ich nur von Prominenz begleitet werden. Allen anderen ist der Zutritt zu verwehren!
Jacqueline: Immense irdische Reichtümer hast du in deinem Leben angehäuft.
Pablo: Begonnen in Paris in einer Bretterbude, Bateau Lavoir genannt, wo ich zusammen mit Gemüsehändlern, Malern, Huren hauste .
Jacqueline: Deine ersten Modelle – von ihnen kenne ich nur Bilder.
Pablo: D’accord. Nicht zu unrecht nenne man mich Zauberkünstler. Meine Magie zaubert sie dir herbei.
Jacqueline: Modelle aus der Anfangszeit: Blauer, Rosaroter Periode, Kubismus?
Pablo: Sind schon lang nicht mehr am Leben. Egal: Ich lasse sie persönlich in Erscheinung treten.
(Er klopft mit seinem „Zauberstab“ dreimal auf den Boden.)