Szenerie:
Ort: Wohnzimmer in der Villa Notre-Dame-de-Vie in Mougins, Südfrankreich. Zeit: Silvesterabend des Jahres 1972.
Pablo. Jacqueline im Hintergrund.
Zwei nach Pariser Mode der Zeit um 1910/14 gekleidete junge Frauen treten auf, begleitet von leichter, tänzerischer Musik dieser Epoche.
Pablo: Begrüße sie, meine Damen. Wer seid ihr? Stellt euch bitte vor!
Die Erste: Studentin an der École des Beaux-Arts und Freundin vieler Maler bin ich; derzeit Modell und Geliebte des spanischen Malers Pablo Picasso. Er ist ein wilder, ungestümer Typ von kleiner Statur, gierig, unersättlich in seinem sexuellen Verlangen, aber leicht zu beherrschen von einer klugen Frau, wenn sie es nur versteht, sich ihm - scheinbar - unterzuordnen. Kennen gelernt habe ich ihn – ganz zufällig – an dem einzigen Wasserhahn in dem primitiven Bateau Lavoir am steilen Hang des Montmartre, wo er mit vielen unbemittelten Straßenverkäufern, Künstlern und frivolen Mädchen wohnt. Seitdem ist mir dieser merkwürdige Typ mit dem magischen Blick nicht mehr von der Falte gegangen. Nach einem Jahr erst bin ich, seinem ungestümen Drängen endlich folgend, in sein Atelier gezogen. Meinen wahren Namen sage ich nicht. Er glaubt, dass ich, wie von mir angegeben, Fernande Olivier heiße.
Szenerie:
Es erscheint ein an die Wand projiziertes Porträt Picassos von Fernande Olivier 1905/06. Hierzu eine sinnlich-gefällige Musik.

Die Zweite: Als Nachfolgerin der schönen Fernande, die er zu meinen Gunsten nach sieben Jahren verlassen hat, bin ich 1912 in Pablos Leben getreten. Er nennt mich Eva, obgleich das nicht mein wahrer Name ist, den ich ihm nicht sage, denn ich habe viele Namen. Drei Jahre, die uns bis zu meinem jähen – schrecklichen – Krebstod vergönnt sind, bin ich für ihn der Inbegriff der Seligkeit. Er ist in Wahrheit Wachs in meinen Händen, denn ich verstehe es, mit impulsiven Typen wie er ist, glänzend umzugehen. Viel besser als die unglückselige Fernande, der ich ihn weggenommen habe. Es war eine Tragödie für sie. Aber ich konnte einfach nicht anders. Denn er ist für mich, die sich so einsam und verlassen fühlte, die einzige Rettung. Und er liebt mich so innig. Ist mir verfallen. Für ihn bin ich Ma Jolie. Täglich neu verlobt er sich mit mir; nicht nur mit Worten, sondern auch mit Farbe. Dafür, dass er von meinen sexuellen Reizen total überwältigt ist sprechen auch die vielen genitalen Anspielungen auf mich in seinen Werken. Dass diese Hinweise vielleicht die am wenigsten gegenständlichen seines bisherigen OEvres sind ergibt sich aus seiner Hinwendung vom analytischen zum synthetischen Kubismus: Der Personifizierung seines neuen Stils, zu der ich Pate stehe. Meinem Einfluss verdankt er auch die Abstinenz gegenüber dem Pariser Bohemeleben - und den endgültigen Auszug aus dem Elendsquartier am Montmartre.
Szenerie:
An der Wand erscheint das projizierte – Eva in kubistischer Manier darstellende – Gemälde „sitzende Frau im Hemd in einem Sessel, Herbst 1913“. Hierzu eine – die erotischen Spannungen reproduzierende – Musik.

Pablo: D’ accord. Ich danke den beiden Damen für ihre Darbietungen.
(Die Erste und Die Zweite treten ab.)
Jacqueline: Das war ja sehr eindrucksvoll für mich. Von diesen Details deiner Vergangenheit habe ich bisher noch wenig gewusst. Wie ist es nun aber in deinem Leben weiter gegangen?
Pablo: Evas Tod war – fast zeitgleich - das Ende einer Epoche.
Jacqueline: Fin de Siècle.
Pablo: Die Freunde gingen in den Krieg um gegen die Deutschen zu kämpfen.
Jacqueline: Als Spanier bist du davon verschont geblieben.
Pablo: Engstirniger nationaler Chauvinismus ist nicht mein Fall. Wunderkind war ich ...
Jacqueline: Bist es noch heute.
Pablo: Stierkämpfer, Trocadero, Revolutionär, Anarchist. Theorien und Interpretationen sind mir verhasst. Verstandesmäßige Erklärungen absurd. Kunst ist nicht Wahrheit sondern Lüge. Die Kunst des Künstlers muss es sein, die anderen vom Wahrheitsgehalt seiner Lügen zu überzeugen. Kinderglaube an das Magische einziger Schlüssel zum Erfolg.
Jacqueline: Die Weiterentwicklung seiner Kunst ...
Pablo: Gibt es nicht für mich. Wesentlich ist nur der Einstieg. Hat man den einmal geschafft, so ist man schon am Ende. Meine Bilder bleiben immer, so sehr sie sich verändern mögen, das was sie von Anfang waren.
Jacqueline: Ausnahme Kubismus.
Pablo: Abwechslung, Diskontinuität, Umsturz ist Trumpf! Damit bin ich jung geblieben. Alle anderen, die sich weiterentwickelt haben, sind alt geworden. Es gibt keinen anderen Künstler, bei dem eine Serie von Bildern so wenig im Kollektiv ist mit vorher oder nachher gemalten. Das ist mein Wunderkind-Instinkt: Die Barriere gegenüber äußeren Einflüssen. Keine Schablone; nur bewusstes eigenes Planen! Vertrauen auf den Zufall, die ewige Präsenz, Omnipotenz, des Genies!
Jacqueline: Geheimnis deiner Vitalität.
Pablo: Ich habe mich nie mit Suchen aufgehalten; habe alles für die Gegenwart gemacht, ohne an Vergangenheit oder Zukunft zu denken. Bei mir gibt es nicht Entwicklung oder Fortschritt in der Malerei; nur Anpassung an Ideen die mich gerade beherrschen; Finden der Mittel diese auszudrücken. Ob in Papier, Leinwand, Pappe, Blech, Keramik oder was immer.
Jacqueline: Du hast mit Cocteau zusammengearbeitet für ein Ballett von Diaghilew. Die Uraufführung war, wenn ich nicht irre, 1917 in Paris.
Pablo: Richtig. Kostüme, Bühnenbild, Bühnenvorhang für dieses Ballett sind von mir. Beginn meiner klassizistischen Phase. Vom Kubismus abgewendet - bald nach Evas Tod.
Jacqueline: Dafür hast du dir Olga, die russische Balletteuse, zum Modell erkoren. Berühmt als Filia Hospitalis.
Pablo: Der keine ist equalis.
Jacqueline: Lasse sie doch kommen!
Pablo: Sie und ihre Nachfolgerin in meiner Gunst mögen denn –– so wie die ersten beiden - persönlich in Erscheinung treten. (Er klopft dreimal mit dem Zauberstab.)
