Szenerie:
Zwei nach dem Zeitgeschmack der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts gekleidete junge Damen treten auf, begleitet von zeitgemäßer Musik.
Die Erste (dunkelhaarig): Olga Koklowa bin ich, dem Schurken Pablo Picasso angetraut, einem widerlich perfiden proletarisch-revolutionären, anarchistischen spanisch-französischen Erzfilou. Im März oder April 1917 will es das Schicksal, dass ich dir, du Niederträchtiger, erstmals begegne. Es ist in Rom. Mitglied bin ich des von Ballettmeister Serge Diaghilew geleiteten – weltberühmten - Ballette Russe. du, Elender, nahst dich mir im Gefolge Jean Cocteaus, eines windigen Schreiberlings. Wir proben für ein von Diaghilew komponiertes Ballet, das Parade heißt. Als ich deiner Person und deines Anhangs ansichtig werde wittere ich sofort Gefahr, denn ich stamme aus vornehmer russisch-zaristischer Familie. Mein Vater ist General. Mein Abscheu ist berechtigt, wie sich alsbald zeigt: Als professioneller Frauenverführer stürzt du dich eilends mit allen nur denkbaren Vorspiegelungen auf mich. Legst es fühlbar darauf an, mir das edelstes Gut, die mädchenhafte Unschuld – mit primitivsten Mitteln – zu rauben. Unbeschadet all deiner ins Gefecht gebrachten Magie scheitert deine Lüsternheit aber an meiner eisernen, unbezwinglich-geheiligten Tugend. Da greifst du Bandit zum scheußlichsten, aber wirksamsten Mittel deiner Zauberei: Dem Eheversprechen. Das Unheil ist nun nicht mehr aufzuhalten: Schon die Trauung in der russisch-orthodoxen Kirche von Paris am 12. Juli 1917 steht unter dem Zeichen eines gotteslästerlichen Frevels: Die Zeugen sind - neben Diaghilew – zwei – atheistische – Franzosen: Cocteau und Appollinaire. Es ist für mich ein Horror. Sofort nachher die – von mir befürchtete - Vergewaltigung: Du Scheusal bemächtigst dich ohne Zeitverschwendung - in brutalster Manier - meiner geflissentlich gehüteten Jungfräulichkeit. Ein Schock, den ich mein Leben lang nicht verwinde. Kurz darauf schon die nächste – schreckliche – Ernüchterung: Nun erst begreife ich, dass du, der Mann, den ich – leichtfertig - geheiratet habe, faktisch nicht Maler, sondern Pornograph bist; die Zahl deiner Modelle respektive Geliebten immens, jene deiner abartig erotischen Bildwerke Legion ist. Ausstellungen veranstaltest du nur zu dem ordinären Zweck, dir Frauen aufzureißen um mit ihnen intim verkehren zu können. Als ich dir deshalb eine Pistole unter die Nase halte, sprichst du gottesleugnerischer Bösewicht bereits von Scheidung, obwohl wir mittlerweile einen Sohn bekommen haben. Mit einer Fünfzehnjährigen, die du auf kriminelle Tour verführst, unterhältst du ein jahrelanges eheähnliches Verhältnis bis sie dir eine Tochter zur Welt bringt. Dann wirst du ihrer überdrüssig und nimmst dir eine andere. Die Litanei deiner Missetaten aufzuzählen fehlen mir die Worte. Keine nur denkbare Demütigung gibt es mit der du mich nicht unaufhörlich malträtierst. Die Ehe, für mich eine von Gott eingesetzte, geweihte und geheiligte Institution, wird von dir nicht nur gröblichst missachtet, sondern du verlangst auch ihre Auflösung. Bemühst Gerichte und Behörden um dich von mir scheiden zu lassen. Zuletzt werden wir – à conto deiner blindwütigen Verbissenheit – gesetzlich von Tisch und Bett getrennt, aber nie geschieden, weil das nach spanischem Recht – Gott sei Dank - nicht möglich ist. Hoffst verzweifelt auf meinen Tod um dich mit irgend einem – fünfzig Jahre jüngeren - Schandweib verehelichen zu können, das hinter deinem Riesenvermögen her ist. Ich prophezeie, dass es ihr kein Glück bringen wird!
Szenerie:
An der Wand erscheint das projizierte Gemälde: „Olga mit aufgestütztem Ellenbogen 1917“. Dazu eine dramatische Musik. Die Erste ab.

Jacqueline (zu Pablo): Hat diese andere dich bewogen, Marie-Therese fallen zu lassen?
Pablo: So jung und hübsch sie war: Ihre Passivität ist mir auf die Nerven gegangen. Gespräche mit ihr haben mich bald nur angeödet.
Jacqueline: Da war Dora doch ein anderer Typ?
Pablo: Als Modell war Marie-Therese sicher erstklassig; sowohl für Akte wie Porträts. Sie strahlte die träge Ruhe einer Schlafenden aus. Deshalb habe ich sie auch gemalt - so oft wie keine andere.
Szenerie:
Das Gemälde „Weiblicher Akt in einem roten Sessel, 1932“, erscheint an der Wand. Dazu eine einschmeichelnd-erotisierende Musik.

Jacqueline (das Bild betrachtend): Ja, das ist sie. Unverkennbar. Die Gesichtszüge, der rundliche Köper. Ein phantastisches Werk!
Die Zweite (blondhaarig, sportlich gekleidet): Schämst du dich nicht, so über mich zu reden? Als ob ich tot wäre? Nein, noch lebe ich! Aber umbringen werde ich mich, das ist gewiss; denn das was du mir angetan hast kann ich nicht vergessen und damit kann ich auch nicht leben! Nie, auch nicht in meinen schrecklichsten Albträumen hätte ich geglaubt, dass es einen Unmenschen gibt gleich dir! Was habe ich dir getan? Vor einem Kaufhaus in Paris sprichst du mich, die erst Fünfzehnjährige, plötzlich an. Dich, den berühmten Maler, für den ich schwärme, erkenne ich sofort, begleite dich in dein Atelier, lasse mich – hypnotisiert von deiner Zauberei - verführen, in deine sadomasochistischen Sexualpraktiken einweihen, in einer Pension, nahe Deinem Wohnsitz unterbringen; ich, dein willenloses Opfer; deiner zügellosen Magie widerstandslos ausgeliefert. Ich diene dir mit Leib und Seele, Tag und Nacht in Tausenden von Variationen; bin dein ideales Modell mit dem du machen kannst was du willst, weil ich nie widerspreche. Jahrelang spielt sich das alles im Geheimen ab, weil ich minderjährig bin. Wenn es aufkäme, würdest du bestraft. Dann endlich bekennst du dich in der Öffentlichkeit zu mir und ich glaube fest, dass du mich nun zu deiner Frau machen wirst. Denn du bist ja allmächtig und könntest es sicher durchsetzen bei den Behörden; spätestens nach deiner – schon seit langem betriebenen – Trennung von Olga. Bin ja rettender Engel in deiner traurigen Gemütsverfassung, in der du dich befindest weil Olga dich ununterbrochen mit ihrem Hass verfolgt. Habe ich dich nicht zu deinen schönsten Werken, Gemälden und Skulpturen, inspiriert? Sie alle sind von mir geprägt, strahlen Positives aus, Optimismus und Gelassenheit.
Szenerie:
Die Erste tritt auf: Intellektueller Typ, elegant, etwas extravagant gekleidet, mit langen, dunklen Haaren und langen, bunt bemalten Fingernägeln. Sie trägt die linke Hand in einer blutdurchtränkten Binde. Hierzu eine sinnlich dramatische Musik.
Die Zweite (zu Pablo): Zum abgeklärten, ewig friedfertigen Menschen würde ich dich machen, ließest du dich nicht immer wieder (auf Die Erste weisend) in die Fänge dieser Hetäre zaubern. Diesem Miststück haben wir, du und ich, unser ganzes Unglück zu verdanken! (Der Ersten die Binde herunter reißend und auf ihre – zum Vorschein kommende – blutverschmierte Hand weisend, zu Pablo): Sieh dir das an! Mit solchen raffinierten Praktiken verwirrt sie dir die Sinne: Sie setzt sich an einen Tisch, legt die Hand auf die Platte und sticht mit einem scharfen Messer zwischen ihre Finger um sich zu verletzen; damit Blut fließt. Symbol für ihr Menstrualblut nach dem du gierst; in perverser Primitivität. Denn du lechzt ja so irr danach, dass sie dir ein Kind gebäre, wie ich Dir Maya geboren habe. (Die Erste bei den Haaren ergreifend und ihren Kopf hin und her schüttelnd): Ich habe ein Kind von ihm, nicht du! (Zu Pablo): Lass die Finger von der Schlampe; jag sie zum Teufel! (Zur Ersten): Oder lass auch du dir ein Kind machen von ihm, Idiotin! Damit du, wenn es da ist, - gleich mir - nur mehr Dreck für ihn bist, auf den Müll kommst! Oder dünkt die feine, intellektuelle Hure sich etwa dafür zu gut?
Szenerie:
An der Wand erscheint neben dem Gemälde „Weiblicher Akt in einem roten Sessel, 1932“ die Projektion von „Bildnis Dora Maar, 1937“, hierzu eine sinnlich aufwühlende Musik.


Die Zweite (sich unbekleidet darbietend, indem sie sich die Kleider vom Körper reißt, zu Pablo): Sieh mich an, wie ich bin. Vergleiche mich, das Modell, mit dem Aktgemälde hier oben und (auf Die Erste weisend) mit ihrer abgrundtiefen Hässlichkeit! Was hat sie dir zu bieten, das sich auch nur im Entferntesten mit mir vergleichen lässt? Ebenmaß, Esprit? Nein, nur gekünstelte, perfide, als Intellektualität getarnte Hinterhältigkeit! Könntest du doch nur das Wesen der sexuellen Bindung begreifen, die zwischen dir und mir besteht! (Sich produzierend): Dieser Götterleib steht rund um die Uhr zu deiner Verfügung! Greif zu!
Pablo: Genug! Das liegt jetzt mehrere Jahrzehnte zurück.
(Die Zweite tritt ab, das Aktgemälde verschwindet.)
Pablo: In Guernica habe ich beide - Marie-Therese und Dora – verewigt.
Jacqueline: Du hättest klare Verhältnisse schaffen müssen. Dieses Schwanken eines Mannes zwischen zwei Frauen ...
Pablo: Ist fatal. Wie bei Edmund ...
Jacqueline: In König Lear.
Pablo: Welche nehm ich denn? Sie beide, eine ...
Jacqueline: Oder keine?
Pablo: Ich habe mich für Ersteres entschieden ...
Jacqueline: Unschlüssig, unfähig einer den Abschied zu geben.
Pablo: Das kann ich gar nicht. Frauen sind für mich höhere Wesen.
Jacqueline: Soll heißen: In höherem Sinn verächtlich.
Pablo: Wenn sie sich so aufführen wie diese beiden damals, gewiss.
Jacqueline: Übst, wenn dir danach zumute ist, raffiniert ...
Pablo: Die Taktik der Vernachlässigung ...
Jacqueline: Des versteckten Liebesentzugs.
Pablo: Der plötzlich sich verwandeln kann ...
Jacqueline: In hell lodernde Leidenschaft.
Pablo: Wann?
Jacqueline: Wenn eine droht, dich zu verlassen; von selbst zu gehen. Das kannst du nicht verkraften; ich weiß. Es ist Missachtung der Autorität des Sultans; das Entsetzlichste was dir passieren kann!
Pablo: Ein Sakrileg! Nur eine hat es bisher gewagt das zu tun.
Jacqueline: Francoise.
Pablo: Welche verhängnisvollen Motive könnten sie bloß zu dieser – meine Psyche noch heute belastenden – Grausamkeit bewogen haben?
Jacqueline: Frage sie doch selbst, Magier du! Lass Francoise in Erscheinung treten!
Pablo: Es sei; obwohl es mir nicht leicht fällt. (Mit dem Stock auf den Boden klopfend): Françoise möge kommen!
