Szenerie:
Personen: Jacqeline Picasso, Witwe Pablos. Paolo, sein Sohn.
Später: Zwei Raubmörder.
Zeit: 8. April 1975.
Ort: Grab von Pablo Picasso im Park des Schlosses Vauvenargues.
An der Wand erscheint die Projektion eines Bildes, das einen Park mit monumentalem Grab im Vordergrund und ein Schloss im Hintergrund zeigt. Hierzu eine tragisch- düstere Musik. Jacqueline und Paolo treffen unverhofft an Pablos Grab zusammen, das im Bühnenbild als solches durch eine Grabinschrift kenntlich gemacht ist.


Jacqueline: Seh’ ich recht? Paolo, du hier?
Paolo: Ja, ich.
Jacqueline: Was führt dich her so überraschend?
Paolo: Kannst es dir nicht denken? (Auf das Grab deutend): Heute der zweite Jahrestag seines Todes und du seine Mörderin.
Jacqueline (erschreckt zurückweichend): Ich?
Paolo: Wir alle, Kinder, Enkel, vom Leichenbegängnis ausgeschlossen!
Jacqueline: Von ihm so angeordnet.
Paolo: Wann?
Jacqueline: Kurz bevor er gestorben – an deiner Teufelsdroge.
Paolo: Lüge! Lungenentzündung war die Todesursache.
Jacqueline: Zeitungsente! In Wahrheit gestorben an ...
Paolo: Überdosis von Viagra? Daran stirbt man nicht!
Jacqueline: Wer weiß? Heimtückische Auslösung libidinöser Überreaktion.
Paolo: Kreislaufzusammenbruch?
Jacqueline: Du hast es darauf angelegt!
Paolo: Angelegt? Dass ich nicht lache! Was könnte mich dazu bewegen?
Jacqueline: Rachsucht! Weil ich Haupterbin seines gigantischen Vermögens.
Paolo: Der fünfzigtausend Werke, die er hinterließ?
Jacqueline: Die meisten dem Staat als Erbschaftssteuer zugefallen, für Museen bestimmt.
Paolo: Dennoch Mörderin! Du hast meinen Sohn auf dem Gewissen – und mich dazu!
Jacqueline: Dein Sohn? Selbstmord! Nicht ich hab’ ihn umgebracht!
Paolo: Weil ausgeschlossen vom Begräbnis. Du allein trägst die Verantwortung!
Jacqueline: Dein Vater hat es befohlen: Kein Verwandter, auch nicht die Ex-Modelle, dürfen ihn auf seinem letzten Weg begleiten.
Paolo: Marie-Therese, einstiges Lieblingsmodell, in Tausenden seiner Werke verewigt, hat sich erhängt. Ich habe Gift genommen; bin gekommen, hier an seinem Grab zu sterben.
Jacqueline: Bist du nicht klar im Kopf? Welcher Grund treibt dich zu solchem wahnwitzigen Tun?
Paolo: Erbschleicherin! Lügnerin! Du hast alles eingefädelt! Ihm den Liebestod verordnet damit der Platz endlich frei wird für dich und deine Sippschaft. (Ein Messer ziehend): Aber freue dich nicht zu früh. Bevor ich abkratze an der von mir inhalierten Teufelsdroge, sollst du mir büßen für deine Schurkereien!
Jacqueline (eine Pistole zückend und ihn damit bedrohend): Nimm dich in acht! So kommst du mir nicht bei!
Paolo: Du bist bewaffnet? Um so besser. Erschieß mich. Du kürzt mein Leiden damit ab und gibst dich zu erkennen als das was du in Wahrheit bist: Eine Mörderin! (Sich vor ihr mit ausgebreiteten Armen hinstellend): Drück’ ab!
Jacqueline: Törichter Mensch! Nicht dich sondern mich zu töten bin ich, bewaffnet, hergekommen.
Paolo: Du willst dich töten, an seinem Grab? Du, die größte Nutznießerin seines unermesslichen Reichtums?
Jacqueline: Sei nicht kindisch Paolo. Was bietet mir der Reichtum? Die beiden Jahre ohne ihn waren für mich die Hölle!
Paolo: In dieser Hinsicht kann ich dich sogar verstehen.
Jacqueline: Ohne seine körperliche Gegenwart ist mir das Dasein unerträglich.
Paolo: Der Würgegriff seines Genies ...
Jacqueline: Ich die Einzige, die bis zum Ende an ihm festhielt, ihn nie enttäuscht, sich allen seinen Launen unterwarf. Leben mit Picasso wurde mir zu zweiter Natur, Lebenselixier.
Paolo: Unterschwellige Beherrscherin, Inspirationsquelle für ihn gleichermaßen.
Jacqueline: Vom verführerischen Reiz der ihm anhaftenden - endlos fortwirkenden –geheimnisvollen Zauberkräfte überwältigt. Es ist wie schleichendes, bittersüßes Gift, das sich meiner bemächtigt, mit jedem Tag an Stärke gewinnt.
Paolo: Die Auseinandersetzung mit jener Sphäre, die Pablo schrankenlos umgleißt ...
Jacqueline: Lässt mir das Leben nichtig, schal erscheinen.
Paolo: Leben ohne Triebfeder seiner schöpferischen Gegenwart ...
Jacqueline: Grausamer von Tag zu Tag.
Paolo: Gleich mir, dem vom Leben bitter Enttäuschten, Verkommenen, Rauschgift-Besessenen.
Jacqueline: Weile mit meinen Gedanken ...
Paolo: Ohne Unterlass bei ihm.
Jacqueline: Diesen Tag herbeigesehnt, ihn zu zelebrieren als neuen Hochzeitstag.
Paolo: Arznei, die mich erlösen soll, geschluckt, ein nutzloses, grässliches Leben zu enden.
Jacqueline: So lass uns denn gemeinsam hier an seinem Grab, hoffnungsfreudig die Wiedervereinigung mit ihm erahnend ...
Paolo: Jenen letzten, entscheidenden Schritt tun, der uns ihm ...
(Zwei finster blickende, schlecht gekleidete Männer treten auf und zücken Pistolen.)
Paolo (laut schreiend): Hilfe, Mörder!
(Die Männer strecken Jacqueline und Paolo mit mehreren Schüssen nieder, rauben sie aus und verschwinden wieder.)
Ein Trauermarsch
Vorhang
