Szenerie:
Ort: Wohnung von Laurent Pétin in Paris, Rue Barbet-de-Jouy 11
Einstimm-Musik: 2. Satz aus Beethovens Klaviersonate Opus 111
Zeit: Samstag, 29. Mai 1982, kurz vor Tagesanbruch
Personen: Romy sitzt Brief schreibend am Schreibtisch
Romy (hält plötzlich inne): Ich kann nicht mehr. Der Druck auf mein Herz wird immer stärker. Sollte meine Uhr jetzt abgelaufen sein? ... Soll ich Laurent wecken, damit er einen Arzt holt, jetzt, um 4 Uhr früh?
(Sie greift sich an die Brust, erhebt sich schwankend und ist im Begriff, das Zimmer zu verlassen, lässt sich schließlich aber wieder in den Sessel fallen, lehnt sich zurück und blickt ins Leere. Dann holt sie aus der Tasche ihres Blousons einen Zettel und liest vor.)
Romy: Steck Deine Kindheit in die Tasche und renne davon, denn das ist alles, was Du hast.
(Pause.)
Romy: Das hat mir Pappi gegeben. Aber: Kann ich das überhaupt, meiner Vergangenheit davonlaufen, in kindlicher Unschuld? Werde ich nicht immer wieder von ihr eingeholt? ... Alice Schwarzer fragt - nicht ohne Zynismus: Was ist nun eigentlich Deine Wahrheit, Romy?... Ich glaube, es ist Rückbesinnung auf Kindheit, Jugend. Konfrontation mit dem Späteren. Abschütteln scheinheiliger Wertvorstellungen. Schonungslos offen! Frei von Selbsttäuschung und Selbstbetrug!
Szenerie:
Romys Persönlichkeit spaltet sich. Während die körperliche zurückgelehnt im Sessel sitzt, bewegt sich die visionäre, ebenso wie wechselnde Erscheinungen ihres Vergangenheitserlebens, – diffus beleuchtet – pantomimisch im Raum umher. Die Situationsdarstellungen werden von filmischen Illustrationen begleitet.
Romy: Unser Nahverhältnis zum Nationalsozialismus. Mammi, Ende der Zwanzigerjahre, als Soubrette in München, von Adolf Hitler glühend verehrt. Phänomenale Film-Karriere im Dritten Reich, die meine eigene Karriere mitbegründet ... Haus in Mariengrund bei Berchtesgaden, nahe bei Hitlers Berghof. Kindergeburtstags-Feiern im Jagdhaus Bormanns, Hitlers Sekretär, einem der mächtigsten Männer im Dritten Reich ... Augustina, meine Klassenlehrerin im Internat. Hände wie Madonna von Riemenschneider ... Spiele zum ersten Mal Theater. Mephisto im Faust. Augustina macht Regisseur ... Telefon läutet. Mammi holt mich in ihr Büro nach München ... Nach Berlin! Nach Berlin! Probeaufnahmen. Mein erster Flug ... Zum ersten Mal geschminkt. Gefühl als ob Gesicht in Zellophanpapier eingepackt ... Es hat geklappt! Geschafft! Ich filme! Toll, einfach toll! Mein erster Film: "Wenn der weiße Flieder wieder blüht." Willy Fritsch spielt berühmten Schlagersänger und ich seine Tochter ... Bin erst fünfzehn und mache Premierentournee in München. Ungeheuerer Trubel. Flug nach Berlin zum Massenstart; gleichzeitig in zig Kinos. Im riesigen Mercedes-Palast: Willy Fritsch, Paul Klinger, Mammi und ich.
Szenerie:
Einblendung eines Ausschnitts aus dem Film mit dem Lied: Wenn der weiße Flieder wieder blüht.
Romy: Filmschauspielerin. Hässlicher Beruf. Richtig gehen lassen, miterleben, wenn gut gemacht. Trotzdem Abstand haben, klaren Kopf behalten. Richtig küssen oder nur so tun als ob. Abschminken, nach Hause fahren, Schweinshaxe essen und nicht mehr daran denken. Kann das einfach nicht! ... Bin stark vorbelastet: Mammi vom Schreibmaschinenfräulein über Soubrette in München zum Ufa-Star durchgeboxt. Pappis Großeltern noch mit Wanderbühne durch das Land gezogen. Seine Mammi schon mit 17 Triumphe auf der Bühne. Mit Joseph Kainz am Wiener Burgtheater Jüdin von Toledo.
(Pause.)
Romy: Küsse mich mit Claus. Finde ihn schrecklich nett. Sitze neben ihm, spüre mein Herz bis in den Hals hinauf schlagen. Hoffmann schreit unzufrieden: Los! Küsst euch nochmal! Wir küssen, küssen, küssen und küssen bis einer schreit: Alles im Kasten. Es hat phantastisch geklappt ... Was kommt wohl im Leben nach dem Küssen? Petting, heißt es. Dann Verlobung, Eheschließung, Kinder ... Mädchenjahre, erste richtige Hauptrolle. Geträumt, als richtige Prinzessin zur Welt zu kommen. Jetzt gleich Königin! ... Erster Filmball. Diese Atmosphäre! ... Vierter Film: Deutschmeister. Wohnen im Sacher. Jetzt schon sechzehn. Viele fragen sich: Was soll man halten von ihr? Eingebildete Gans, eines Tages wie eine Seifenblase zerplatzt? Ein alter Hase vom Film guckt mich an als wollte er sagen: Gut schaust aus, Romylein, aber mehr auch nicht. Alles was Du bist machen die Regisseure aus Dir. Wenn die Dich fallen lassen, bist Du erledigt ... Spiele mich selbst, lerne dabei; ob Königin Victoria oder Mädel vom Land. Jedes Mal Variationen im Text, aber immer ich selbst ... Verschmelze mit darzustellender Person. Verleibe jeder Rolle Teil meiner Persönlichkeit ein, ohne Kenntnis der Techniken des Näherns an eine Figur; Lehrstoff der Schauspielschulen. Suche Gefühle für filmischen Ausdruck in Unterbewusstsein, selbst Erlebt-Erlittenem; tiefe Übereinstimmung zwischen mir und darzustellender Person. Bin nicht Schauspielerin sondern Mensch. Kein falscher Ton, keine überflüssige Bewegung. Andere spielen, ich bin da. Sie sind - sicher vorzügliche – Darsteller. Ich bin Romy! Mein Talent; man kann’s Genie nennen ... In Zeitung "Der neue Film" - zusammen mit Karlheinz Böhm - zum beliebtesten Nachwuchs-Star ernannt .... Seltsames Gefühl: Leute auf der Straße stoßen sich an und sagen: Ist das nicht Romy Schneider?... Heute verrückt vor Glück! Morgen schon wieder entschlossen, ganzes Leben umzukrempeln. Von Depressionen aufgefressen.
(Pause.)
Romy: Bin erst zwanzig und schon Weltstar. Drei Sissi-Folgen haben Produzenten zehn Millionen Mark eingebracht. Exportartikel Nummer eins der deutschen Filmwirtschaft. Avancen von Hollywood. Von Daddy Blatzheim wie Gefangene gehalten. Kein Schritt allein; ständig kontrolliert. Innere Rebellion, aber dankbar und froh, so aufregendes Leben zu führen. Daddy zweitgrößter Gastronomie-Unternehmer der Bundesrepublik. Liebt Publicity; suhlt sich im Licht der Öffentlichkeit. Residieren im Bellevue-Hotel, Köln. Schneider-Clan mit Hofstaat. Neureich. Palais am Luganer See, Rolls-Royce mit Chauffeur, Rennboot, Zubehör ... Daddy ist Despot. Besitzgier grenzenlos. Erstreckt sich auch auf mich. Tanze auf Berliner Filmball mit Horst Buchholz. Daddy brüllt: Entscheide Dich - ich oder er! Versucht mit mir zu schlafen. Nicht nur einmal! Tabuisiertes Thema ... Reisen nach Italien, Indien, Amerika. Dreharbeiten. Ruhm, von kritischer Presse angekratzt: Süßlich sentimentaler Sissi-Kitsch. Trifft mich tief. Sissi hängt auch mir schon nach erster Folge zum Hals heraus. Wie dem anspruchsvolleren Publikum, das meine Ausstrahlung, mein Talent ignoriert. Favorisiert neuen Realismus aus Italien und England, sozialkritische Psychodramen aus Amerika. Heile-Welt-Filme wie Sissi verachtet. Elizabeth Taylor, Marlon Brando und James Dean bewundert ... Alles, nur nicht braves Mädchen! Möchte niemals für so etwas gehalten werden. Aufmüpfige Vorbilder: Brigitte Bardot, Juliette Gréco ... Francoise Sagan mit Bonjour tristesse emanzipierte weibliche Kultfigur. Heirat Marilyn Monroes mit Arthur Miller dreht Spieß um: Nicht mehr Degradierung zum Lustobjekt, sondern Eroberung der Lust in geistiger Dimension! Will mir nicht länger Stempel der Daddy-These von pseudo-unschuldig Verführerischer aufdrücken lassen. In Wahrheit materiell und sexuell ausgebeutet. Hasse kriminelle Verlogenheit deutscher Wirtschaftswunder-Gesellschaft. Dort ist nicht Täter sondern Opfer Verbrecherin! ... Durch Daddys Management zum Klischee. Bei Sissi zwei erstmals Widerstand. Ertrotze mir Robinson soll nicht sterben. Mit Horst Buchholz, dem deutschen James Dean. Spiele armes zerlumptes junges Mädchen mit kleinen Zöpfen.
(Pause.)
Romy: Dreharbeiten zu Monpti mit Horst und Helmut in Paris ... Ungarn-Aufstand gegen sowjetische Besatzung soeben erst brutal niedergeschlagen. Viele Ungarn flüchten in den Westen. Horst spielt Ungarn in Paris, ich armes Mädchen, das ihm vorlügt, reiche Eltern zu haben. Tragischer Ausgang!
(Hintergrundmusik: Caterina Valente mit “Ganz Paris träumt von der Liebe”.)
Romy: Mädchen in Uniform. Endlich ernstzunehmende Schauspielerin. Persönlicher Durchbruch. Schreie, weine, tue alles wie es sein muss, mit voller Stimme, interessiere mich für niemanden mehr. Für niemanden! Allein auf der Welt. Frei!
