Romy – Vierte Szene

Szenerie

Ort: Wohnung von Laurent Pétin in Paris, Rue Barbet-de-Jouy 11

Wohnzimmer. Zahlreiche, zum Teil leere, Flaschen, Medikamentenpackungen und Aschenbe­cher stehen bzw. liegen herum. Die tote Romy ist auf eine Couch gebettet.
Einstimm-Musik: 2. Satz aus Beethovens Klaviersonate Opus 111.

Zeit: Samstag, 29. Mai 1982 , etwa 9 Uhr
Personen: Laurent Petin. Doktor Emile Deponge.

Deponge: Ich habe sie eine Stunde lang sehr sorgfältig untersucht. Es sind keinerlei Spuren äußerer Gewaltanwendung feststellbar. Wäre ein Suizid möglich?
Laurent: Ich halte das für ausgeschlossen.
Deponge: Um wie viel Uhr haben Sie zuletzt mit ihr gesprochen?
Laurent: Ich habe sie gegen vier Uhr in diesem Zimmer zurückgelassen und bin zu Bett gegangen. Sie wollte noch einen Brief schreiben und dann auch schlafen gehen. Ich erwachte um sieben Uhr und als ich sie nicht neben mir fand stand ich auf um nachzusehen. Ich fand sie in der auch von Ihnen bemerkten Stellung: Im Sessel sitzend, mit weit aufgerissenen Augen, den Blick in die Ferne gerichtet, einen erstaunten Ausdruck im Gesicht, als hätte sie eine überraschende Erscheinung gehabt. In der rechten Hand hielt sie diesen Zettel auf dem die Worte geschrieben sind: Steck Deine Kindheit in die Tasche und renne davon, denn das ist alles, was Du hast.
Deponge: Der Tod muss um etwa 5 Uhr eingetreten sein. Worüber haben Sie zuletzt mit ihr gesprochen?
Laurent: Persönliches und Geschäftliches.
Deponge: Kein Hinweis auf etwaige Suizidabsicht?
Laurent: Absolut nicht.
Deponge: Hat sie jemals - andeutungsweise - einen diesbezüglichen Vorsatz erkennen lassen?
Laurent: Nein. Sie hatte aber häufig depressive Gemütszustände. Und sie wusste, dass der übermäßige Drogenkonsum ihrer Gesundheit schadet. Ich habe sie wiederholt darauf hingewiesen. ... Sie war nicht nur Opfer der anderen sondern auch Opfer ihrer selbst. Sie lebte nach der selbstmörderischen Devise: Lieber kürzer aber intensiver als genormter und länger. ... Die Heimsuchung durch traumatische Schuldkomplexe wurde ihr, deren Streben einer höheren, immateriellen Sphäre zugewendet war, zum Schicksal. Man könnte vielleicht sagen: Sie hat sich selbst sterben lassen.
Deponge: Ich gebe die Verblichene zur Bestattung frei. Sie ist eines natürlichen Todes aufgrund eines Herzversagens gestorben.
Laurent: Ich danke Ihnen. Ich muss Sie gleichzeitig bitten, mit einer Weitergabe der Todesnachricht noch zu warten bis Delon eingetroffen ist. Ich habe ihn sofort verständigt und gebeten, sich auf schnellstem Weg hierher zu begeben. Er vermag als Einziger den zu erwartenden Ansturm der Journaille abzuwehren. Ehrfurcht und Liebe zu der teuren Verblichenen verbieten es, ihre sterbliche Hülle den schonungslosen Augen und Linsen der Reporter bloßzustellen.

Vorhang