Der Sandmann – Fünfte Szene

Szenerie

Personen: Spalanzani. Coppelius.

Spalanzani: Der teuflische Bube! Mein bestes Automat hat er mir geraubt, an dem ich zwanzig Jahre lang gearbeitet, Leib und Leben, meine letzte Schöpferkraft d’ran gesetzt. Das Räderwerk – Sprache – Gang. Alles meine Erfindung, mein unvermischtes geistiges Eigentum, Frucht enormer Arbeit! 
Coppelius: Das ist alles nebensächlich. Das einzig Wichtige sind ihre Augen; und die stammen von mir. Ich habe sie ihr eingesetzt und ihm das Perspektiv angedreht mit dem er sie betrachten muss um ihn, das klassische Beispiel eines Untermenschen, in den Wahnsinn und – in letzter Konsequenz – in den Selbstmord zu treiben.
Spalanzani: Wahnsinn oder nicht; er hat sie geschändet und entführt!
Coppelius: Wohin?
Spalanzani: Wenn ich das nur wüsste! Verantwortlich bin ich nun einmal für sie. Vater und Mutter zugleich.
Coppelius: Mutter vielleicht. Vater bin ich.
Spalanzani: Wäre es nicht besser wenn wir aufhören würden uns über diese leidige Eigentumsfrage zu streiten und statt dessen gemeinsam alles d’ransetzten herauszufinden wo sie steckt?
Coppelius: Du hast ihre Entführung noch niemandem gemeldet?
Spalanzani: Selbstverständlich längst schon alle nur möglichen Polizeistellen alarmiert; aber auch einen Privatdetektiv. Lothar, Claras Bruder.
Coppelius: Ich kenne ihn von Kind auf. Sie wohnten beide in Nathanaels Elternhaus. Bin sogar entfernt verwandt mit ihnen.
Spalanzani: Dunkle Andeutungen eines Ungenannten ließen mich vermuten, er könnte Olimpia in einem bestimmten Teich ertränkt haben den ich trocken legte.
Coppelius: Hast du sie gefunden?
Spalanzani: Leider nicht.
Coppelius: Sein untermenschlicher Charakter zwingt ihn dazu, andere Menschen zu belauschen, sie zu umgarnen und zu missbrauchen. Damit hat er – indirekt - den Tod seines eigenen Vaters auf dem Gewissen. Ich werde mit diesen Untermenschen Schluss machen so bald ich an der Macht bin!
Spalanzani: Seine Eigenmächtigkeiten stilisieren ihn als einen latenten Störenfried.
Coppelius: Er gefährdet vielleicht sogar unser Weltherrschaftsprojekt.
Spalanzani: Welchen Anteil der Welt willst du beherrschen?
Coppelius: Die ganze. Und das Universum dazu.
Spalanzani: Das Universum? Wie gelangst du dort hin?
Coppelius: Durch kosmisches Bewusstsein.
Spalanzani: Was ist das?
Coppelius: Es ist mein ganz persönliches Bewusstsein, mit dem ich die Materie universell durchdringe, denn es umfasst zahllose Bewusstseinsebenen.
Spalanzani: O.K. Meine Technik und Wissenschaft stehen zu deiner, des klassischen Übermenschen, Verfügung. Führer befiehl, ich folge dir!
Coppelius: Vergiss vor allem die lächerliche Sorge um Olimpia. Unterwirf dich meinen höheren Zielen.
Spalanzani: Das Universum.
Coppelius: Dieses gigantische Projekt kostet enormes Geld.
Spalanzani: Reichen die kümmerlichen materiellen Mittel unserer kleinen Welt überhaupt dafür aus?
Coppelius: Es ist nur eine Sache des Willens. Religiöse Fanatiker behaupten, der Glaube könne Berge versetzen. Ich sage nein. Aber der Wille kann es.
Spalanzani: Bleiben wir am Boden der Tatsachen. Wie weit bist du mit den Vorbereitungen?
Coppelius: Zuerst muss ich die Wahlen gewinnen um Führer aller Deutschen zu werden und dann muss ich den Krieg gewinnen. Zunächst gegen die Untermenschen auf dieser Erde, dann gegen solche auf anderen Globussen, die ich mir mit überlegener Strategie und Technik unterwerfe.
Spalanzani: Und dazu brauchst du zunächst einmal Geld ...
Coppelius: Das ich mir beschaffen muss.
Spalanzani: Aber wie?
Coppelius: Durch die Macht meiner Rede. Das Mysterium der Überzeugungskunst. Ich bin Coppelius; etwas Einmaliges. Ich ströme etwas aus, das niemand sonst besitzt.
Spalanzani: Was, womit?
Coppelius: Spürst du es nicht? Es ist meine ganz persönliche Aura. Etwas Übernatürliches, das ich ausstrahle. Mit den Augen, der Stimme, der Magie meiner überwältigenden Persönlichkeit.
Spalanzani: Es ist wahr. Du verbreitest etwas, das man als bisexuelles Spannungsfeld bezeichnen könnte. Ein fast beängstigendes Phänomen. Es begeistert die Massen; Frauen wie Männer. Es zwingt ihnen Deinen Willen auf.
Coppelius: Moralische Bedenken zählen bei mir nicht. Der Erfolg allein entscheidet. Wenn ich das Universum erobere und ein paar Milliarden Menschen gehen dabei d`rauf, so rührt mich das in keiner Weise. Wichtig ist nur das Eine: Sie müssen alle, bis zum letzten Mann, zur letzten Frau, zum letzten Kind, in Begeisterung und im festen Glauben an mich, ihren Führer und Erlöser, dem einzig Berufenen und Befähigten, sie von Juden- und von Untermenschentum zu befreien, freudig ihr Leben hingeben.
Spalanzani: Dafür wirst du also Sorge tragen?
Coppelius: Mit Gewissheit. Ein Heer von Zwischenträgern wird mich dabei unterstützen.
Spalanzani: Gegner deiner Politik ...
Coppelius: Sind Volksverräter. Sie werden liquidiert. Abgeurteilt in öffentlichen Schauprozessen.
Spalanzani: Dein Feldherrnruhm ...
Coppelius: Darüber mag die Nachwelt urteilen. Mein Genie als größter aller Volksverführer wird jedoch auf ewig außer Zweifel stehen.
Spalanzani: Woher kommt es nur, dieses, dein einmaliges Genie?
Coppelius: Vielleicht liest du einmal Otto Weiningers Geschlecht und Charakter.
Spalanzani: Das Werk eines Juden?
Coppelius: Er war der einzige anständige Jude, den es je gegeben hat und deshalb hat er sich umgebracht als er erkannte, dass der Jude von der Zersetzung eines höheren Volkstums lebt.
Spalanzani: Was hat das mit deinem Genie als größtem aller Volksverführer zu tun?
Coppelius: Weininger offenbart, dass die Menschheit eines neuen Messias harrt wie im Jahr eins.
Spalanzani: Dieser Messias bist du!
Coppelius: Mit schwindelerregender - sich in´s Grenzenlose der Verneinung stürzender – Denkungsweise macht er klar, dass die Welt jetzt nur noch die Wahl hat zwischen zwei Prinzipien, die sich wie Nacht und Tag gegenüber stehen.
Spalanzani: Dem untermenschlichen und dem übermenschlichen.
Coppelius: Jn erbitterter Feindschaft bekämpfen sich beide, vergleichbar dem latenten Krieg von: Weib gegen Mann, Geschäft gegen Kultur, Unwert gegen Wert, Gattung gegen Persönlichkeit, nichts gegen die Gottheit.
Spalanzani: Zwei unversöhnlich gegenläufige Grundprinzipien der Moral also. Die eine: Kultur, Wert, Persönlichkeit, Gottheit, verkörperst du, der Mann. Die andere: Geschäft, Unwert, Gattung, nichts, das Weib. Wer personifiziert dieses Weib?
Coppelius: Das Weib lässt sich nicht personifizieren. Es besteht nur aus Körper und Materie, die mit Sexualität, Schuld und Bedrohung korreliert; bar jeden Geistes, jeder Seele, jeder Sittlichkeit; mit einem Wort: Es ist das unmoralische Prinzip.
Spalanzani: Weininger ist, selbst Jude, Judenhasser?
Coppelius: Weil er begriff, dass Judentum von Weiblichkeit durchtränkt ist.
Spalanzani: Zur Bekämpfung des bösen Prinzips braucht man ...
Coppelius: Wille.
Spalanzani: Aber auch Geld. Und daran fehlt es.
Coppelius: Zum Glück ist der Portofoliomanager einer bedeutenden Bank mein Konfident, der mir - schon über Jahre hindurch - jeden Betrag, den ich benötige, zukommen lässt.
Spalanzani: Wie funktioniert das?
Coppelius: Er führt dieses Geld ganz einfach in den Totalverlust.
Spalanzani: So einfach geht das? Einmal vielleicht; aber Jahre lang? Es gibt in dieser Bank doch einen Generaldirektor und einen Vorstand, welchen Verlustgeschäfte solcher Art nicht verborgen bleiben können.
Coppelius: Unter vorgehaltener Hand: Bislang ist der Verbleib von Milliarden völlig ungeklärt geblieben. Die mangelnde Fortüne dieses Mannes erscheint zwar geradezu verdächtig schicksalhaft und man schließt auch nicht aus, dass Beträge an Dritte geflossen sind ...
Spalanzani: Milliardenverluste einer Bank müssen doch in den Geschäftsberichten aufscheinen.
Coppelius: Das ist in diesem Fall eben nicht geschehen weil es gelungen ist, die Verluste in weltweit verstreuten Briefkastenfirmen und Stiftungen zu verstecken.
Spalanzani: Verschleierungsmanöver dieser Art werden von der Finanzaufsicht relativ schnell entlarvt. du läufst Gefahr, dass die Machenschaften auffliegen und du als Quelle eines gigantischen Betrugs angeprangert wirst.
Coppelius: Keine Sorge! Generaldirektor wie Vorstand der genannten Bank sehen das nicht so kritisch, weil der – im Banne meiner Suggestivkraft stehende – Finanzminister die Überlassung von Risikoauswahl und Risikomanagement an die bewusste externe Stelle – mit Bescheid – ausdrücklich für zulässig erklärt hat. Die Verluste sind an Gesellschaften verkauft worden, welche, einer allmächtigen – internationalen - Organisation botmäßig, eigens für die Aufnahme von Verlusten gegründet worden sind.
Spalanzani: Und woher stammt denn nun das Geld, das diese Scheingesellschaften zum Ankauf der Milliardenverluste benötigen?
Coppelius: Blöde Frage. Natürlich von der besagten Monsterorganisation. Sie räumt ihnen die zum Kauf der Schuldverschreibungen nötigen Kredite ein. Getarnt natürlich; denn in der Bilanz werden die Verluste als werthaltige Forderungen ausgewiesen.
Spalanzani: Makaber. Und in welcher Höhe bewegen sich diese werthaltigen Forderungen?
Coppelius: So wie es mir für meine Pläne jeweils im Moment gerade angemessen erscheint.
Spalanzani: In Summe also etwa?
Coppelius: Innerhalb von zwei Jahren hat die Bank mir über diesen externen Spekulanten immer wieder Gelder überantwortet, die er – offiziell – ausnahmslos verspekulierte. In Summe waren es mehr als zehn Milliarden Euro.
Spalanzani: Wie ist das möglich? Gibt es denn keinen Aufsichtsrat in dieser Bank?
Coppelius: Den gibt es selbstverständlich und er wäre auch verpflichtet gewesen die Situation in einer Sitzung zu erörtern; spätestens nachdem der erste Totalverlust realisiert war ...
Spalanzani: Oder diesen vielmehr wohl auch offen zu legen.
Coppelius: An und für sich wäre das natürlich ein klarer Fall. Durch meinen Einfluss, den ich ganz systematisch in dieser bewussten Bank besitze, habe ich es jedoch bis jetzt verhindern können.
Spalanzani: Verhindern das was Vorschrift ist? Absolutes Muss, wovon kein Geldinstitut abweichen darf?
Coppelius: Durch meine Beziehung zum Finanzminister habe ich den Vorstand der Bank davon überzeugen können, dass es selbstmörderischer Blödsinn wäre, den Aufsichtsrat zu aktivieren, weil es sich bei früheren Sitzungen dieses Gremiums gezeigt hat, dass es undicht ist.
Spalanzani: Was heißt hier undicht?
Coppelius: Das heißt, dass es Informationen an die Presse weitergibt.
Spalanzani: Vater-Sohn-Geschäfte werden, soweit mir geläufig, mit Vorliebe medial geprügelt
Coppelius: So ist es und nicht anders.
Spalanzani: Wurde dein Gewährsmann, der externe Spekulant, nie wegen Unterschlagung von Geldern angezeigt?
Coppelius: Anzeigen sind wohl ergangen, aber vom Staatsanwalt regelmäßig niedergeschlagen worden.
Spalanzani: Warum?
Coppelius: Warum wohl, Blödmann? Auf höhere Weisung hin.
Spalanzani: Und der Vorstand ist bis heute völlig arglos? Trägt demnach etwa der Generaldirektor die alleinige Verantwortung?
Coppelius: Der Vorstand hat die katastrophale Situation sehr wohl beraten; - sogar gemeinsam mit dem Präsidenten jener übergeordneten Monsterorganisation.
Spalanzani: Beraten? Wohl in Hinblick auf ...
Coppelius: Die Sinnhaftigkeit einer neuerlichen Strafanzeige.
Spalanzani: Diese ist aber nicht erfolgt. Warum?
Coppelius: Weil zwei Tage später die katastrophale Höhe der Verluste in der gesamten Weltpresse gestanden wäre.
Spalanzani: Na und?
Coppelius: Die Monsterorganisation war dagegen, weil sie, als Eigentümerin der Bank, nicht nur das Gesicht verloren, sondern die Bank damit vermutlich sogar in die Luft gesprengt hätte.
Spalanzani: O.K. Aber der Verbleib der Gelder: Das ist doch ein Rätsel! Macht sich denn niemand darüber Gedanken? Hat niemand den externen Spekulanten darüber befragt?
Coppelius: In einem Vieraugengespräch mit dem Generaldirektor hat er gestanden, dass er die in den Verträgen vereinbarte Risikogrenze überschritten, alles auf eine Karte gesetzt und alles verspielt habe.
Spalanzani: Das ist doch Quatsch! Setzt man ihn entsprechend unter Druck, so wird er noch um einiges mehr plaudern. Mit Sicherheit!
Coppelius: Mitnichten! Der hält seine Fresse garantiert dicht; worauf du Gift nehmen kannst! Er kann die Zahlungsflüsse, das ist seine stereotype – von mir kategorisch diktierte - Version, deshalb nicht offen legen, weil seine gesamte Buchhaltung dieser Zeit verschwunden ist.
Spalanzani: Glaubt man ihm das denn?
Coppelius: Alle, außer mir natürlich. Weil ihm der Staatsanwalt nämlich – auf höhere Weisung hin – mehr als nur unbedingten Glauben schenken muss. Der hat bei allen Vorständen der Bank Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmen vornehmen lassen, bei dem eigentlichen Täter aber nicht. Trotz aller Beweisanträge sind die Milliardenkonten des hauptverdächtigen Spekulanten bis heute - glücklicher Weise - unangetastet geblieben und auch seine Bilanzen blieben außer Evidenz.
Spalanzani: Und das nehmen ihm die Medien ab?
Coppelius: Kraft seiner internationalen Beziehungen und weil er behauptet, dass er seit dem Totalverlust pleite sei.
Spalanzani: Lüge! Das weiß doch jedes Kind! Dass er laufend Millionendeals mit den unterschiedlichsten Banken macht! Ganz offiziell, wobei er immer wieder Sicherheiten anbietet. Wie ist so etwas möglich?
Coppelius: Verkenne nicht die außerirdische, von Kräften des Universums bestimmte Magie eines Coppelius, mit der sich dieser den Vorstand besagter Organisation, nicht zuletzt aber auch Minister, Richter, Staatsanwälte, gefügig macht, alle Kontrollorgane systematisch ausschaltet oder umgeht, Konfidenten zu strengstem Stillschweigen vergattert, Aufsichtsräte, Aktionäre, knebelt.
Spalanzani: Nun wahrlich: Ich vergöttere dich, allmächtiger Coppelius! Es gibt nicht einen einzigen Paragrafen aller Bankgesetze, von Strafgesetzen ganz zu schweigen, gegen den dein geniales Management dieser Monsterholding und aller jener, die ihr hörig sind, nicht permanent verstößt!
Coppelius: Das ist nicht mein Problem. Ich vertrete eine besondere Art von Moral, die der Menschheit Not tut um sie den von mir als rechtmäßig erkannten höheren Zielen bedingungslos zu unterwerfen.
Spalanzani: Hauptsache, du bekommst vorerst das Startkapital für die Inangriffnahme deiner gigantomanischen Pläne.
Coppelius: Das ist erst der Anfang. Habe ich einmal die Macht in Händen, dann ...
Spalanzani: Wird der Spieß umgedreht ...
Coppelius: Dann werden es die Habenichtse den Drohnen ...
Spalanzani: Den untermenschlich reichen Nichtstuern, Nichtswissern, Nichtskönnern ...
Coppelius: Die in Wahrheit Ignoranten und geistige Kleinrentner sind ...
Spalanzani: Zu Recht gewaltsam wegnehmen!
Coppelius: Strenge deinen faulen Dummkopf einmal an und arbeite mir detaillierte Pläne dafür aus.
(Tanzpantomime Spalanzani-Coppelius):
Spalanzani: Die Europäische Union …
Coppelius: Derzeit Untermenschen-Organisation ...
Spalanzani: Das soll wohl heißen ...
Coppelius: Ich werde sie mir unter den Nagel reißen ...
Spalanzani: Mit List und außerirdischer Gewalt ...
Coppelius: Ihr Fundament ich umgestalt ...
Spalanzani: Siegfrieds Schwert zu schärfen ...
Coppelius: Muss sie mir sich unterwerfen ...
Spalanzani: Allgewalt von edlem Übermenschentum ...
Coppelius: Erobert das All ...
Spalanzani: Mit Spalantanis Fähren im Vakuum ...
(Fanfarenklänge aus dem Trauermarsch in „Götterdämmerung“)
Spalanzani: Ich habe eine Idee: Ich benutze meinen geheimen - in Freuds Unbewusstem liegenden - Draht um Olimpia zu motivieren sich aus Nathanaels Fesseln zu befreien.
Coppelius: Die – genauer betrachtet - keine mechanischen, sondern eher erotische Fesseln sind.
Spalanzani: Sie soll dir als Geheimwaffe in der Verwirklichung deiner Pläne dienen. Mein Unbewusstes sagt mir, dass die beiden jetzt gerade in ekstatischer Verzückung schwelgen.
Coppelius: Vergiss Freud, diesen orgiastischen Untermenschen. Denk’ über die Realisierungsmodi meiner – das Universum usurpierenden – Visionen nach!
Spalanzani: Bist du nicht selbst solch ein orgiastischer, wenn auch inzestuöser, Untermensch, dessen Orgasmus sich auf das Okkupieren des eigenen Bluts beschränkt?
Coppelius: Wie meinst du das?
Spalanzani (flüsternd): Ich meine die Geschichte mit der Tochter deiner Halbschwester, die sich wegen dir erschoss!
Coppelius (flüsternd): Wage es eine solche Behauptung aufzustellen und du bist mein nächstes Liquidierungsopfer!
Spalanzani: Gut. Aber ich muss deine Augen benutzen.
Coppelius: Benutze sie. Aber ohne ihr faktischer Besitzer zu sein. Das bitte ich mir aus.
Spalanzani: Um faktischer oder Sachbesitzer zu werden muss man den Willen dazu haben; und den habe ich nicht.
Coppelius: O.K. Dann sei mein willenloses, unterwürfiges, Subjekt – in höchster Präzision: Mein Wille sei dein Heiligenschein, der dir jede Ungesetzlichkeit erlaubt so lang du ein getreuer Diener deines Herrn bist.
Spalanzani: Deine Augen sagen es mir mit ihrem grünlich funkelnden, stechenden, Blick: Im unterirdischen Verlies liegen sie, dem Zugriff der Polizei entzogen, in brünstiger Hingabe vereint. Er beherrscht sie; denn auch er hat jenen grünlich stechenden Blick.
Coppelius: Der freche Bube! Will er mir Paroli bieten?
Spalanzani: Sie brauchen Geld damit sie die Welt vom Bösen erlösen. Das Böse bist du.
Coppelius: Schön. Und wie wollen sie d ’ran kommen?
Spalanzani: Sehr einfach! Sie bauen – nach dem von mir erbeuteten Rezept – eine Puppe, die Nathanael täuschend ähnlich ist. Dann stellt sie sich – als angeblich seiner Geiselhaft entflohenes Opfer – der Polizei, während sich sein Ebenbild, die beseelte Puppe, vor einen Zug der Schnellbahn wirft damit er selbst – unerkannt - in das Ausland zu fliehen vermag.
Coppelius: Warum fliehen? Er kann uns als Gefolgsmann dienlich sein. Ich verberge ihn.
Spalanzani: Wenn du, mein Führer, es befiehlst, so spiele ich es vor.
Coppelius: Gut: Ich befehle es!