Szenerie
Personen: Nathanael. Olimpia.
Nathanael (im Vordergrund, auf einem Sofa sitzend, eine nackte männliche Puppe in den Armen haltend, zu Olimpia im Hintergrund): Sieh dir mein Werk an, Olimpia. Kannst du uns beide, den lebenden Nathanael und sein Abbild, voneinander unterscheiden?
Olimpia (hinzutretend und die Puppe betrachtend): Ah, ah, ja, ja.
Nathanael: Wo liegt der Unterschied?
Olimpia: Entblöße dich, damit ich euch vergleichen kann.
Nathanael: Du auch.
(Sie entkleiden sich, und legen sich, einander umschlingend, auf den Boden.)
Nathanael (ihren Körper mit Küssen bedeckend): Was sagst du nun, Olimpia, ist es gut so?
Olimpia: Ah, ah, ja, ja.
Nathanael: Die Puppe ist meine genialste Erfindung. Sie wird uns zu den berühmtesten und vermögendsten Menschen dieser Welt machen. Sie soll das größte nur denkbare Medienspektakel provozieren.
Olimpia: Ah, ah, ja, ja.
Nathanael: Du musst nur gewieft sein und meinen Direktiven genau Folge leisten, denn es geht hier um enormes Geld. Das fängt schon im Polizeiauto an. Pass auf, dass niemand ein Foto von dir macht, das sich vermarkten lässt. Halte etwas vor dein Gesicht, damit man dich nicht fotografieren kann. Jedes Wort, das du ausspuckst, muss dem, der es aufschnappt, Geld kosten. Wie viel wirst du für das erste Interview verlangen?
Olimpia: Fünfhunderttausend Euro.
Nathanael: Und was wirst du zu meinem Selbstmord sagen?
Olimpia: Ich habe den Schnellbahn-Schaffner indirekt zum Mörder gemacht.
Nathanael: Welchen Preises sollst du für deine schauspielerische Leistung in dem bevorstehenden Medienspektakel würdig sein?
Olimpia: Des Oscar.
Nathanael: Worüber wirst du Verträge aushandeln?
Olimpia: Nur für künftige Bestseller.
Nathanael: Was soll man gründen, um dein notdürftiges Überleben zu sichern?
Olimpia: Den Olimpia- Unterstützungs- Fonds.
Nathanael: Welche Einnahmequellen wirst du sonst noch nutzen um – als Opfer des perversesten sadomasochistischen Entführers, den die Welt je gesehen hat - gerade noch überleben zu können?
Olimpia: Filmrechte, die auf von mir verfassten Büchern basieren, Talkshows, Exklusiv-Interviews, Autogrammstunden, T-Shirts, Websites.
Nathanael: Etcetera, etcetera. Mit welchem einzig relevanten Thema soll die Öffentlichkeit die nächsten zehn Jahre bis zur Erschöpfung strapaziert werden?
Olimpia: Mit dem unnennbaren Leidensweg einer schuldlosen weiblichen Kreatur, die, von einem sadomasochistisch pervertierten männlichen Alptraum auf offener Straße gekidnappt, jahrelang in einem unterirdischen Verlies, gefesselt wie ein Tier, vegetieren musste, zumal alle Bemühungen ihrer Angehörigen, dem Täter auf die Spur zu kommen, durch die unglaubliche Schlamperei, Interesselosigkeit, Indolenz und Unfähigkeit der Justizbehörden sabotiert wurden.
Nathanael: Wobei ihre Versuche, mit Menschen, die ihr fallweise doch einmal begegneten, Blickkontakte herzustellen, um auf das Schauderhafte ihrer unerträglichen Situation aufmerksam zu machen, an der abnormen Egomanie all dieser gefühllosen Unmenschen scheiterten und damit ergebnislos verliefen. Das alles musst du - in immer neuen Variationen - so eindrucksvoll wie nur irgend möglich vorspielen, um – auf psychologische Tour - den maximalen Gewinn zu scheffeln. Ich werde dir dabei helfen, so gut ich dazu – aus dem Verborgenen heraus – in der Lage bin. Denn ich hege natürlich beileibe keine Selbstmordabsicht, sondern gedenke (auf die männliche Puppe weisend), auf dieses Wunderwerk meines einzigartigen Talents – als mein Surrogat - zurückzugreifen. Die enorme Kohle, welche dir - als weltweit berühmtestem Opfer eines berüchtigten Sadisten - aus aller Welt zufließt, werden wir - auf Heinzelmännchenart – nicht etwa zu unserem Vergnügen, sondern zur Bekämpfung einer anderen Art von Verbrechen benutzen, die, wie ich erfahren musste, nicht nur die Menschheit, sondern das gesamte Universum bedroht. Ist dir das klar, Olimpia?
Olimpia: Ah, ah, ja, ja.
