Soldaten Allahs – Siebente Szene

Szenerie

Ort: Eishöhle im Hindukusch

Personen: Osama. Aiman. Amalia. Al-Qa’ida-Kämpfer.

Osama: Hier muss ich liegen bleiben. (Wirft sich auf den Boden.) Meine Glieder sind wie abgeschlagen. Meine Zunge wie ausgedörrt. Ich wollt’ Euch bitten, mir eine Handvoll Wasser aus diesem Schnee zu schmelzen. Aber Ihr seid alle matt bis in den Tod. 
(Die Al-Qa’ida bringen Holz herbei. Aiman und Amalia machen Feuer und schmelzen Schnee in einem Topf.)
Osama: Es war ein heißer Tag. Wie viel sind wir noch übrig?
Aiman: Achtundsiebzig Mann haben sich durch den letzten Ausgang retten können, der noch frei war. Banshiri mit der Nachhut hat’s für sie erkämpft, sich geopfert.
Osama: Wie viele der Ungläubigen mögen auf dem Platz geblieben sein?
Aiman: Mehr als Tausend wohl. Unsere versteckten Minen haben ihr Werk getan.
Osama: Gekämpft wie Löwen habt Ihr alle. Nicht die Überzahl, mit der wären wir sonst wohl fertig geworden. Ihre überlegene Bewaffnung hat entschieden ... Mein Banshiri starb einen schönen Tod als Märtyrer des einzig wahren Glaubens. Im Feuerball detonierender Raketen versunken, der ihn wie ein Glorienschein umgab.
Aiman: Der Glückliche! Mit den übrigen Märtyrern befindet er sich bereits im Paradies.
Osama: Laßt uns nun das Abendgebet verrichten.
(Pause. Sie knien sich hin und beten.)
Aiman: Welche Pläne hast Du nun, Osama?
Osama: Wir müssen versuchen, uns nach Peshawar durchzuschlagen und dort bei sicheren Freunden Unterschlupf zu finden. Hier, in Afghanistan, können wir uns nicht länger halten. Verräter lauern überall, die nach dem Kopfgeld gierig sind.
Aiman: Von der amerikanischen Regierung erhöht auf fünfundzwanzig Millionen Dollar.
Osama: Ein unermessliches Vermögen für arme Bergbewohner.
Aiman: Wir haben auch kaum noch Munition um uns zur Wehr zu setzen. Wenn Du gefangen wirst, kannst Du sicher sein, gehängt zu werden.
Osama: Wir dürfen nur bei Nacht marschieren. Am Tag ist die Gefahr zu groß, aus der Luft entdeckt und umstellt zu werden.
Aiman: Diese Nacht können wir nicht weiterziehen! Die Erschöpfung ist zu groß.
Osama: Nur diese Höhle bleibt als Unterschlupf.
Aiman: Was machen wir mit Amalia? Als Deine Frau kann sie hier nicht bleiben mit uns Männern.
Osama: Warum denn nicht?
Aiman: Verstoß gegen Allahs Gebot! Besinne Dich auf den heiligen Koran! Die Frau ist der sicherste Pfeil des Teufels. Nur dem eigenen Gatten darf sie sich unverhüllt zeigen. Nur seine Augen sind berechtigt, mehr von ihr wahrzunehmen als stoffliche Hülle
Ein Al-Qa’ida: Es gibt nur einen Ausweg, Osama. Amalia muss uns allen gehören. Sie ist unser gemeinsamer Besitz. So kann sie sich uns allen unverhüllt zeigen...
Aiman: Als der Prophet, wie in Sure 33 verkündet ist, in der Wohnung seines Adoptivsohns Zaid dessen Frau Zainab im bloßen Untergewand erblickte, richtete sich sein Begehren auf sie und er nahm sie zur Gattin nach ihrer Scheidung von Zaid, weil er Allahs Anordnung damit befolgte. Allahs Befehl ist es nun, Osama, Dich von Amalia zu trennen, damit sie uns allen gehöre. Nur so kann das Gesetz des Koran erfüllt werden. Anderenfalls muss sie sterben, damit nicht dem Gesetz zuwider gehandelt und Zwietracht gesät werde unter den Streitern Allahs. So steht es geschrieben in den Hadithen: Ein Mann und eine Frau können sich nicht zurückziehen, ohne dass der Teufel sich ihnen als Dritter zugesellt!
Osama: Zaid hat Zainab erst dem Propheten überlassen und war Allahs Willen damit gehorsam, nachdem Zainab ihr Einverständnis hierzu gegeben hatte.
Aiman: Sei gewarnt, Osama, vor weiblicher Tücke und Raffinesse. Als unheilvollen Unruheherd betrachte die Frau. Sie kann nur gut und nützlich sein, wenn sie, dem Willen Allahs gemäß, diszipliniert und abgerichtet wird.
Osama: Was sagst Du, Amalia? Willst Du von mir Abschied nehmen? Du weinst, Amalia? (Er umarmt sie.)
Amalia: Einziger, Unzertrennlicher!
Osama: Sie liebt mich! Rein bin ich wie der Äther des Himmels! Sie liebt mich. – Weinenden Dank Dir, Erbarmer im Himmel! (Er fällt auf die Knie und weint heftig.) Der Friede meiner Seele ist wiedergekommen, die Qual hat ausgetobt, die Hölle ist nicht mehr. Oh, Amalia! Amalia! Amalia! Der Kanaille, diesem Teufel, habe ich Dich entrissen und nichts, nichts soll uns trennen! Wir gehen weg von hier, lassen alles Vergangene zurück, sind nur mehr für einander.
Ein Al-Qa’ida: Halt ein, Verräter! – Gleich lass diesen Arm fahren – oder ich will Dir ein Wort sagen, dass Dir die Ohren gellen, und Deine Zähne klappern vor Entsetzen! (Er richtet drohend seine Kalaschnikow auf Osama.)
Zweiter: Denk an Tora Bora und Beni Hissar! Treuloser, wo sind Deine Schwüre?
Dritter: Denk an Banshiris Heldentod! Vergisst man Wunden so bald?
Erster: Da wir Glück, Ehre und Leben in die Schanze schlugen für Dich? Da wir standen wie Mauern, auffingen wie Schilder die Hiebe, die Deinem Leben galten.
Zweiter: Hubst Du nicht auf Deine Hand zum eisernen Eid, schwurst, uns nie zu verlassen, wie wir Dich nicht verlassen haben?
Dritter: Ehrloser! Treuvergessener! Abfallen willst Du, wenn eine Metze greint?
Die Al-Qa’ida (durcheinander, sich die Kleider aufreißend): Schau her. Kennst Du diese Narben? Du bist unser! Mit unserem Herzblut haben wir Dich zum Leibeigenen angekauft; unser bist Du, und wenn der Prophet mit dem Moloch ins Handgemenge kommen sollte! – Marsch mit uns; Opfer um Opfer! Amalia für die Bande!
Osama (ihre Hand fahren lassend): Es ist aus! – Ich wollte umkehren, bei Freunden untertauchen, wieder in geordnete Bahnen; aber Allah sprach, es soll nicht sein. (Kalt.) Blöder Tor ich, warum auch umkehren? Um eines Weibes willen? Ungehorsam Dir gegenüber, Allah? Das hätt’ ich längst wissen sollen. Warum aber Ungehorsam? – Rolle doch Deine Augen nicht so! Kommt, Kameraden!
Amalia (ihn zurückreißend): Halt, halt! Einen Stoß! Einen Todesstoß! Endgültig verlassen! Zieh Deinen Dolch und erbarme Dich!
Osama: Gehorche Allah! Ich töte Dich nicht!
Amalia (seine Knie umfassend): Oh um Allahs, um aller Erbarmungen willen! Ich will ja nicht Liebe mehr, weiß wohl, dass feindlich voneinander unsere Sterne fliehen – Tod ist meine Bitte nur. Verlassen, verlassen! Ich kann’s nicht überstehen, das kann keine Frau – kein Mensch. Um Tod nur bitte ich Dich. Ich habe nicht das Herz, mich selbst umzubringen. Dir ist’s ja so leicht, so leicht, bist ja Meister im Morden. Zieh Deinen Dolch, und ich bin glücklich!
Osama: Fort, ich töte kein Weib!
Amalia: Ha, Würger! Kannst Du nur Glückliche töten, gehst an Lebenssatten vorüber? (Kriecht zu den Al-Qa’idas.) So erbarmt Ihr Euch meiner, Schüler des Henkers!
Osama: Weib, was sagst Du?
(Die Al-Qa’idas wenden sich ab.)
Aiman: Lass Dich nicht berücken, Osama! Sünde ist es, wenn die Frauen aufbegehren. Verräter sind es, die Allahs Herrlichkeit in Frage stellen. Sünde ist das Sich–Entfernen–Wollen von den wahren Gläubigen, die Nachäfferei des Westens!
Amalia: Kein Freund? Auch unter diesen nicht?
(Ein Al-Qa’ida zielt auf sie.)
Osama: Halt! Wag es – Osamas Geliebte soll nur durch Osama sterben!
(Er ermordet sie.)
Die Al-Qa’ida: Osama! Osama! Was machst Du? Bist Du wahnsinnig worden?
Osama (mit starrem Blick auf den Leichnam): Sie ist getroffen! Dies Zucken noch, dann wird’s vorbei sein. Habt Ihr noch was zu fordern? Ihr habt mir Euer Leben geopfert. Ich hab’ Euch einen Engel geschlachtet. Wie, seht’s Euch an! Seid Ihr jetzt zufrieden?
Ein Al-Qa’ida: Du hast Deine Schuld mit Wucher bezahlt. Hast getan, was kein Ehrenmann tun würde. Komm, ermanne Dich jetzt! Sei wieder Du selbst!
Osama: Das Leben einer Heiligen hab’ ich um Terroristen hingegeben! Ein ungleicher Tausch? Die Narben von Tora Bora. Sind sie jetzt bezahlt?
Zweiter: Sei ruhig, Osama! Komm mit uns, der Anblick ist nichts für Dich. Führe uns weiter!
Osama: Halt – noch ein Wort eh’ wir weitergehen. Merkt auf, Ihr schadenfrohen Schergen meines barbarischen Winks: Ich höre von nun an auf, Euer Anführer zu sein. Mit Scham und Grauen leg’ ich hier diesen blutigen Stab nieder, worunter zu freveln Ihr im Namen Allahs Euch berechtigt wähntet.
Aiman: Ha, Mutloser! Wo sind Deine hochfliegenden Pläne? Sind’s Seifenblasen gewesen, die beim Hauch eines Weibes zerplatzten?
Osama: Narr, der ich wähnte, Allahs Gesetzen zu gehorchen durch Gesetzlosigkeit! Den Sieg über die Ungläubigen zu erringen mit Hilfe von Täuschung!... Am Ziel eines entsetzlichen Lebens steh’ ich da, unfähig, Allahs Willen zu begreifen ...Was ich verschuldet, verdorben habe zu verändern, steht nicht in meiner Macht. Eines bleibt mir noch: Das Opfer .
Die Al-Qa’ida (durcheinander): Nehmt ihm den Dolch weg, er will sich umbringen!
Osama: Narren Ihr! Meint Ihr, die Harmonie der Welt durch gottloses Benehmen wieder herstellen zu können? (Wirft ihnen den Dolch verächtlich vor die Füße.) Dead or alife. Ich stehe zu Euerer Verfügung. Wer will sich das Kopfgeld verdienen?
Aiman: Eitles Gewäsch. Wir müssen fort von hier! Denk’ an unsere heilige Sache.
Osama: Im Schlaf können sie mich überrumpeln oder auf der Flucht ereilen. Soll ich ein Leben künstlich verlängern, das ich schon längst nicht mehr besitzen darf?
Die Al-Qa’ida: Laßt ihn nur reden; er ist ein Idiot, ein Prahlhans.
Osama (kalt und überlegen): Wer mich ergreift, ist um fünfundzwanzig Millionen reicher. Khalid – offiziell mein Feind - soll es tun. Er, der Al-Qa’ida gesponsert indem er sich selbst finanziell ruiniert, den 11. September damit arrangiert hat ... Dem Mann kann geholfen werden.
Aiman: Vorausgesetzt, er nimmt Dein Opfer an.


Alle ab.
Vorhang