Habsburgischer Mythos

Karl Fanta, Erinnerungen I, S. 57

Mein Grossvater und mein Vater waren stolz darauf, österreichische Offiziere zu sein. Offiziere des Kaisers von Oesterreich. Als während der Friedensverhandlungen nach dem Kriege zwischen Österreich und Preussen im Jahre 1866 davon gesprochen wurde, dass eventuell das Gebiet nördlich der Eger von Preussen annektiert würde, war mein Vater, der damals noch ein Bub war, gleich der ganzen Familie froh und stolz darüber, dass sie in der südlich der Eger liegenden Stadt Saaz wohnhaft waren.

Jahrhundertelang hatte Österreich deutsche Kultur und Sprache nach Osten vorgetragen, nach Böhmen, nach Galizien, der Bukowina, nach Ungarn, ins Banat, bis Dalmatien. Die heutige Jugend kann sich dieses Einst, wie ich es noch als junger Offizier sah, nicht mehr vorstellen. Es war im Laufe der Jahrhunderte zur Selbstverständ­lichkeit geworden, dass eben Böhmen, Mähren, Galizien, die Bukowina, Innerösterreich, Krain, das Küstenland, Dalmatien, Kroatien, bis zu einem gewissen Grade auch Ungarn, u.s.w. ein Reich bildeten. Es gab keine fühlbaren Grenzen. Die Eisenbahnzüge Wien – Lemberg – Czernowitz, Wien -Triest, liefen immer durch dasselbe Österreich, der Schaffner auf der Strecke Brünn – Prag oder Lemberg – Czernowitz trug diesselbe Uniform wie der Schaffner auf der Strecke Wien – Innsbruck und sprach genauso deutsch, wenn auch mit vielleicht mit slawischem Akzent. Die niederen und höheren Offiziere wurden in der ganzen .Armee ohne Rücksicht auf die Nationalität versetzt: die Dienstsprache der Armee war deutsch. Jeder Unteroffizier musste deutsch können, alle Kommandos wurden in deutscher Sprache gegeben, alle Schriftstücke deutsch abgefasst. Bei jeder Behörde wurde deutsch amtiert. Wobei es den Passagieren der Bahn; den Soldaten, den bei den Behörden erscheinenden Parteien unbenommen war, tschechisch, polnisch, je nach dem Lande, zu reden, bzw. Auskünfte zu erbitten. Jahrhundertelang war das so gegangen. Jedermann fand das selbstverständlich. Dass ein Kaiser in Wien war, war selbstverständlich.

Diesem alten ruhmreichen Österreich als Offizier zu dienen, war meines Großvaters und meines Vaters und auch mein Stolz.

Es war schön, die kaiserliche Uniform, zu tragen an der montenegrinischen Grenze, in den Grenzforts am Rande der oberitalienischen Tiefebene, als Kaiserjäger in Innsbruck, als Offizier irgend eines der anderen Regimenter, von denen fast allle auf eine mehrhundertjährige ruhmreiche Geschichte zurückblicken konnten. Mein Onkel, Feldzeugmeister Fanta, war Oberst in Krakau, Generalmajor in Theresienstadt in Böhmen, Divisionär in Temesvar in Südungarn, Corpskommandant in Ragusa in Dalmatien; mein Vater war als Leutnant in Prag, als Oberleutnant in Lemberg (heute Lwow), als Hauptmann in Eger und Pilsen, als Major in Mostar in der Herzegowina, als Oberstleutnant in Krems, als Oberst in Agram (Zagreb) in Kroatien, als Genermajor in Wien. Überall war die kaiserliche Uniform geachtet.