Der Sohn August Schaller des Forstmeisters Josef Schaller war der Vater meiner Mutter. Dieser erhielt nach seiner Tante Reichenbach, einer Schwester seiner Mutter, das Gut Wakowitz; Frau Reichenbach war Besitzerin der Güter Liboritz, Wakowitz und Michelob gewesen. Wakowitz liegt etwa einen Kilometer nördlich der Strasse Saaz – Kaaden, halbwegs zwischen diesen beidea Städten auf der sich gegen den Eger-Graben sanft senkenden höheren Fläche mit herrlichem weiten Blick gegen das Erzgebirge; Wakowitz wurde 1894 verkauft und das Ehepaar Schöller übernahm die Bewirtschaftung des Schöffl-Besitzes in Saaz. Auf diese weise ist Saaz die Heimat meiner Eltern und auch die meine geworden.
Meine Grossmutter, Eleonora Schaller, war eine geborene Schöffl. Bezüglich der Vorfahren der Schöffl lässt sich folgendes nachweisen: Im Saazer Museum erliegt ein von Johann Schöffl niedergeschriebener Auszug aus dem Familiengebetbuche des Christoph Schöffl aus dem Jahre 1734. In diesem sind genannt:
- Johann Christoph Schöffl, geboren am 18. Juli 1710 in Fünfhunden (ein Dorf westlich Saaz).
- Antonius Desterus Schöffl, geboren am 15. November 1742 in Fünfhunden.
- Johannes Schöffl, geboren am 10.- Juni l 766 in Trnowan (östlich Saaz).
- Franz Xaver Schöffl, geboren am 4. April 1787 in Trnowan.
- Josef Carl Schöffl, geboren am 18. Februar 1814 in Trnowan, vermählt mit Marie Gamperle (geb. 26. Juli 1836, gest. am 4. Jänner 1857), Tochter des Johann Gamperle, kaiserlich-königlicher Leutnant und Realitätenbesitzer in Saaz und dessen Gattin Marie Gamperle, geborene Bernet.
Josef Carl Schöffl wurde in Liebeschitz (bei Trnowan) getauft, absolvierte das Saazer Gymnasium und bezog 1823 das juridische Lyceum in Prag, besuchte nebenbei das Conservatorium für Musik in Prag. Franz Xaver Schöffl (l787-1850) war mit Antonie, geb. Stifter, einer Base des Dichters Adalbert Stifter, verheiratet. Deren Vater war Schwarzenberg’scher Direktor gewesen. Als er starb, heiratete die Mutter der Antonie, verh. Schöffl, einen Herrn von Jungwirth. Dieser machte im napoleonischen Heere i.J. 1812 den Übergang über die Beresina mit. Das ihn darstellende Ölgemälde zeigt ihn, einen versiegelten Brief in der Hand haltend. Die Schwester der Antonie Stifter, verh. Schöffl, heiratete den wirtschaftsbesitzer Anton Janka in Stankowitz bei Saaz, wodurch wir mit der Familie Janka doppelt verwandt sind. Schliesslich sei noch erwähnt, dass im Nekrologium der Stadt Saaz Ton von Dr. Katzerowsky ein Prokop Schöffl aus Klösterle erwähnt ist, der Bürger und Grundbesitzer in Trnowan war und am 14. September 1835 im 78. Lebensjahre starb. Es war dies ein Vetter des Franz Schöffl und soll ein Original gewesen sein.
Mein Urahne Franz Schöffl, „Bürgerlicher Repräsentant“ (entsprechend dem heutigen Stadtrat) (1787 – 1850), hatte es bereits zu Wohlstand gebracht. Er übernahm von seinem Vater die im Jahre 1788 von Josef de Korb erkaufte Wirtschaft Trnowan und starb im 63. Lebensjahre an der Cholera. Mein Urgrossvater Josef Schöffl wurde einer der reichsten Männer von Saaz. Er baute nach Ankauf das „Schöffl-Haus“, wie es manchmal heute noch heisst (Saaz Nr. 311), gegenüber der Klosterkirche, in seiner heutigen, man kann sagen, imposanten Gestalt aus u.zw. dürfte dies etwa vor 1847 erfolgt sein. Ursprünglich hatte nur der Teil links und rechts der heutigen Toreinfahrt bestanden; Schöffl führte die lange, einstöckige Fensterfront links der Toreinfahrt aus, den gewaltigen Gevierthof mit den Wirtschaftsgebäuden und den noch weiter hinten anschliessenden Teilen. Ausser dem zu diesem Hofe gehörigen grossen Felderkomplex gehörte ihm das ererbte Hopfengut Trnowan, eine Wirtschaft in „Pertsch“ auf der Höhe südlich des Pertschtales, östlich der Holletitzer Strasse und noch einiges mehr. Josef Schöffl führte ein grosses Haus; er dürfte eine Art Universalgenie gewesen sein. Das Familiengebetbuch sagt darüber:
„Josef Schöffl betrieb die Ökonomie und den Hopfenhandel mit seinem Vater Franz Xaver Schöffl in Compagnie mit Anton Jelinek, genannt Hüttl, bis zum Jahre 1867, von da ab sein Sohn Franz Xaver Schöffl und vom Jahre 1874 (nach dem in diesem Jahre erfolgten Tode des Franz Xaver) an sein Sohn Friedrich Schöffl. Im Jahre 1832 begründete er ein Kammermusikquartett und betrieb als Musikkenner weit und breit bekannt die Kammermusik bis zu seinem Ableben mit besonderer Vorliebe; Er wurde um seiner hervorragenden Verdienste um die Landwirtschaft 1864 von Seiner Majestät, dem Kaiser Franz Josef I. von Österreich ausgezeichnet, mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone (damals eine seltene Auszeichnung) und gründete 1854 den landwirtschaftlichen Kreisverein. … Er war Mitbegründer des Saazer Gesangvereines, welcher 1865 unter seiner Leitung zum Gesang- und Musikverein umgewandelt wurde. Er war Mitgründer der Saazer Aktienrübenzuckerfabrik und Mitgründer der Saazer Gasanstalt. Er war lange Jahre Präsident des Gesang- und Musivereines, In seinen letzten Lebensjahren Ehrenpräsident. Er war auch lange Zeit hindurch Ausschussmitglied der Saazer Gemeindevertretung; Im Jahre 1834 war er Schützenoffizier und 1849 Kommandant der Nationalgarde. Er starb am 30. Oktober 1894 und hinterliess 2 Söhne (Friedrich und Hans) und 4 Töchter (Marie, verheiratete Hassmann, Julie, verheiratete v. Balogh, wiederverheiratete Eckert, Eleonora, verheiratete Schaller, meine Grossmutter, Anna, verheiratete Jenik).“
Nach dem Tode seiner Frau hatte er noch einige uneheliche Kinder, für die er, seinem Reichtum angemessen, ausgiebig sorgte. Die erhaltenen Bilder Josef Schöffls zeigen einen mächtigen Kopf mit Vollbart und starker Adlernase. Wie aus Briefen hervorgegangen sein soll, die nach seinem Tode gefunden wurden, scheinen auch einzelne hochstehende und sonst unnahbare Frauen ihm nicht widerstanden zu haben. Von seinen beiden ihn überlebenden Söhnen starb Friedrich, der als Hopfenhändler sehr reich gewesen war, jedoch nach dem Weltkriege durch unglückliche Spekulationen alles verloren hatte, nahezu mittellos mit 87 Jahren unter Hinterlassung zweier Töchter, Adele, verheiratete Gubižda, und Martha, verheiratete Dr. Binder. Hans galt als Tunichtgut. Ich habe ihn nur in meiner frühesten Kindheit gekannt. Seine Töchter hatten alle einen gewissen sehr energischen, männlichen Zug geerbt. Die hohe musikaliche Begabung des Vaters ist auf keine von ihnen übergegangen, wenngleich sie, besonders Anna Jenik, gutes musikalisches Verständnis hatten. Anna Jenik wurde nach sehr unglücklicher Ehe bald Witwe und starb unter Hinterlassung eines – kinderlosen – Sohnes. Julie hinterliess einen überlebenden Sohn „Sandor“ (Alexander), ein ehemals äusserst temperamentvoller Offizier, der jetzt (1937) als pensionierter, unverheirateter Feldmarschalleutnant in Budapest lebt und dort in der Gesellschaft eine Rolle spielt. Marie, verheiratete Hassmann (kinderlos) war eine sehr intelligente, freigiebige Tante, die, bei hohem Kunstverständnis, sehr viel reiste und im übrigen dem Grundsatz huldigte „Leben und leben lassen“. Geiz wear ihr fremd. Sie sagte: „Ich gebe lieber mit der lebenden Hand als mit der toten“. Ihre Wohnung im „Schöfflhaus“, in der sie gerne Gesellschaft sah, war mit erlesenem Geschmack und vielen Reise-Erinnerungen eingerichtet. Der alte Major Fanta, mein Grossvater, war in seinen letzten Lebensjahren häufig dort zu Gast und pflegte „der Frau Hauptmann“ (so hiess Tante Hassmann allgemein) sein Herz auszuschütten.
Marie Hassmann in Karl Fanta, Erinnerungen I, Anhang: Besuch am Sammelsitz der Familie Schöffl in Trnowan um das Jahr 1859:
Trnowan, der Sammelsitz der Familie Schöffl war für viele ein Eldorado, hier fand Geist, Gemüt und Kunst eine Heimstätte und wenn der Sonn- oder Donnerstag kam, so begaben sich alle befreundeten und anverwandten Familien dahin. Zu jener Zeit gab es noch wahre Freundschaft, Einigkeit, neidlose Menschen und wer in diesem wirklich gastlichen Hause einmal eingeführt wurde, den zog es immer
wieder hin, begegnete man sich während der Woche, so gab es nur die eine Frage: Sehen wir uns am Sonntag in Trnowan?
