Tschechen und Deutsche

Karl Fanta, Erinnerungen I, S. 54-57:

Ursprungssprache der Famile

Die in Horschitz bezw. Smrkowitz ansässig gewesenen Vorfahren haben zweifellos tschechisch gesprochen. Von dem in Chlumetz verstorbenen Urgrossvater ist anzunehmen, dass er als fürstlich Kinsky’scher Güterbeamter bereits deutsch gesrochen hat, zumal die Amtssprache damals ziemlich allgemein deutsch war. Seine Kinder scheinen deutsche Schulen besucht zu haben, bzw. bereits deutsche Muttersprache gehabt zu haben, da mein Grossvater und seine Geschwister einen einwandfreien deutschen Stil beherrschen und deutsch-kurrent schreiben.

Überbevölkerung als Ursache

Heute, 1936, leben wir in Europa in einem Zeitalter des nationalen Chauvinismus. Jedermann, der „national“ denkt, ist, je nach der momenten Beeinfussung der Öffentlichkeit durch die Zeitungen usw. geneigt, einen Menschen anderer Muttersprache als minderwertig, persönlichen Feind und ähnliches zu werten und darnach zu behandeln. Bedingt ist diese Einstellung durch  die allerorten herrschende ab­solute oder relative Überbevölkerung, durch welche die Stim­mung des Kampfes aller gegen alle bedingt und vorbereitet wird. So lange in Böhmen günstige Lebensbedingungen und Arbeitsmöglichkeit für alle im Lande ansässigen Menschen vorhanden waren, gab es keinen Nationalitätenhader. Ver­schlechterung der Lebensbedingungen aus einem äusseren und inneren Grunde schafft immer die Erscheinung relativer Überbevölkerung. Hat diese einen bestimmten Grad erreicht, so bedarf es nur eines Anstosses und der Kampf bricht los, erst mit Worten und Schriften, später mit Waffen, um end­gültig oft erst dann zu enden, wenn ein gründliches Bevölkerungsvakuum geschaffen ist. Die Hussitenkriege sind durch erhöhten Druck der deutschen Einwanderer, die überdies sich hauptsächlich in der Oberschichte ausbreiteten, auf die tschechische bäuer­liche Bevölkerung entstanden. Nach dem Ablauf der Hussitenkriege war der grösste Teil Böhmens bis an die Grenzen tschechisch, wovon heute noch die fast durchwegs tchechischen Dorfnamen Zeugnis geben. Der dreissigjährige Krieg  brachte  den  Umschwung. Die Randbezirke wurden deutsch. Die Saazer Stadtchronik aus jener Zeit enthält eine Klage des  damaligen noch tschechischen Stadtschreibers, dass die Leute in Saaz nicht mehr tschechisch reden wollen. Durch den Dreissigjährigen Krieg ist ein ausgiebiges Bevölkerungsvakuum geschaffen worden. Der  Hader ruhte durch Jahrhunderte, um erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts wieder mehr und mehr anzusteigen, bis nach dem Weltkriege die Tschechen die Oberhand erhielten, allem Deutschen den Kampf erklärten und sich heute, 1936, ein Kampf aufs Messer vorzubereiten scheint. 

Sprache, nicht Rasse

Ich sagte: Ein Kampf des tschechisch sprechenden Teiles der Bevölkerung  gegen  den deutsch  sprecbenden. Einen Rassenunterschied in Böhmen finden zu wollen, wie es von Nicht-Kennern des Landes versucht wird (Hitler), ist zwecklos. Durch das jahrhundertelange, teils friedliche, teils kriegerische Nebeneinanderleben- und einander Durch­dringen der Bevölkerung ist eine Mischrasse entstanden, in der sich die beiden Teile nur durch die Sprache; die sie (jeweils) sprechen, nicht aber nach Schädelform, Charakter­eigenschaften, Kulturniveau usw. unterscheiden. Es liegt weder für Tschechen noch für Sudetendeutsche ein Grund vor, einen Menschen, der die andere Sprache spricht, aus diesem Grunde zu verachten und persönlich anzufeinden. Soweit  er anständig und tüchtig ist, kann er geachtet werden. Falsch und schwächlich allerdings wäre es, in Kampfzei­ten sich nicht  ehrlich auf die Seite der Menschen gleicher Muttersprache zu stellen – selbst dann, wenn auf  der Gegenseite auch vielleicht Verwandte stehen, ein Fall, der in Böhmen wohl sehr oft vorkommen wird.

Nicht zu verwechseln sind die Verhältnisse in Böhmen etwa mit jenen in Galizien,  der Slowakei,  Slowenien. Die dort lebenden Polen, Ruthenen, Slowaken, Slowenen sind an volkscharakterlichen Eigenschaften und Kulturniveau so weit unter den eingewanderten Deutschen gestanden, dass eine Mischung praktisch nicht stattgefunden hat, was sich äus­serlich schon in der abstechenden Bauart und dem Zustand der Häuser zu zeigen pflegt.